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„Irre Summe an Lebenszeit“ für sein „Baby“ investiert

Große Ehre für Berchtesgadener Kriseninterventionsdienst-Pionier Helmut Langosch

Kern Langgosch Bechtel
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Helmut Langosch (Mitte) hat den Kriseninterventionsdienst vor mehr als 20 Jahren ins Berchtesgadener Land gebracht. Vor kurzem übergab er die Leitung an Daniel Bechtel (rechts). Mit auf dem Bild: Landrat Bernhard Kern.

Pioniergeist bewiesen hat Helmut Langosch: Anfang der 2000er-Jahre gründete er den Kriseninterventionsdienst Berchtesgadener Land (KID). Das Angebot der fachlichen Unterstützung von Angehörigen und Betroffenen nach Unfällen und Unglücken war bayernweit eines der ersten. Langosch wurde nun mit der Landkreismedaille des Berchtesgadener Landes in Gold ausgezeichnet.

Berchtesgadener Land – „Dank des Pioniergeistes und des ungebremsten Engagements von Helmut Langosch ist KID in unserem Landkreis zu einer Erfolgsgeschichte geworden“, so eröffnete Daniel Bechtel die Laudatio auf den Geehrten. Mittlerweile hat das Bayerische Rote Kreuz KID in ganz Bayern eingeführt. Bechtel ist mittlerweile Teamleiter des KID, er hat Langosch nach über 600 Einsätzen und zwei Jahrzehnten an der Spitze des Kriseninterventionsdienstes, abgelöst. 

Mit Tränen in den Augen steht Langosch nun auf der Bühne des Alpen Congress, „ich bin sprachlos“, sagt er. Dass er während der Feierlichkeiten zum 50. Jahrtag des Berchtesgadener Landes geehrt würde, blieb bis zuletzt ein gut gehütetes Geheimnis.

Langosch erkannte vor 23 Jahren bereits den Mangel

Die Geschichte hinter dem Kriseninterventionsdienst reicht zurück ins Jahr 1999. Damals war Helmut Langosch bei einem Sanitätsausbilder-Lehrgang in Augsburg. „Was er dort das erste Mal gehört hatte und was bei ihm auf großes Interesse stieß, war die Krisenintervention“, sagt Daniel Bechtel. In Bayern gab es damals nur zwei Kriseninterventionsteams, eines in München, das andere in Augsburg. Die Krisenintervention steckte noch in ihren Kinderschuhen. Erst seit kurzem gab es einen Ausbilderlehrkurs für Kriseninterventionsberater.

Und Langosch: „Der kannte durch seinen Beruf im Rettungsdienst die Not und den Unterstützungsbedarf von Angehörigen und Betroffenen bei Unfällen, Unglücken und die Hilflosigkeit“, vor der Rettungskräfte in solchen Situationen oftmals stehen, sagt Bechtel. Angehörige in scheinbar auswegloser Lage brauchen Zeit und Menschen, „die sich ein paar Stunden Zeit nehmen und in der Situation beistehen.“ Hilfsorganisationen und Rettungsdienst konnten das nicht leisten. „Polizei und Feuerwehr müssen gleich wieder fahren und sich für den nächsten Einsatz bereit machen.“ Zeit zur Krisenintervention bleibt da keine.

Langosch habe den Mangel erkannt. Er nahm Kontakt nach Augsburg auf, traf sich mit dem dortigen Teamleiter. Auf drei großen Blättern Papier entwickelten die beiden einen „mehrjährigen Plan zur Implementierung eines KID-Teams für das Berchtesgadener Land“. Die drei Seiten hütet Helmut Langosch noch heute zuhause. 

Trotz Gegenwind: 2001 war es dann soweit

Jede freie Minute habe Helmut Langosch in Augsburg verbracht, weiß Kollege Bechtel. Er machte die Ausbildung zum Krisenberater und wartete am Ufer eines Sees mit einem Funkmeldeempfänger darauf, bei Einsätzen mitzufahren und hospitieren zu können, „um wertvolle Erfahrungen für den Dienst in Berchtesgaden zu sammeln“. Langosch habe sich Mitstreiter für das KID-Team gesucht und diese animiert, ebenfalls mit der Ausbildung und der Hospitation zu starten. 

Am 3. März 2001 konnte das Kriseninterventionsteam in Berchtesgaden die Arbeit aufnehmen. Es war bayernweit eines der ersten überhaupt. Viel Skepsis habe Helmut Langosch damals erfahren, der Gegenwind blies kräftig. Kaum einer wusste, was ein Kriseninterventionsteam ist und wie ein solches arbeitet. „Mit viel Überzeugungsarbeit und in unzähligen unermüdlichen Gesprächen“ sei es dem Berchtesgadener schließlich gelungen, den Dienst schon bald für das gesamte Berchtesgadener Land zu etablieren. 

„Hatte immer jeden Einzelnen im Blick“

Die KID-Mitarbeiter wurde gleich in den ersten Jahren stark gefordert: Schwere Autounfälle und Katastropheneinsätze, wie jener bei der Eishalle in Bad Reichenhall am 2. Januar 2006, zeigten zudem den Bedarf für die Organisation. Helmut Langosch warb in der Folge um Verstärkung des Teams und erwarb später selbst die Ausbildereignung, um Interessierte am Kriseninterventionsdienst auf die schwierige Aufgabe vorzubereiten, um Angehörige, Betroffene oder Hinterbliebene empathisch und der Situation entsprechend aufzufangen. „Fürsorge für die Teammitglieder wurde bei Helmut immer großgeschrieben“, erinnert sich Daniel Bechtel, „er hatte immer jeden Einzelnen im Blick“. 

Auch an den Einsatzkräften ging so manches Erlebnis nicht spurlos vorüber: „Sie haben ganz andere Bedürfnisse und brauchen daher auch andere Gesprächspartner“, heißt es beim Kriseninterventionsdienst Berchtesgadener Land. 

Im Rahmen der Fünf-Jahresfeier des KID im Landkreis wurde deshalb das „Critical Incident Stress Management“-Programm (CISM) aufgenommen und ein Einsatzteam aus Mitgliedern von Feuerwehren, BRK, THW und Kliniken gegründet, die im Notfall an der Seite von Einsatzkräften stehen. CISM ist ein Kriseninterventionsprogramm zur Stressbearbeitung, bei dem der Erhalt „der psychischen Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit im Vordergrund stehen“. 

Langosch drückte nochmal die Schulbank

Angetrieben von vielen Einsätzen, Katastrophen und Großschadensereignissen der vergangenen 20 Jahre und dem Wunsch, die bestmögliche Unterstützung mit dem KID-Team zu gewährleisten, ging es für Helmut Langosch weiter: Im Rahmen eines bayernweiten Pilotlehrgangs schloss er 2009 die Weiterbildung zum Psychosozialen Ansprechpartner ab. Trotz fortgeschrittenen Alters wurde der Berchtesgadener nochmals zum Studenten: An der Donau-Universität in Krems absolvierte er, neben der regulären Arbeit, an Wochenenden den Studiengang „Psychotraumatologie und Stressmanagement“ und schloss ihn mit dem Titel des Akademischen Experten nach drei Jahren ab.

Wegen Corona feierten die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes die 20-Jahr-Feier im vergangenen Jahr nur im Stillen. Auch die Übergabe der KID-Leitung von Langosch an Daniel Bechtel fand nur im kleinen Kreis statt. „Es gibt nur sehr wenige, die eine derartige Aufbauleistung, solch ein Einsatzspektrum und die langjährige Einsatzerfahrung vorweisen können“, sagt der neue Leiter über den alten.

„Irre Summe an Lebenszeit“ in sein „Baby“ investiert

Eine „irre Summe an Lebenszeit“ habe Langosch in sein Amt investiert, hunderte Einsätze geleitet, und dabei vielen Menschen in Notlagen geholfen. Noch heute erinnert die Stelle, an der das Alarmierungsgerät über 20 Jahre lang stand, an Langoschs Arbeit: „Das Holz drumherum hat sich über diesen langen Zeitraum verfärbt“, weiß Daniel Bechtel. „Einen Kriseninterventionsdienst ins Leben zu rufen in einer Zeit voller Skepsis, Tag und Nacht abrufbar zu sein – all das war eine aufopfernde Leistung“, sagt Bechtel.

Als Anerkennung überreicht Landrat Bernhard Kern dem Geehrten die Landkreismedaille in Gold. Helmut Langosch zeigte sich sprachlos, war tränengerührt. „Es war mir immer eine große Freude, so ein Team leiten zu dürfen. Die Arbeit sei eine Teamleistung, nicht das Werk eines Einzelnen“, verdeutlichte er. Sein „Baby“, wie er den Kriseninterventionsdienst bezeichnet, habe er guten Gewissens abgegeben. Denn die Arbeit für KID wird auch in Zukunft nicht weniger.

kp

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