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Männersache? Von wegen!

Arbeit in „typischen“ Männerberufen: Zwei Frauen aus dem Berchtesgadener Land erzählen

Beatrice Soyter und Lena Barofke erzählen, wie es ihnen in Männerberufen geht.
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Beatrice Soyter und Lena Barofke erzählen, wie es ihnen in Männerberufen geht.

Das Ausbildungsjahr hat begonnen - und viele Branchen suchen händeringend nach Nachwuchs. Wir stellen sechs Frauen in typischen Männerberufen vor. Ihr Appell: Madeln, trauts euch!

Die Bergführerin bei der Truppe

Beatrice Soyter, 39, Kompanieführerin.

Bad Reichenhall – Das ist nichts für Stubenhocker – auch wenn Beatrice Soyter heute deutlich mehr Zeit hinter dem Schreibtisch verbringt als früher. Bis zum Frühjahr war „der Hauptfeldwebel“ (sie nennt sich selbst so) Heeres-Bergführerin beim Gebirgsjägerbataillon 231 in Bad Reichenhall, seitdem ist sie zur Kompanietruppführerin aufgestiegen. Ob den ehemaligen Wintersport-Profi der Schreibtisch nicht nervt? „Jein“, sagt sie. „Aber ich habe ein Alter und einen Alltag auf der Schulter, dass der Schreibtisch irgendwann ruft.“ Das Alter beträgt 39 Jahre, der Alltag umfasst zwei Kinder. Aber so ganz aus der Berg-Welt ist die Berufssoldatin ja nicht. „Rund 60 Prozent meiner Zeit werden Übungen vorbereitet, 40 Prozent bin ich dann im Freien mit dabei.“

Seit 17 Jahren ist Soyter beim Bund, der Frauenanteil in der 160 Soldaten umfassenden Kompanie betrage rund 20 Prozent. Um 5.45 Uhr klingelt der Wecker, dann Frühstück, Kinder schulfertig machen, 7.30 Uhr Ankunft in der 25 Kilometer entfernten Kaserne. Hatte Soyter anfangs Probleme mit den männlichen Untergebenen gehabt? „Nie. Weil ich aus dem Leistungssport kam, musste ich meine Fitness nie unter Beweis stellen.“ Führen Frauen anders als Männer? „Einfühlsamer vielleicht.“ 

Perfektion am Bootssteg

Lena Barofke, 26, Bootsführerin.

Berchtesgaden – Manchmal hört Lena Barofke die Kommentare, wenn sie ihre Gäste über den Königssee in Berchtesgaden chauffiert. „Oh Gott, eine Frau am Steuer, ob das gutgeht?“ Oder: „Das kann ja nix werden, wenn eine Frau fährt.“ Die 26-jährige Bootsführerin hat gelernt, mit diesen Sprüchen umzugehen. Sie fährt dann ganz besonders perfekt an den Steg – und genießt den Blick in die Augen ihrer skeptischen Passagiere.

Neben Lena Barofke gibt es nur eine weitere Bootsführerin am Königssee. Sie war es bereits gewohnt, unter Männern zu arbeiten. Die 26-Jährige war Schreinerin in der Werft, als sie das Angebot bekam, einen Bootsführerschein zu machen. Sechs Wochen Theorieunterricht und viele Übungsfahrten später steuerte sie das erste Mal Gäste über den See. „Es hat mir sofort Spaß gemacht.“ Die Nervosität war erstaunlich schnell verschwunden. Über die abwertenden Kommentare (die mittlerweile nur noch selten kommen) ärgert sie sich nicht mehr. „Ich habe gelernt, da drüber zu stehen.“ Aber anfangs nagte das natürlich an ihr, gibt sie zu. „Frauen haben oft ein bisschen mehr Feingefühl – das kann ein Vorteil sein“, findet sie. Ihre Entscheidung, Bootsführerin zu werden, hat sie nie bereut. Für alle Frauen in Männerberufen hat sie einen Rat: „Lasst euch von dummen Kommentaren nicht verunsichern und macht das, was euch gefällt – auch wenn es noch so untypisch ist für Frauen.“ 

Der Wald ist ihre Welt

Antonia Hegele, Bayerns erste Forstwirtschaftsmeisterin, mit ihrem Kollegen und Hilfsausbilder Georg Reitschuster.

Zusmarshausen – Mit der Motorsäge hat Antonia Hegele noch nie hantiert – bis ihre Ausbildung zur Forstwirtin beginnt. „Warum nicht auch als Frau mit schwerem Gerät arbeiten?“, hat sie sich 2014 nach der Schule gedacht, ein Praktikum gemacht und ihren Weg nie bereut. Frauen können nicht nur „Schickimicki“, sagt die heute 25-Jährige, „sie können wie Männer arbeiten.“ Klar, einen Baumstamm wenden, um die Äste zu entfernen, fällt ihr schwerer als einem 90-Kilo-Mannsbild. „Aber ich bin trainiert, den Rest machen Maschinen.“

Ihr Fallbeil steuert Hegele etwa per Funk aus zehn Metern Entfernung. „Da passiert die Arbeit im Kopf“, sagt sie und fällt den Baumstamm auf den Zentimeter genau. Das Geschäft mit dem Wald, aber auch all ihr Wissen über Umwelt und Naturschutz hat Hegele im Forstbetrieb Zusmarshausen (Kreis Augsburg) gelernt. Bis heute arbeitet sie dort als Forstwirtin – und ist seit Kurzem Bayerns erste Forstwirtschafsmeisterin.

„Eines war immer klar: Ich wollte nie in einem Büro arbeiten“, erzählt sie. „Ich war immer handwerklich begeistert und gerne draußen.“ Heute ist der Wald ihre Welt. Mit der Motorsäge hantiert die 25-Jährige jeden Tag – inzwischen schnitzt sie in ihrer Freizeit damit sogar Holzskulpturen.

Im Dienst pflanzt und fällt sie bei Wind und Wetter die Bäume im bayerischen Staatsforst. Sie vermisst die Fläche und gibt Arbeitern an Harvester und Greifarm Anweisungen. In ihrer „Rotte“, dem Team, sind nur Männer. Trotzdem: „Dumme Sprüche, weil ich eine Frau bin, hat es noch nie gegeben. Ich musste mich aber durch Fleiß und Fachwissen beweisen.“

Stahlkappenschuhe, Helm und Schutzhandschuhe – so fühlt sie sich wohl. Fesch macht sie sich als frisch gekürte Waldkönigin. Brauner Rock, silberne Schürze und ein grünes Oberteil: In den Farben des Waldes repräsentiert sie so den Bayerischen Verband der Waldbesitzer. Und wenn die 25-Jährige mal durchatmen muss, läuft sie durch ihr eigenes Stückchen Wald: 1,2 Hektar pure Leidenschaft.

Traumjob am Braukessel

Victoria Schubert-Rapp, 40, Brauerei-Chefin.

Murnau – Für Bierbrauerin Victoria Schubert-Rapp von der Weißbier-Brauerei Karg in Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) ist ihr Beruf alternativlos. „Ich bin damit aufgewachsen, habe meinem Papa immer zugeschaut und fand, dass das ein großer Abenteuerspielplatz ist. Es war und bleibt mein Traumjob.“ Frauen sind die Ausnahme in diesem Beruf, „aber es werden immer mehr“. Was nicht nur daran liege, dass sich Frauen grundsätzlich immer mehr zutrauten, sondern auch mehr Unterstützung für ihre Berufswünsche erhielten als früher. „Zudem ist Bierbrauen durch die technischen Fortschritte nicht mehr so ein Knochenjob.“

Besonders fasziniert sie, wie man „mit nur vier Zutaten ein traumhaftes Ergebnis erzielen kann“. Das Handwerk (Ausbildung: drei Jahre) ist das eine, das andere ist die Liebe zum Lebensmittel, sagt die 40-Jährige. Die Braumeisterin bezeichnet sich als Teamplayerin. Ob das Frauen eher sind als Männer? „Typsache.“

Sie erinnert sich an ihre Anfänge vor 16 Jahren. „Damals dachte ich, dass ich autoritärer auftreten müsste, als ich es eigentlich bin, um mir den Respekt der Kollegen zu erarbeiten. Ich glaubte, dass ich mich als Frau viel schwerer tun würde, weil mich ja die allermeisten schon kannten, seit ich ein kleines Kind war.“ 

Kapitänin im Cockpit

Cordula Pflaum, 52, Flugkapitänin.

Bamberg – Sechs Prozent, berichtet Cordula Pflaum (52), beträgt der Frauenanteil in ihrem Beruf. Was für die Flug-und Ausbildungskapitänin im Airbus A 350 – dem Flottenstar der Lufthansa mit Platz für über 300 Passagiere – weder mit mangelndem Selbstbewusstsein noch mit Angst vor der ausgesprochenen Männerdomäne zu tun hat. „Es muss eine gewisse Affinität da sein zum Bewegen der Technik und der Bereitschaft, große Verantwortung zu übernehmen“, sagt die Fränkin. Es gebe mittlerweile ja viele attraktive Berufe für Frauen.

Pflaum wusste mit elf Jahren, dass es sie in die Luft zieht. „Mein Vater träumte immer davon, Pilot zu werden, doch er konnte es nicht wegen seiner Augen“, erinnert sie sich. „Ich bin die jüngste von vier Schwestern, vielleicht hat mir mein Vater mehr Geschichten übers Fliegen erzählt.“ Und gebastelt hat sie schon immer gerne, etwa an ihrem ersten VW Käfer. Die Flugkapitänin weiß, dass zu einem sicheren Flug eine gut ausgebildete und motivierte Crew gehört. „Wie schaffe ich es, dass das Team mit mir an einem Strang zieht?“, formuliert sie es. Kommunikation, positive Ausstrahlung, Umsicht und Transparenz sind wichtig – gegenüber dem Personal, der Crew und den Passagieren. Die Frage zur ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern stelle sich bei Lufthansa nicht, betont Cordula Pflaum. „Wir verdienen alle dasselbe.“

Im Zug zum Gipfel

Jessica Wagner, 29, Fahrdienstleiterin. 

Grainau – Jessica Wagner (29) ist Fahrdienstleiterin bei der Bayerischen Zugspitzbahn. 40-StundenWoche, „viel, viel Verantwortung“ und Abwechslung sind gratis. Die Pählerin ist Quereinsteigerin, arbeitete vorher in der Gastronomie, ebenfalls bei der Zugspitzbahn. „Ich wollte etwas Neues machen und habe umgeschult. Jetzt ist es alltäglich, dass ich den männlichen Kollegen schriftlich und mündlich Anweisungen gebe“, sagt sie. „Zum Glück kannte ich ja schon alle aus meiner Zeit in der Gastronomie, das hat es sicher leichter gemacht.“ Überzeugt Jessica eher mit Charme oder Klartext, wenn ihr etwas nicht passt? „Eher Letzteres.“

Drei Einsatzgebiete gibt es: die Talstrecke von Garmisch nach Grainau, von Grainau zum Eibsee und die Bergstrecke bis zum Zugspitzplatt, alles hin und zurück. Wagner koordiniert, informiert, sorgt für reibungslose Abläufe im Zugverkehr. „Und ich habe Kundenkontakt, das ist mir wichtig.“ Was sollte man für den Job mitbringen? „Teamfähigkeit, sonst geht gar nix. Technisches Verständnis. Konzentrationsfähigkeit. Coolness. Und Multitasking, denn wenn es eine technische Störung gibt, muss man vieles gleichzeitig tun.“ Zum Beispiel Schienenersatzverkehr organisieren, für Passagiere ansprechbar sein – und informieren. „Die Infos weiterzugeben ist ganz, ganz wichtig.“ Der Münchner S-Bahnfahrer seufzt. Informationen hätte er auch gerne zuverlässig.

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