„Boandlkramer“-Verschiebung: Filmisches Vermächtnis Joseph Vilsmaiers bei Amazon Prime

Reichenhaller Kino-Betreiber kritisiert Facebook-Post von „Bully“ Herbig

Reichenhalls Park-Kino-Betreiber Josef Loibl
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Reichenhalls Park-Kino-Betreiber Josef Loibl entfernt frustriert das Plakat des jetzt ins Streaming verschobenen Films „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ aus einem seiner Schaukästen in den Axelmannstein-Kolonnaden.

Der Tod ist abgesagt. Die bayerischen Kinos „feiern“ ihren Abgesang. Ein unmoralisches Angebot des Streaming-Dienstes Amazon Prime sorgt für ein erdrutschartiges Beben in der bayerischen Cineasten-Szene.

Berchtesgadener Land - Die große 2021-Hoffnung „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ wurde nicht nur „verkauft“, sondern sogar „verraten“, wie es die meisten Kino-Betreiber hierzulande nennen. „Das wird dem einen oder anderen Landkino die Existenz kosten“, schreibt eine Lichtspielhaus-Besitzerin auf Facebook und prophezeit weiter: „Den Boandlkramer ohne Kino-Auswertung an Amazon abzutreten, ist der Kinobranche gegenüber moralisch gesehen eine entsetzliche und definitiv falsche Entscheidung – ein Dolchstoß für uns alle. Der Film ist von Start weg für das Kino und die große Leinwand produziert worden.“ Nicht irgendein Streifen, mit rund zwei Millionen Euro Steuergeldern gefördert. Die Branche vermisst den nötigen Zusammenhalt innerhalb der Kulturszene.

Nur einen Tag nach der Verkündung der Verschiebung des Streifens mit Hape Kerkeling, „Eberhofer“-Kommissar Sebastian Bezzel, Hannah Herzsprung, Florian Brückner, Eisi Gulp und vielen weiteren bekannten Schauspielern goss ausgerechnet Hauptdarsteller Michael „Bully“ Herbig mit einem Facebook-Post zusätzlich Öl ins Feuer – quasi an den 2020 verstorbenen Regisseur Joseph Vilsmaier gerichtet: „Mein lieber Joseph, ich würde mich besser fühlen, wenn wir diese Entscheidung gemeinsam mit Dir getroffen hätten. Trotzdem glaube ich, Du hättest bestimmt gewollt, dass Dein letzter Film endlich gesehen wird. Nachdem der Kinostart von ,Der Boandlkramer und die ewige Liebe‘ leider mehrfach verschoben werden musste, wird er nun ab 14. Mai auf Amazon Prime zu sehen sein. Wenn es möglich ist, wieder ins Kino zu gehen, wird man den Film auf der großen Leinwand genießen können. Dafür wurde er gemacht und das sind wir Dir schuldig. Dein Bully.“

Als Reichenhalls Park-Kino-Betreiber Josef Loibl dazu eine Stellungnahme abgegeben hatte, explodierte der Post mit über 9500 ausschließlichen „Daumen hoch“- und „Herzchen“-Likes sowie gut 600 Kommentaren (Stand Montag). Loibl warb bei Bully Herbig um Verständnis für den Unmut und die Enttäuschung der Kinobetreiber, das Vermächtnis von Sepp Vilsmaier – und seinen letzten Film – direkt bei einem Streaming-Anbieter zu starten.

„Wie Du weißt, sind wir faktisch seit über einem Jahr, unterbrochen von einem kurzen Öffnungsintermezzo im Sommer 2020, mit einer behördlich angeordneten Zwangsschließung konfrontiert. Wir waren immer narrisch gern Gastgeber für Deine Produktionen und natürlich für die Vilsmaier- Filme. In diesem Corona-Wahnsinn war der „Boandlkramer“ ein Licht am Ende des Tunnels, da stets propagiert wurde, dass der Film in unseren Häusern starten würde, sobald die Kinos wieder öffnen dürfen. Dieses Licht ist für uns jetzt erloschen, was uns in die pure Verzweiflung treibt. Leider war nun jegliche Werbung umsonst. Bayern hat mit die größte Dichte an inhabergeführten Filmtheatern. Viele von ihnen haben sich dazu entschieden, die Lockdown-Zeit mit teils aufwändigen Renovierungen ihrer Häuser zu nutzen, um nach der Pandemie konkurrenzfähig zu bleiben und natürlich in der Hoffnung, bald öffnen zu können. Letzteres wird von der Regierung permanent abgeschmettert. Was uns noch bleibt sind bei allen, die investiert haben, weitere Schulden und nun das Wegfallen von Filmen, an die man sich geklammert hatte, um den Mut nicht zu verlieren. Leider hilft die Aussicht auf den Februar 2022, wenn wir den Film eventuell zeigen könnten, nur wenig. Ich freue mich für die Fans, die den Film nun endlich sehen können, aber bitte bedenke, dass ein Film wie dieser sein wahres Potenzial niemals auf einem Streaming-Kanal entfalten kann.“

Lob und Gegenwind

Josef Loibl erntete für seinen Eintrag bislang über 730 Likes, dazu massenhaft Lob und gewaltigen Gegenwind gleichermaßen. Teilweise feiern die Facebook-Nutzer einen regelrechten Kino-Abgesang – beispielsweise Alexander May: „Kino ist eh auf dem absteigenden Ast, war vor zehn bis 20 Jahren noch cool, aber heutzutage voll überflüssig. Filme direkt in den Stream, Kino braucht keiner“. Harte Worte, die ein Lichtspielhaus-Besitzer, der mit Leidenschaft Gastgeber ist – eben einer wie Josef Loibl – erstmal verkraften muss. „Wenn jemandem die Empathie für das, was wir hier machen, fehlt, dann ist es halt so. Er muss ja nicht ins Kino gehen. Aber er muss uns auch nicht totreden, nur weil er kein Gefühl für den Film besitzt.“ Das geflügelte „Leben und leben lassen“ wird hier schmerzlich vermisst.

Loibl tut freilich gut, dass die positiven Stimmen klar überwiegen. Mario Warnecke schreibt exemplarisch: „Kino ist Urlaub für die Seele. Ich vermisse das unsagbar“. Der Reichenhaller Comedian Cengiz Öztunc sagt: „Ich werde mir den Film nicht nur einmal anschauen. Sondern zuerst bei Prime, und sobald unser Park-Kino in Bad Reichenhall – für mich eines der schönsten Kinos – wieder öffnet, werde ich ihn dort anschauen.“ Mario Schäfer schwärmt: „Grandiose Filme gehören auf die Leinwand. Die Idee alleine macht keinen Film grandios, sondern nur das Zusammenspiel.“

Sogar Michael „Bully“ Herbig selbst antwortet auf Loibls Ansinnen: „Lieber Josef Loibl, jedes Wort kommt bei mir an. Die unerträgliche Situation ist allen bekannt. Die Verantwortlichen haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht und sie wurde gemeinsam mit Menschen getroffen, die Joseph Vilsmaier sehr, sehr nahe standen. Er liebte den Film, war aber gleichzeitig Pragmatiker. Wahrscheinlich wäre er persönlich zu jedem einzelnen Kinobetreiber in Bayern gefahren, um zu erklären, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Und dafür hätten ihn alle geliebt. Für mich war, ist und bleibt Kino das Größte.“

Eine Watsch‘n für die Kinobranche

Unterstützung erhält Josef Loibl von seinen Kollegen aus Berchtesgaden. Der frühere Kur- und Schwaben-Kino-Besitzer Hans Klegraefe sieht das Ende des Kinos gekommen und geht mit Bully Herbig nicht zimperlich um: „Der Sepp (Vilsmaier) würde sich im Grab umdrehen, wenn er davon hören würde. Einen Film, noch dazu einen deutschen, vor dem Kinostart ans Fernsehen zu verscherbeln und nicht ins Kino zu bringen, wäre für ihn ein absolutes No-Go gewesen. Des Geldes wegen, seine Seele für das Kino zu verkaufen, ist eine absolute Frechheit und eine Watsch‘n für die deutsche Kinobranche. Sie wird schwerwiegende Folgen haben. Wäre ich noch in der Kinobranche tätig, würde ich Herrn Herbig eine Schadensersatzklage anhängen. Die Kinobetreiber zahlen bei der FFA eine nicht unerhebliche Abgabe, die sich nach den Besuchern pro Jahr richtet. Dieser Topf soll der Kinobranche zugutekommen, nicht dem Fernsehen.“

Der aktuelle Kur-Kino-Betreiber in Berchtesgaden, Thomas Kastner, schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Wir hatten mit ,Herbstmilch‘ die erste Vilsmaier-Premiere bei uns im Kino. Der Joseph hat damals jedem die Hand geschüttelt und war so stolz, dass sein Film auf der großen Leinwand und vor ausverkauftem Saal gezeigt wurde. Ohne uns Kinobetreiber in Bayern wäre der Boandlkramer-Film nicht einmal beworben worden. Vor drei Jahren hat mir der Joseph noch erzählt, dass es sein Herzenswunsch ist, noch einen Boandlkramer-Nachfolger ins Kino zu bringen. Es wäre definitiv nicht in seinem Interesse gewesen, den Film im Stream zu verwerten und somit einem Großteil seiner Fans vorzuenthalten. Es war sein letzter Film – mir fehlen die Worte.“

bit

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