Auch Gemeinden aus dem Berchtesgadener Land beteiligt

„Wo sind unsere Perspektiven?“ Offener Brief zur Zukunft des Tourismus an Ministerpräsident Söder

Berchtesgadener Land/Oberstdorf/Garmisch-Partenkirchen - Seit Monaten hängen die Gastronomiebetriebe und Tourismusregionen im Lockdown fest. Eine Aussicht auf Besserung der Lage gibt es derzeit noch nicht. In einem offenen Brief an Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder appellieren jetzt Vertreter der Tourismusbranche für eine Perspektive zum Lockdown-Ende. Mit dabei sind auch Bürgermeister von Gemeinden aus dem Berchtesgadener Land.

Der offene Brief im Wortlaut:


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

nach einem Pandemie-geprägten Jahr 2020 wiederholt sich die Situation am Jahresanfang für Beherbergungsbetriebe und Gastronomie in unseren Regionen: Weder ein Aufatmen durch Umsätze wahrend der Weihnachtszeit, noch die Winter- und Skisaison konnten die Situation in den Kassen der Betriebe verbessern. Bis auf unbestimmte Zeit bleiben Beherbergungsbetriebe, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen geschlossen.


Mit Erleichterung registrieren wir die Entscheidung, im Bereich des Handels und der Friseure baldmöglichst Lockerungen umzusetzen. Beherbergungsbetriebe sowie Unternehmen der Gastronomie und Freizeitwirtschaft scheinen bei der derzeit uns bekannten Planung leider unter den Tisch zu fallen.

Der Tourismus in den Alpenregionen ist für eine stabile Wirtschaftslage unverzichtbar. In der Region Bergerlebnis Berchtesgaden betrug der touristische Bruttoumsatz 2019 rund 338 Millionen Euro. Im Markt Garmisch-Partenkirchen bewegt er sich in einer vergleichbaren Größenordnung. Die direkte und indirekte Abhängigkeit des Arbeitsmarktes vom Tourismus ist immens. Die Umsatzeinbrüche durch die Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 konnten durch den vergangenen Sommer einigermaßen ausgeglichen werden - wir hofften weiter auf starke Umsätze um Weihnachten. Doch schon ab 20. Oktober 2020 wurde in Berchtesgaden ein Lockdown verhängt, bayernweit wurden ab 2. November 2020 die Beherbergungs-, Gastronomie- und Handelsbetriebe sowie die Freizeiteinrichtungen geschlossen - die Lage seitdem hat alle Hoffnungen zunichte gemacht. Die Situation vieler Unternehmen ist kritisch. Die touristischen Umsatzverluste in Oberstdorf bis Mitte März 2021 betragen rund 150 Millionen Euro. Nicht eingeschlossen sind die nicht getätigten Umsätze im Rahmen der FIS Nordischen Skiweltmeisterschaften Oberstdorf/Allgäu. Beherbergungsbetriebe, Gaststätten, Einzelhandel und viele weitere Dienstleister gehen hier weitgehend leer aus - weil keine Zuschauer zugelassen sind.

Allein in der Region Bergerlebnis Berchtesgaden und im Markt Garmisch-Partenkirchen gibt es rund 3000 Beherbergungsbetriebe, in Oberstdorf stehen 16.000 Gästebetten zur Verfügung. Zwei Drittel dieser Betriebe sind nichtgewerbliche Privatvermieter oder Ferienwohnungsbesitzer, die aber, wie jeder andere Betrieb, Steuern und weitere Gebühren abführen müssen. Trotz großer Umsatzeinbußen erhalten diese Betriebe seit dem Lockdown keinerlei finanzielle Hilfen.

Die Buchungslage für die kommende Sommersaison ist schlecht. Die mangelnde Planungsperspektive stößt die Gäste ab - eine Buchung erscheint unsicher und wird vermieden. Kritisch sehen wir auch eine Öffnung ausschließlich von Beherbergungsbetrieben, denn sollten Ausflugsziele und Gastronomie weiterhin geschlossen gehalten werden, verliert der Aufenthalt in den Urlaubsregionen zu stark an Attraktivität. Wir fürchten um die Qualität in unseren touristischen Betrieben, die stark von geeignetem Personal abhangt. Sollten wichtige touristische Destinationen außerhalb Bayerns in der unmittelbaren Umgebung früher wiedereröffnen, riskieren wir eine Abwanderung von qualifiziertem Fachpersonal in andere Regionen.

Es ist uns wichtig, deutlich zu unterstreichen, dass wir die ergriffenen Maßnahmen zum Schutz der bayerischen Bevölkerung vor einer Covid19-Ansteckung in vollem Umfang unterstützen und befürworten. Wir verstehen, dass auch die touristische Wiedereröffnung vom Erreichen eines niedrigen Inzidenzwert abhängig sein soll. Die große Abhängigkeit der Alpenregionen aufgrund ihrer geografische Lage und Grenznähe macht deutlich, dass wir uns über das aktuelle Grenzregime hinaus von der Landesregierung sowohl kurz- als auch mittelfristig eine Perspektive erwarten, wie der Lockdown zu einem Ende geführt werden kann. Vor diesem Hintergrund richten wir zugleich die dringende Bitte an Sie, für einen raschen Vollzug der beschlossenen finanziellen Hilfen für die Unternehmen zu sorgen.

Die touristischen Betriebe in unseren Regionen haben verlässliche Hygienekonzepte entwickelt, die ihre Effizienz und Effektivität beweisen konnten. Wir sind als Regionen grundsätzlich bereit, destinationsspezifische Gesundheits- und Hygienekonzepte mit entsprechenden Maßnahmen zur Prävention, als auch für das Management von Verdachtsfällen und bestätigten Covid-19 Fällen für unsere Destination systematisch und strukturiert auszugestalten. Dafür benötigen wir aber auch die Unterstützung der Bayerischen Landesregierung, indem beispielsweise die Kosten einer detaillierten Abwasseranalyse auf Coronaviren in allen touristischen Regionen übernommen werden.

Wir werben mit fester Überzeugung und großem Nachdruck dafür, ernsthaft eine Lockerung aller Betriebe in der Beherbergung, Gastronomie und Freizeitwirtschaft zu Ostern 2021 zu prüfen. Je später eine Öffnung erfolgt, desto gefährdeter wird die ohnehin schon angespannte, schwierige wirtschaftliche Situation in den touristisch geprägten Alpenregionen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bartl Wimmer, Verbandsvorsitzender Zweckverband Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee
Elisabeth Koch, 1. Bürgermeisterin Markt Garmisch-Partenkirchen, Aufsichtsratvorsitzende GaPa Tourismus GmbH
Klaus King, 1. Bürgermeister Markt Oberstdorf
Hannes Rasp, 1. Bürgermeister Gemeinde Schönau am Königssee
Franz Rasp, 1. Bürgermeister Marktgemeinde Berchtesgaden
Herbert Gschoßmann, 1. Bürgermeister Bergsteigerdorf Ramsau
Thomas Weber, 1. Bürgermeister Gemeinde Bischofswiesen
Michael Ernst, 1. Bürgermeister Markt Marktschellenberg

Offener Brief des Zweckverbandes Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee

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