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Am Schülerforschungszentrum in BGL

Hirnforscher Dr. Hüther plädiert bei Wissenschaftsgespräch für Kurswechsel im Bildungssystem

Schülerforschungszentrum in Berchtesgaden
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Die Freude am Lernen: Seit zehn Jahren besuchten tausende Kinder und Jugendliche das Schülerforschungszentrum in Berchtesgaden.

„Wir haben ein Bildungssystem, das den Begriff Bildung gar nicht mehr verdient“, sagt der renommierte Hirnforscher Dr. Gerald Hüther beim Wissenschaftsgespräch des Schülerforschungszentrums Berchtesgadener Land. Seit Jahren setzt er sich für dessen Reform ein. Mit den Teilnehmenden diskutierte er über Bildungsmöglichkeiten, die Kinder dabei unterstützen, sich zu entfalten und ihr Potenzial zu leben. Gelingen könne dies nur mit einem Kurswechsel des Schulsystems, so der Neurobiologe, der lange Zeit am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen geforscht hat. 

Berchtesgadener Land – Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er leitete eine von ihm aufgebaute Forschungsabteilung an der psychiatrischen Klinik in Göttingen und war bis 2016 als Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen beschäftigt. Dann entfloh er der Wissenschaft. „Ich musste selbst erst suchen, was ich eigentlich wollte“, sagt er. Er sorge sich darum, dass „in unserem Land eine Entwicklung in Gang gebracht wurde, in der Menschen sich so viel Spezialwissen aneignen, dass sie zwar toll sind mit ihrem Fachwissen, aber nicht über den Tellerrand hinausgucken können“.

Hüther hat eine Vision eines Bildungssystems der Zukunft ersonnen. Unter dem Motto „Lernlust statt Lernfrust“ ist es ausgewiesenes Ziel, „dass unsere Kinder als kompetente Problemlöser, Tüftler und empathische Kommunikationskünstler den sich immer rascher vollziehenden Wandel unserer Gesellschaft gemeinsam mit uns gestalten“. Nur durch einen Kurswechsel im Schulsystem, das er als „schwerfälligen Ozeantanker auf Kurs des vorigen Jahrhunderts“ bezeichnet, könne dies gelingen. Das Problem: Kinder verlören ihre Entdeckerfreude und ihre Gestaltungslust „durch Normierung und Leistungsdruck“. Auf der Strecke bleibe die Entfaltung individueller Potenziale. 

Hüther weiß: Beinahe alle Kinder würden noch in jungen Jahren die Welt retten wollen. Wenn man ihnen Gelegenheit zur freien Entfaltung in der Schule biete, „beflügelt das die Herzen der Kinder und weckt ihre Lernlust“, sagt er im Wissenschaftsgespräch des Schülerforschungszentrums, das online stattfand. „Kinder und Jugendliche müssten daher Gestalter ihres eigenen Lernprozesses sein und nicht Gestaltete der Vorstellungen von Erwachsenen.“ Allerdings sei das Schulsystem genau nach diesem Prinzip aufgebaut. Junge Menschen würden verführbar gemacht durch die Vorstellungen der Älteren, ohne Freiräume zu haben, um sich selbst entfalten zu können. „Wir lassen unmündige junge Menschen ins Leben, die herumlaufen und nicht wissen, was sie werden sollen.“ 

Wo denn die Bildung fürs Leben stattfinde? „Nicht im Unterricht“, ist sich der 70-Jährige sicher. Vielmehr müsse man sich dem Leben stellen, mit all seinen Problemen. Denn: Probleme seien gut, um schließlich Lösungen zu finden. Wie Menschsein funktioniere, dafür gebe es keine Anleitung, vor allem nicht in der Schule. Hüther äußert die Befürchtung, in Bildungseinrichtungen werde einem pädagogischen Konzept aus dem vergangenen Jahrhundert gefolgt, „in dem davon ausgegangen wird, dass man junge Menschen unterrichten kann, indem man mithilfe von Belohnung und Bestrafung beibringt, was sie zu lernen haben“. Belohnungen würden in Form guter Zensuren und schließlich Abschlüssen vergeben. „Schlechte Noten gibt es, wenn sie das Geforderte nicht tun“, sagt er. Hüthers Ansicht nach sei das „Konditionierung im klassischen Sinn, Dressur und Abrichtung“. Schulen seien Einrichtungen, in denen es darum gehe, erfolgreich zu sein, nichts weiter.

Für den Hirnforscher ist deshalb klar: „Dabei kommen keine Menschen heraus, die mit Freude lernen“ - obwohl diese Lernlust, die Horizonterweiterung, ein angeborenes Gut sei. Jedes Kind sei von Natur aus ein Suchender. „Die meisten Erwachsenen fühlen sich später im Hamsterrad und haben ihre Gestaltungsfreude unterdrückt.“ Einser-Absolventen, die das Auswendiglernen perfektioniert hätten, gebe es zuhauf. Etliche darunter seien im Beruf zwar Experten ihres Faches, scheiterten schließlich aber im Leben. Menschen, die nicht mit Begeisterung und Freude ihren Beruf ausüben, den Tellerrand über ihren Arbeitsbereich hinweg überblicken, würden bereits in 20 Jahren in der Arbeitswelt keinen Platz mehr haben. Denn Aufgaben, die mit Hilfe von Algorithmen gemeistert werden können, würden dann von KI und Robotern übernommen. 

Die Zukunft werde nicht von „alten Säcken und Besitzstandswahrern“ gestaltet, warnte Hüther. Der Hirnforscher ist neben Margret Rasfeld, der Gründerin von „Schule im Aufbruch“, Mitinitiator von „LernLust jetzt!“. Die zugrunde liegende Mission: Das Bildungssystem zu transformieren. Rasfeld hat im Jahr 2020 den von Google und der Süddeutsche Zeitung vergebenen, erstmals verliehenen „Aufbruch Award“ erhalten. Gerald Hüthers Ziel: In Ortsbündnissen soll „die Freude am Lernen zum Kernanliegen aller Bildungsbemühungen der Schulen“ werden. 91 solcher Bündnisse gibt es, 51 Schulen nehmen bereits teil. Sich auf das Leben in seiner Unvorhersehbarkeit einzulassen, das könne man nicht unterrichten. Schulen sieht er künftig nur noch als Lernbegleiter.

Hüther plädiert deshalb für den „Frei-Day”, einmal pro Woche, vier Stunden, an dem das Leben die Fragen stelle. Vorgegebene Strukturen gebe es dabei keine. Schüler sollen sich auf die Spur nach selbst gewählten Zukunftsfragen begeben. „Sie entwickeln innovative und konkrete Lösungen und setzen ihre Projekte direkt in ihrer Gemeinde um.“ Der „Frei-Day“ sei ein Lernformat, das Schülern ermöglicht, „die Herausforderungen selbst anzupacken“. Den Aufgaben müsse mit Mut, Verantwortungsbewusstsein und Kreativität begegnet werden.

Hüthers Ratschlag, den er an die Jugendlichen des Schülerforschungszentrums richtete: „Eignet euch die Fähigkeit an, Leute infrage zu stellen, die euch bevormunden wollen.” Wenn das gelinge, könne man die Welt mitgestalten. 

kp

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