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Brief an Gesetzgeber

Bollwerk gegen den Wolf: Bürgermeister im Berchtesgadener Land sehen Zukunft der Landwirte in Gefahr

Marktschellenbergs Bürgermeister Michael Ernst ist der Verfasser des Briefs zum Thema Wolf, das alle 15 Gemeindechefs des Landkreises unterzeichnet haben.
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Marktschellenbergs Bürgermeister Michael Ernst ist der Verfasser des Briefs zum Thema Wolf, das alle 15 Gemeindechefs des Landkreises unterzeichnet haben.

Der Wolf bewegt den Landkreis Berchtesgadener Land: In einem gemeinsamen Brief an den Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, den alle 15 Bürgermeister inklusive Landrat Bernhard Kern unterzeichnet haben, fordern sie schnelles Handeln, nachdem in den vergangenen Monaten immer wieder Wolfsübergriffe zu verzeichnen waren. 

Landkreis Berchtesgadener Land - Marktschellenbergs Bürgermeister Michael Ernst ist der Autor des vorliegenden, sieben Seiten umfassenden Schreibens. In seiner Gemeinde war im vergangenen Jahr ein Wolf durchmarschiert - und hatte ein Schlachtfeld unweit des Ortskerns auf einer Weidefläche hinterlassen. Im Ort hat der Übergriff nicht nur bei der Bevölkerung für Aufsehen gesorgt. Vor allem unter den Almbauern fühlt man sich gegängelt. Wie soll, wie darf man handeln, wenn der nächste Wolf sein Unwesen treibt? „Seit dem Wolfsriss gab es in unserer Region weitere Übergriffe, Verkehrsunfälle und Sichtungen von Wölfen, zuletzt vor wenigen Tagen in Schneizlreuth”, schreibt Bürgermeister Ernst. Die Diskussion über den Wolf sei auch Monate danach „nicht verstummt”. Im Gegenteil: Das Problem ist den Verantwortungsträgern spätestens mit Beendigung der touristischen Sommersaison „noch bewusster geworden”. 

50 Almen mit Weidetierhaltung

Denn im Berchtesgadener Land wird Almwirtschaft noch aktiv betrieben. Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger aus Bischofswiesen zählt mehr als 50 Almen, viele davon mit Weidetierhaltung. „Almbauern sehen keine praktikable Chance, ihre Weidetiere zu schützen”, weiß Ernst, der als Sprecher für Wolfs-Angelegenheiten inoffiziell zum Beauftragten des Landkreises Berchtesgadener Land berufen wurde. 

Die Errichtung von Herdenschutzzäunen nimmt laut ihm einen Umfang an, “der nicht bewältigt werden kann”. Berücksichtigt werden müsste die Topografie im Gebirge. „Vielerorts wird die Errichtung von Zäunen gar nicht möglich und aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll sein.” Weil auf vielen Flächen Freiweiderechte bestehen, seien Schutzzäune “rechtlich unmöglich”. Wegen winterlicher Verhältnisse in alpiner Lage könnte der Schnee zudem „erhebliche Schäden” an den Zäunen hinterlassen. Auch bei Herdenschutzhunden vertreten die Landkreis-Bürgermeister eine klare Haltung: Konfliktpotenzial mit Erholungssuchenden und Urlaubern sei möglich, vielleicht wahrscheinlich: „Das Problem würde de facto nicht gelöst sein.” 

Für Marktschellenbergs Bürgermeister stellt sich die Frage, „ob der Tierschutz für Weidetiere geringer als jener des Wolfes angesiedelt ist”. Der Gesetzgeber, so der Wunsch, soll nun helfen. Aber: „Ein Auslöschen des Wolfsbestands oder eine ähnliche Forderung liegt allen fern”, schreibt der Briefverfasser. 

Angst vor Angriffen auf Menschen

Die Sorge vor einem Übergriff - nicht nur auf Weidetiere - ist weiterhin groß: „Es ist keinesfalls so, dass es in Europa in den letzten Jahren keine Wolfsangriffe auf Menschen gegeben hätte”, schreibt der Gemeindechef und beruft sich auf die Dokumentation des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags. Auch in Marktschellenberg würden seit der Wolfsattacke Elternteile ihre Kinder zur Schulbushaltestelle begleiten und bis zur Ankunft des Busses warten. Nicht nur das Berchtesgadener Land sei von der Problemstellung betroffen, sondern der gesamte „ländliche Raum entlang der Alpenkette”

Das Bundesamt für Naturschutz spricht von derzeit 157 Rudeln, 27 Wolfspaaren sowie 19 sesshaften Einzelwölfen. Die Schadensstatistik zeigt „eine deutlich steigende Entwicklung an Wolfsrissen”, fasst Michael Ernst die Zahlen der Dokumentationsstelle des Bundes zum Thema Wolf zusammen. 

Im Rahmen der Berner Konvention, dem „Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume“, fordert Ernst Gebiete mit „unterschiedlichem potentiellen Wert für die Erhaltung der Wölfe”: Zonen, in denen Wölfe vollständig geschützt wären, Areale, aus denen eine Entfernung möglich wäre, sowie Gebiete, in denen „mit den Einschränkungen der geltenden Jagdvorschriften gejagt werden darf”. 

Französisches Vorbild als Lösung?

Laut Ernst würden in Zukunft viele Landwirte aufgeben, „falls sich keine Verbesserung der Ausgangslage abzeichnet”. Der Schäden wäre „immens”. Nur regional differenziertes Bestandsmanagement würde die Grundlage bilden, “Handlungsmöglichkeiten zu schaffen”. Als Vorbild führen die Landkreis-Bürgermeister das französische Modell an, bei dem „ausnahmsweise unter streng festgelegten Bedingungen bis zu 19 Prozent der jährlich geschätzten Wolfe letal entnommen werden” dürfen. 

Den Brief hatten die Landkreis-Bürgermeister in der jüngsten Bürgermeistersprechstunde gemeinsam abgestimmt, wie Michael Ernst am Telefon bestätigt. Verschickt wurde das Schreiben nicht nur nach Berlin und dort auch an Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Auch an Umweltminister Thorsten Glauber sowie Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber wurde der Brief gerichtet. Erhalten haben diesen zudem die Bundestagsabgeordneten aus der Region, Dr. Bärbel Kofler (SPD) und Dr. Peter Ramsauer (CSU).

kp

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