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Der Wald als Poesie

Von Rügen bis Berchtesgaden: Stefan Erdmann möchte „Seele des Waldes“ sichtbar machen

Stefan Erdmann
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Freilich ist der richtige Moment entscheidend, wenn die Stimmung kommt, das gewaltige Licht, wenn vielleicht nochmal kurz die Sonne durchblitzt. „Immer wieder anders“, schwärmt Stefan Erdmann.

Die tiefe Liebe zum Wald ist in seinem Blick, in all seinen mit Bedacht gewählten Worten, an seinem behutsamen Barfuß-Gang über den weichen Moos- und Erdboden zu spüren. Seine Eltern nahmen ihn schon als kleines Kind mit in den Forstenrieder Park im Süden Münchens: Zum Schwammerl suchen.

Berchtesgadener Land - Für Stefan Erdmann begann hier eine große Liebe und Leidenschaft, die er sich bis heute bewahrte. Früher wollte er Rock-Star werden, mit zwölf schrieb er erste Songs. „Und schon damals ging es bei mir oft um das Thema Wald“. Er stand sogar kurz vor einem Plattenvertrag. Das „Musik machen“ hörte nie auf, erste kleine Filme unterlegte der gebürtige Münchner mit seinen eigenen Kompositionen, „ohne große oder professionelle Intention“. Schraubten seine jugendlichen Spezln an ihren Mofas rum oder gingen ins Kino, ging er in den Wald und erntete unverständliche Blicke. „Mit dem stimmt was nicht“, erinnert er sich an Aussagen in den späten 1970ern.

Stundenlang konnte Stefan Erdmann schon damals an einer Stelle sitzen und lauschen: Dem beruhigenden Blätterrauschen, dem latent bedrohlichen Knarzen der Bäume, die sich im Wind biegen, dem so vielseitigen Vogelkonzert hoch oben in den Kronen, dem gleichmäßigen Plätschern eines kleinen Bachlaufs. Das macht er bis heute. Wenn er schließlich, ergriffen von diesen Eindrücken, voller Empathie über „seinen Wald“ spricht, wird alles ganz still. Weil er bewusste Pausen einlegt – zum Hören, Ruhigwerden, Atmen. „Eine Offenbarung“, sagt er. „Hier wird der Mensch so klein und bedeutungslos.“ Wer will der Erhabenheit einer 800 Jahre alten Buche mit acht Metern Durchmesser etwas vormachen? Umgeben von Bäumen, mitten in einem Wald zu sein, ist für ihn „Ankommen“, ist Heimat: „Da kann es noch so stressig sein und sich unbezahlte Rechnungen auf dem Schreibtisch stapeln. Mit dem ersten Schritt relativiert sich alles, selbst die für uns alle schwierige und belastende Corona-Situation. Ich bin dann mit allen Sinnen da und kann mich nicht sattsehen. Hier ist so viel Leben.“

Der Wunsch, die so vielfältigen deutschen Wälder „anders zu zeigen“, schlummerte schon lange in Stefan Erdmann, der seit 2008 im Chiemgau lebt. Durch eine Island-Reise sieben Jahre zuvor avancierte er plötzlich zum Filmemacher mit außergewöhnlichen Facetten. Bis dahin war er über 20 Jahre Geschäftsführer einer eigenen Werbeagentur. Auf der Nord-Atlantik-Insel gelang ihm förmlich der Sprung ins kalte Wasser. Er bewies Mut, ließ fast alles hinter sich und reiste noch einige Male zu diesem nahezu waldfreien, sagenhaften Natur-Schauspiel. Heraus kam ein Werk, das seinesgleichen sucht. Beeindruckende Filme über die Kanaren, das Königreich Bhutan oder den Chiemgau (zwei Teile) folgten. Das Besondere, wenn Erdmanns Bilder auf große Leinwände in Kinos oder Theaterhäusern projiziert werden, ist seine persönliche Anwesenheit inklusive Live-Kommentar. „Danke für diese Symphonie“, schrieb die Besucherin eines Vortrages als Lohn für 90 Minuten Erlebnis, stellvertretend für so viele.

Tragischer Perfektionismus

Stefan Erdmann ist mit den Wäldern verbunden, sagt er. Hundertmal kann er vor der gleichen Stelle stehen. „Und immer fühlt es sich neu an. Das Licht fällt wieder anders und ich kann nicht anders, als es nochmal aufzunehmen.“ Sein Perfektionismus ist fast schon tragisch, gibt er zu. „Weil ich denke, es geht immer noch ein Stück weit besser.“ Er will seinen Vortragsgästen den eigenen emotionalen Zugang vermitteln. Die Intention: Keinen weiteren Wald-Film drehen, wie es sie schon dutzende gibt. „Ich schau mir alle Filme über Wälder wahnsinnig gern an, sie sind oft sagenhaft produziert. Dennoch sind sie für mich meist zu wissenschaftlich, zu technisch und zu schnell geschnitten. Mir geht es um Gefühle, Emotionen, Poesie“ – letztlich „Die Seele des Waldes“, den Titel des Films.

Erdmann will niemandem den Wald (neu) erklären, das hätten andere längst gemacht. „Für viele ist Wald einfach nur Wald. Doch jeder hat seinen eigenen Charakter, es gibt dort so viele Einzigartigkeiten, so viele Energien, ohne ins Esoterische abzudriften.“ Er zeigt auch aufgeforstete Monokulturen wie um seine Geburtsstadt München herum. „Dieser Wald kann ja nichts dafür, wie er aussieht, und dass in ihm alles in Reih und Glied steht. Dort ist mehr Leben als viele vielleicht vermuten würden. Es wachsen Schwammerl und Rehe laufen durch, der Boden ist belebt“, sagt der frühere Industriemeister für Druck und Papier.

Regelrecht fantastische Lichtstimmung am Hintersee.

Die Außergewöhnlichkeit gelingt Stefan Erdmann durch Alleinstellungsmerkmale: Bild, Musik und Sprache als harmonische Gesamtkomposition. Ein starkes Dreierpaket, mit dem er seinen Besuchern schon mal Tränen der Rührung in die Augen treibt. Er zeigt neue Blickwinkel, meist mit den Geschöpfen auf Augenhöhe. Das verleiht ihnen wiederum etwas Erhabenes. Die erstaunlichsten Dinge liegen wie so oft im Detail, die das bloße Auge meist nicht sieht. Erdmann dreht mit einer Hybrid-Kamera, grundsätzlich für Foto-Aufnahmen konzipiert, jedoch zum Filmen in hervorragender 4K-Qualität perfekt geeignet – unter anderem weil klein und leicht. „Sie kann 120 Bilder pro Sekunde aufnehmen, das wiederum erzeugt einen beeindruckenden Zeitlupen-Effekt.“ Im richtigen „Gegen“-Licht, wenn bestenfalls noch Insekten umherschwirren, wirkt alles wie Magie. „Ein echter Zauber-Moment ist, wenn im November der Regen in Schnee übergeht“, schwärmt der 55-Jährige.

Die Faszination liegt in der Symbiose und der Resonanz zwischen dem Ort, an dem er sich befindet – beispielsweise an einer lichten Stelle im Wald – und ihm selbst: „Was dabei passiert, ohne abgehoben zu klingen, ist berührend, weil es etwas mit einem macht.“ Wenn Erdmann an einem Herbstmorgen einige Stunden den Nebel an einem See beobachtet und jede Stimmungsänderung mit allen Sinnen aufnimmt, tankt er Kraft und Energie für eine lange Zeit. „Da kann dann fast kommen, was will, weil ich eine ganz andere Ruhe in mir trage.“ Mit diesen Reserven sei er gegen Rückschläge, Enttäuschungen und die durch Corona hervorgerufenen Schwierigkeiten zumeist gut gerüstet. Die Pandemie hat auch ihn, den freischaffenden Filmemacher, voll erwischt. „Natürlich wird die finanzielle Lage immer schlimmer und es gibt Phasen voller Zweifel. Aber ich ein optimistischer Mensch und die Natur gibt mir mit ihrer Schönheit täglich die Motivation, weiterzumachen und dieser Situation die Stirn zu bieten.“

Einer von vielen Lieblingsbäumen Stefan Erdmanns. Gelegen im Chiemgau. Mehr wird örtlich nicht verraten. „Ich will keine Insta-Hotspots wie am Königssee für irgendwelche Influencer erzeugen, die letztlich nichts für die Natur übrig haben, stattdessen so viel zerstören – und das alles für höhere Klickzahlen und immer noch mehr Likes.“

Ganz leise und eher subtil

Eher nicht bei strahlend blauem Himmel, lieber „wenn ein Sturm angekündigt ist, mach ich mich sofort auf den Weg. Dann gibt es meist gewaltige Szenarien, die ich festhalten möchte.“ Wenn eine „schöne Front“ durchzieht, kann er nicht drinbleiben. Freilich ist der richtige Moment entscheidend, wenn die Stimmung kommt, das gewaltige Licht, wenn vielleicht nochmal kurz die Sonne durchblitzt. „Immer wieder anders“, schwärmt er. Fotografie und Filmerei sei die Kunst und Herausforderung, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Aktuell lebt er bei Grabenstätt, hat nicht weit zum oft stimmungsvollen Chiemsee oder ins so vielseitige Berchtesgadener Land. „Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mich an einem Herbsttag um 5 Uhr auf den Weg gemacht habe und intuitiv zum Hintersee gefahren bin. Es war extremer Nebel und ich wollte umdrehen. Aber ich bin geblieben und für wenige Augenblicke herrschte dort eine Lichtstimmung, wie man sie nicht alle Tage vorfindet. Atemberaubend.“

„Ich werde kein Waldsterben zeigen. Schlechte Nachrichten bekommen wir 24 Stunden um die Ohren gehauen. Das braucht kein Mensch, der zu einem Vortrag über den Wald ins Kino kommt. Es gibt noch viele schöne und gesunde Wälder und Bäume. Ich zeige das Waldleben“, sagt Erdmann. Und doch wird der Film voller Zukunftsbotschaften sein. „Aber auf keinen Fall mit erhobenem Zeigefinger. Ich mach das nicht laut, sondern eher wie der Wald, also ganz leise und eher subtil.“

Der erste Vortrag seit 17 Monaten

Stefan Erdmann brachen im Frühjahr 2020 durch Corona rund 40 ausverkaufte Vorträge weg, ein immenser finanzieller Verlust. Einen seiner letzten Auftritte hatte er im Februar 2020 im Reichenhaller Park-Kino. Seitdem gab es keine Einnahmen mehr, die Herbst-Winter-Tour 2020/21 fiel aus. Doch er dreht weiter: Im Chiemgau, Berchtesgadener Land, in der Rhön oder im Pfälzer Wald, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands. Er schneidet seine Filme in Alleinregie, finanziert alles selbst, doch langsam sind die finanziellen Reserven erschöpft. Eine Crowdfunding-Aktion soll helfen, diese Einbußen etwas aufzufangen und ein Weitermachen zu ermöglichen. Jeder, der den Film unterstützen möchte, kann Teil der „Seele des Waldes“ werden und bekommt eine Gegenleistung – alle Informationen dazu unter www.startnext.com/waldfilm.

Ein Bild vom Chiemsee, aufgenommen von Erdmann.

Aus am Ende vermutlich weit über 300 Stunden Filmmaterial sollen am Ende knapp 100 Minuten für „Die Seele des Waldes“ entstehen. Film-Komponist Jens Lück aus der Lüneburger Heide, mit dem Erdmann seit 15 Jahren zusammenarbeitet, wird auch dieses Werk musikalisch ausgestalten. Durch seine eigene musikalische Vergangenheit weiß der Kameramann schon bei den Aufnahmen, wie dieser oder jener Wald „klingen“ soll. Im Frühjahr 2022 möchte er den Film bestenfalls präsentieren. Möglicherweise verzögert sich dieses Ziel, weil Erdmann noch „einen g‘scheiden Winter braucht“. Er müsse nochmal an die Ostsee: „Auf Rügen reichen die Wälder bis zwei Meter an die Küste, am Strand liegen die abgestorbenen Bäume – wenn dort ein eisiger Wintersturm drüberfegt, gibt das großartige Bilder.“

Im Rahmen der „13. Waginger Filmtage“ ist Stefan Erdmann am Freitag, 23. Juli, ab 20.30 Uhr mit seinem live kommentierten Chiemgaufilm „Heimat 46° 48° N“ im Kurpark zu erleben – der erste Live-Auftritt seit über 17 Monaten.

bit

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