Offene Briefe und Forderung nach neuer Strategie

Schulstress ohne Schule: Stimmen aus der Region gegen erneute Schließung der Schulen

Wiederholte Schulschließungen aufgrund steigender Corona-Zahlen stoßen immer öfter auf Unverständnis bei Lehrern und Eltern. Die Politik soll an ihrem Konzept schrauben, so zahlreiche Forderungen verschiedener Verbände und Zusammenschlüsse.
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Wiederholte Schulschließungen aufgrund steigender Corona-Zahlen stoßen immer öfter auf Unverständnis bei Lehrern und Eltern. Die Politik soll an ihrem Konzept schrauben, so zahlreiche Forderungen verschiedener Verbände und Zusammenschlüsse.

Seit Dezember heißt es nun schon Lockdown. Für alle Betroffenen stellen die Maßnahmen eine Belastung dar. Auch Eltern und Lehrer melden sich mit immer größerer Nachdrücklichkeit zu Wort, dass die bisherigen Maßnahmen mehr Schaden als Nutzen bringen.

Bad Reichenhall/Mühldorf/Altötting - Ein gefährliches Virus auf der einen, die Bedürfnisse der Menschen nach Bildung, Selbstbestimmung und Freiheit auf der anderen Seite. Wie mit diesem Dilemma umgegangen werden soll, da gehen die Meinungen oft auseinander. Doch Lehrerverbände und Eltern sind sich bei einer Sache einig: Es muss sich etwas ändern, wie beim Thema Schulen und Kitas mit Corona umgegangen wird.

Eltern aus dem Berchtesgadener Land in offenem Brief: „Wieder zua, des gibt’s doch ned!“

Aus dem Berchtesgadener Land teilen die Eltern zahlreicher Schulen in einem offenen Brief ihre Empörung über die erneute Schließung der Schulen und den damit einhergehenden Wechsel zu Distanzunterricht mit. „Wieder zua, des gibt’s doch ned“, war die Reaktion einer Mutter aus der Klasse 1a der Grundschule Anger.

Die Politik habe in den letzten Monaten immer wieder betont, dass die Öffnung der Schulen und Kindergärten oberste Priorität hat. Die Schulen wurden am 22. Februar nach langen Homeschooling Wochen wieder geöffnet. Doch nach eineinhalb Wochen musste aber aufgrund der Überschreitung des „magischen“ Inzidenzwertes von 100 zum 3. März wieder geschlossen werden. Am 8. März konnte der Präsenzunterricht dann wieder fortgesetzt werden - für ganze zwei Wochen. 

Es sei für die Eltern eine „herbe Enttäuschung, erleben zu müssen, dass die Bedürfnisse unserer Kinder eben nicht oberste Priorität haben und ihnen das Recht auf freien Zugang zu Bildung, Chancengleichheit und öffentlicher Erziehung verwehrt wird“. Auch bei den Eltern selbst sei „nach über einem Jahr des ‚Dauerspagates‘ zwischen Arbeit, Haushalt, Kinderbetreuung und Aushilfslehrer die Akkus leer.“ Dazu kämen oft noch finanzielle Sorgen durch Kurzarbeit und/oder Angst um den Arbeitsplatz.

Der offene Brief schließt mit einer Forderung an Markus Söder, Michael Piazolo, und Klaus Holetschek. Ein Loslösen vom Inzidenzwert als Grundlage aller Maßnahmen. Die Maßnahmen sollen laut dem Zusammenschluss der Eltern anhand der Auslastung der Krankenhäuser und Intensivstationen, Clustern beziehungsweise der Dynamik des Infektionsgeschehens, dem Angebot von freiwilligen Selbsttests und unter Beachtung des Einflusses der Testfrequenz auf die Inzidenz entschieden werden.

Bayerische Lehrerverbände: „Brauchen verbindliche und vernünftige Teststrategien“

„Es muss endlich seitens des Staates Verantwortung übernommen werden“, so die Vorsitzenden der in der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände zusammengeschlossenen Verbände Männlein (VLB), Böhm (brlv), Krefting (KEG) und Schwägerl (bpv).

Die Schulen ohne entsprechend kontrollierbare Teststrategien oder ausreichende Impfangebote als „Versuchslabore“ mitten in der beginnenden dritten Welle und mit Werten jenseits der 100 zu öffnen, kommt einem Offenbarungseid gleich. Die Vorsitzenden verweisen auf die Warnungen von Wissenschaftlern und Epidemiologen zu den massiv zunehmenden Infektionszahlen unter Jugendlichen seit der Schulöffnung Ende Februar und besonders seit dem Auftreten der Mutationen.

„Was wir endlich brauchen, sind verbindliche und vernünftige Teststrategien, bei denen die Gesundheit sowohl der Lehrkräfte als auch der Schüler maximal geschützt werden. Dazu gehört es nicht, die Schüler in vollen Bussen bis zum Klassenzimmer zu karren, um sie dort unter fragwürdigen Bedingungen zu testen und dann mit einem positiven Testergebnis wieder nach Hause zu schicken!“, so die Lehrervertreter.

Am besten wäre es nach wie vor, die Kinder würden zu Hause unter Aufsicht der eigenen Eltern getestet und kämen so gar nicht erst in Kontakt mit weiteren Mitschülern. Selbst, wenn externe Expertenteams diese Testungen an den Schulen übernehmen, bleiben zu viele Kontaktmöglichkeiten, um die hochansteckenden Mutanten zu verbreiten. Der VLB-Landesvorsitzende Pankraz Männlein forderte sogar eine Testpflicht: „Das einzige probate Mittel gegen diese Pandemie ist neben dem baldigen Impfen, eine gesetzlich verankerte Testpflicht für alle Schülerinnen und Schüler, alle Kolleginnen und Kollegen sowie für alle weiteren an der Schule Beschäftigten, wobei das Testen außerhalb des Schulhauses zu erfolgen hat.“

Elternstimmen aus den Kreisen Altötting, Mühldorf und Berchtesgadener Land: „Eine Grenze erreicht!“

„Für uns Eltern in Bayerns Osten ist eine Grenze erreicht!“ So beginnt ein weiterer offener Brief an Söder Piazolo, Holetschek und Füracker. Unterzeichnet ist dieser von Eltern aus den Landkreisen Berchtesgadener Land, Altötting und Mühldorf am Inn. Auch sie wenden sich entschieden gegen eine erneute Schulschließung: „Diese Situation ist ein bildungspolitischer und sozialer Super-GAU für Bayern.“

Als an den Kindern beobachtbare Folgen der bisherigen Einschränkungen und Maßnahmen führen die Unterzeichner des Briefs „soziale Isolation, Bewegungsarmut, deutlich erhöhten Medienkonsum, Antriebs- und Motivationslosigkeit bis hin zu Schlafstörungen, Ängsten, völligen Rückzug, aggressives Verhalten und weitere Symptome“ an.

Auch sie fordern die Öffnung von Kitas und Schulen. Die alleinige Betrachtung der Inzidenz ist für sie besonders für die Landkreise im Osten von Bayern nicht ausreichend. Hier sollen laut Forderung weitere Faktoren (wie zum Beispiel Belegung der Intensivbetten und die Anzahl der Testungen) mit einbezogen werden, um einen für das Pandemiegeschehen aussagekräftigen Wert zu erhalten.

mda

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