„Ich bin zufrieden mit dem Jahr 2010“

Der Chefdirigent der Bad Reichenhaller Philharmonie, Thomas J. Mandl, im Gespräch.

Bad Reichenhall – Er ist der Chefdirigent der Bad Reichenhaller Philharmonie – Thomas J. Mandl. Eine erfolgreiche Spielzeit liegt hinter den Musikern und Musikerinnen und dennoch scheinen die Zeiten nicht ganz so rosig:

„Gerade konnten wir eine finanzielle Lücke durch Gehaltsverzicht und einen einmaligen Zuschuss des Freistaates Bayern für das Jahr 2010 so verkleinern, dass fatale Folgen abgewendet wurden“, sagt Mandl. Dennoch blickt er weiterhin optimistisch in die Zukunft. 2011 wartet ein abwechslungsreiches Konzertjahr auf die Besucher der Bad Reichenhaller Philharmonie.

Thomas J. Mandl: Die Spielzeit 2010 war eine „satte Spielzeit“. Das heißt, eine durchgehend sehr konstante Orchesterleistung auf hohem, ernstzunehmendem Niveau. Wie immer eine sehr hohe Dichte an Konzerten, diesmal sehr viel „Klassik-Mainstream“. Zum ersten Mal hatten wir alle Abo-Konzerte im Theater Bad Reichenhall ausverkauft. Das Publikum ist heiß. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Jahr!

Welches Publikum besucht in der Regel Ihre Konzerte?

Wir haben sehr unterschiedliche Konzertreihen für sehr unterschiedliche Zielgruppen: die Kurpark-Classics für den Kurgast, der nicht aus besonderem musikalischen Interesse kommen muss, sondern, um unterhalten zu werden. Dann in den zuvor schon genannten Philharmonischen Konzerten den traditionellen Konzertbesucher, der gerne das klassische Konzert als Bildungsbürger besucht. Das hat musikalische, aber auch gesellschaftliche Gründe. Diese Menschen kommen aus der Region zu uns. Mit Region meine ich die ganze Gegend von Salzburg bis Rosenheim, von Berchtesgaden bis Burghausen. Zu den Philharmonischen Musiktagen reisen musikinteressierte Besucher an, die gesundheitlich und touristisch unterwegs sind und hier in der Gegend auch übernachten. Dann gibt es noch die Sinfoniekonzerte „Junge Künstler in der Philharmonie“ am Donnerstagabend. Da kommen Menschen, die gerne eher leger ins Konzert gehen und dann junge Solisten und Dirigenten bewundern können, ohne Etikette, in herzlich warmer Atmosphäre. Auch haben wir verschiedene Angebote für Schüler, sogar für Kindergartenkinder. Die sind ganz besonders auf die jungen und kleinen Gäste zugeschnitten und erfreuen sich bei Kindern, Lehrern, Erziehern und Eltern in ganz besonderem Maße.

Das Familienkonzert am Obersalzberg war ein voller Erfolg – auch hinsichtlich der jungen Zuhörerschaft. Ein Erklärungsversuch…

Die Mischung macht‘s: Ambiente, Zielgruppe und Veranstalter. Und das Konzept - Unbekannt mischt sich mit Bekannt, Jung mit Alt. Darüber hinaus: Man darf zwanglos draußen auf der Wiese sein, die Kinder sind einfach mit dabei, stören nicht, sondern sind Hauptbestandteil des Konzertes. Dazu unsere Erfahrung mit dem Thumsee-Open-Air. Die Menschen in der Region kennen uns und vertrauen auf hohe Qualität, die sie erwarten dürfen, auch wenn sie nicht wissen, welche Stücke diesmal gespielt werden.

Ist eine Wiederholung in ähnlichem Stil denkbar?

Für nächsten September ist diese bereits in Planung!

Die klassische Unterhaltung in sinfonischer Besetzung ist das Markenzeichen der Bad Reichenhaller Philharmonie. Was passiert darüber hinaus?

Wir haben uns in verschiedene Richtungen in Bewegung gesetzt: die klassische Unterhaltung wird weiter gespannt. Auch die pure Klassik wird in einer Form dargeboten, dass zum Unterhaltenden das Lehrende, das Lernende kommt, neudeutsch „edutainment“. Schon seit Jahren gibt es die Mozartwoche, die Philharmonische Weihnacht, Musiktage und vieles mehr. Dann wird der Kreis gezogen bis zur zeitgenössischen Musik mit Uraufführungen. 2011 werden wir einen „Artist in Residence“ haben, den Komponisten und Dirigenten Johannes X. Schachtner. Außerdem gehen wir verstärkt in die Region und loten aus, wen wir da treffen können mit unseren verschiedenen Konzertkonzepten.

Wie ist es um die Zukunft Ihrer Musiker bestellt? Ist eine weitere Unterstützung Ihrer finanziellen Zuwendungsgeber, wie Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und die Stadt Bad Reichenhall, gesichert?

Die weitere Unterstützung ist prinzipiell gesichert. Es gibt jedoch keine langjährigen oder gar unbefristeten Verträge, auch wenn wir finden, dass wir das verdient hätten. Leider trägt der größte Zuschussgeber, der Freistaat Bayern, derzeit Tariferhöhungen nicht mit. Dadurch entsteht tatsächlich eine Lücke. Gerade konnten wir diese durch Gehaltsverzicht und einen einmaligen Zuschuss des Freistaates Bayern für das Jahr 2010 so verkleinern, dass fatale Folgen abgewendet wurden. Jedoch schon 2011 steht uns dieselbe Not bevor. Wir haben zurzeit hier vor Ort ein hervorragendes Standing und erarbeiten uns dieses immer wieder neu.

Die Aufgaben eines Chefdirigenten sind vielschichtig.

Sie sind auch von Ort zu Ort unterschiedlich. Hier für die Bad Reichenhaller Philharmonie gilt: der Chefdirigent macht alle Programme. Er muss schauen, dass dafür auch die notwendige Probenzeit vorhanden ist. Er leitet das Gros der Proben und Konzerte, sucht die Solisten aus, verhandelt mit ihnen die Gagen, organisiert deren Auftritte, etwa bei Opernaufführungen und muss auch die Ausgaben dafür budgetieren. Jedoch ist vieles davon inzwischen zur Teamarbeit geworden, da wirken noch andere mit: der Intendant, der Vertreter des Arbeitgebers, die Mitarbeiterinnen des Orchesterbüros, die Partner bei der Kur-GmbH. Als Chefdirigent gebe ich der Philharmonie das Gesicht bei den Auftritten, dazu gehört zum Dirigieren auch die Vermittlung, die Moderationen der Konzerte, die Einführungsvorträge - auch Texte für die Öffentlichkeitsarbeit gehören zum Teil dazu, soweit sie die Ideenvermittlung und Dramaturgie betreffen. Manchmal gibt er aber auch Interviews…

Zurück zur Übersicht: Region Bad Reichenhall

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser