Die geheimnisvolle Welt tief unterm Müllnerhörndl

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SCHNEIZLREUTH – Sie sind dort am Werk, wo die Möglichkeiten der Bergwacht-Einsatzkräfte enden, transportieren Verletzte in aufwändigen Rettungsaktionen über Abseilstellen in Schächten und durch engste Löcher zurück ans Tageslicht.

Auch in Bergwachtkreisen gelten sie als Exoten: Die Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht Freilassing ist auf die medizinische Erstversorgung und den Abtransport von verletzten Höhlengehern spezialisiert; keine leichte Aufgabe, denn Dunkelheit, feuchte Kälte, steile Trichter und besonders schmale Durchgangspassagen fordern oft viel Geduld und vollen Krafteinsatz von den Spezialeinsatzkräften. Markus Leitner von der Pressestelle des Roten Kreuzes hat die Ehrenamtlichen auf einer Übungstour durch die Adventhöhle im Müllnerhörndl begleitet.

Bei dem Sauwetter läuft ja die Höhle voll

Es blitzt und donnert und ein Platzregen geht nieder an diesem Montagabend am Saalachsee; alles andere als gutes Bergwetter mit dem grauschwarzen Ungetüm dort am Himmel. „Da säuft ja sicher gleich die Höhle ab“, schießt es mir durch den Kopf, als ich zum Treffpunkt mit den Höhlenrettern am Festplatz fahre und es kräftig gegen die Autoscheiben prasselt. Doch Truppführer Peter Hogger beruhigt mich gleich: „Dort wo wir hinwollen, ist es immer gleich kühl und feucht; Niederschlag spielt in der Adventhöhle keine Rolle.“ Mit zwei Fahrzeugen geht´s weiter um den See herum zum Südhang des Müllnerhörndls. Wir packen uns die Säcke mit der umfangreichen Höhlenausrüstung auf den Rücken und steigen zwanzig Minuten lang schnurstracks geradeaus durch das Bachbett 200 Höhenmeter nach oben. Auf dem steilen Weg begegnen uns zwei Feuersalamander und ein Laubfrosch; die Lurchis fühlen sich im Schürlregen sichtbar wohl und erwachen so richtig zum Leben. Oben angekommen sind wir alle fünf mehr oder weniger nass – ob mehr vom Regen oder vom Schweiß wissen wir nicht so genau.

Licht bedeutet Leben

Es dauert rund zehn Minuten, bis wir den kompletten Inhalt des wasserdichten Sacks angelegt haben: Die beiden Overalls mit dem warmen Unterschlaz und dem robusten Oberschlaz, Spezialgurt, Karabiner, Abseilgerät, Steigklemmen, Knieschoner, Handschuhe, Bohrmaschine, Seile, wetterfeste Kamera, Helm und Stirnlampe. Fürs Höhlengehen braucht man ganz schön viel Zeugs und das ist besonders schwer und robust, da es in der Höhle durch scharfe Kanten und den feuchten und feinen Sand stärker beansprucht wird und deshalb auch mehr aushalten muss. „Hast Du eine Ersatzlampe dabei?“, fragt mich Peter. Obwohl ich meiner leuchtstarken 14-LED Lampe bisher immer vertraut habe, packe ich vorsichtshalber eine weitere Stirnlampe aus Peters Arsenal zu meiner Spiegelreflex-Kamera in den wasserdichten Sack – man weiß ja nie, denn in der Höhle ist es stockdunkel und „Licht bedeutet Leben“, wie mir Peter immer wieder einbläut. Kurze Zeit später stehen drei rote und zwei gelbe Männlein in voller Montur vor dem Höhleneingang; ja wo ist der eigentlich? Nur ein kniehoher Spalt in der Felswand deutet auf etwas Ähnliches hin. Durch dieses sauenge Loch da rein? – natürlich! Die ersten 50 Meter bewegen wir uns kriechend und robbend mit den Beinen voran vorwärts. „Das hat den Vorteil, dass man nicht stecken bleibt, wenn es zu eng wird“, erklärt mir Tierarzt Dr. Hubert Glässner, der seit Jahrzehnten in Höhlen unterwegs ist und sich richtig auskennt. Obwohl es wirklich eng ist, passen wir alle gerade so durch den Stollen; Dicke hätten hier keine Chance. Der Boden und die Wände des engen Rohrs sind mit einer feuchten, roten, sandigen Schmiere überzogen, doch in meinem robusten gelben Overall ist mir das jetzt egal, ich kann mich richtig im Dreck wälzen – Höhlengehen ist schon ne Gaudi und im Licht der Stirnlampe sieht alles gar nicht so wild aus.

Höhlenretter und die Faszination Tiefe

Eine unbekannte, geheimnisvolle Welt tut sich auf

„Vorletztes Jahr haben wir bei einer Übung den Benedikt im Rettungsack liegend an diesen Engstellen vorbei nach draußen transportiert; das war vielleicht eine Schinderei“, erzählt mir Peter, als wir uns beide mit dem Hintern robbend nacheinander durch den Gang schieben. Weiter hinten wird die Höhle breiter; große Felsbrocken liegen wild ineinander verkeilt vor uns und müssen wie eine abstrakte Wendeltreppe nach unten durchklettert werden. Eine unbekannte, geheimnisvolle Welt mit abwechslungsreicher Streckenführung tut sich auf. Jeder Schritt hallt dumpf wider und durchbricht die absolute Stille für einen Augenblick. Dann die erste Abseilstelle: Hubert packt die Akku-Bohrmaschine aus und setzt die Bohrhaken – gleich mehrere, falls einer nicht hält – bei der Bergwacht ist halt alles redundant, mit doppelten Boden. Das Seil wird befestigt und Tobi Kronawitter gleitet als erster mit seinem Abseilgerät nach unten. „Seil ist frei!“, ruft er und Benedikt Hiebl, Hubert, ich und Peter folgen nacheinander. Im Licht der Stirnlampe tut sich der erste größere Raum auf, den wir rasch hinter uns lassen – wir zwängen uns durch einen engen Spalt hindurch und kriechen wieder ein gutes Stück weiter ins Innere des Müllnerhörndls hinein. In wasserfesten Säcken und am Körper schleppen wir die umfangreiche Ausrüstung mit.

Das Seil verschwindet in der Dunkelheit

Nach einem engen und steilen Schneckengang kommen wir an der 16-Meter-Abseilstelle an; wieder dasselbe Spiel: Bohrmaschine, Haken und Seil. Hubert testet als erster sein Werk und verschwindet zusammen mit dem Seil in der Dunkelheit des tiefen Schachts; lediglich das Licht seiner Stirnlampe lässt die Zurückgebliebenen ungefähr seine Position erahnen. In einem parallelen Gang läuft Wasser, das man leise plätschern hört. Ich darf als Zweiter, leg das Seil in mein Abseilgerät ein und gleite lautlos scheinbar frei schwebend in das schwarze Loch hinab – um mich herum funkelt der feuchte Fels im kalten LED-Licht. „Schwing dich ein Stück rüber“, ruft mir Hubert zu, der weiter links außerhalb der Steinschlag-Reichweite wartet; ich stoße mich mit den Füßen am glitschigen Gestein ab und schwinge, Hubert packt mich an der Hand und ich bin am Boden des großen Schachts angekommen. Bisher hat die kleine wasserdichte Kamera in der Neoprentasche an meiner Brust wertvolle Dienste geleistet, doch für die große Halle brauche ich mehr Blitz – in Windeseile ist die Spiegelreflex-Kamera zusammengebaut und ich kann Peter, Beni und Tobi mit ihren total verdreckten Overalls beim Abseilen fotografieren. „Da tritt dann irgendwann der Mimikry-Effekt ein, wenn alles voll Schmutz ist und sich keiner mehr farblich von der Felswand abhebt“, meint Hubert. Als der Rest unten angekommen ist gibt’s zunächst ein Gruppenfoto und dann Belohnungsschokolade für alle.

Ohne Seil würden wir nie wieder rauskommen

Beim Blick auf die Uhr ist es bereits nach 22 Uhr. „Unter Tags merkt man nie, wie die Zeit vergeht“, sagt Beni. Gestärkt von der Schokolade treten wir mit Steigklemmen den Rückweg an. Als ich mich wie eine Raupe langsam am Seil in die Finsternis nach oben ziehe frage ich mich, wie sie hier in den 60er Jahren ohne entsprechende Ausrüstung die Erstbegehung durchgeführt haben – „mit Strickleitern“, klärt mit Peter später auf. Ohne Seil würden wir die senkrechte Wand bis zum überhängenden Ausstiegsloch nie wieder hinauf kommen und tagelang auf Hilfe warten müssen; zum Glück hat Hubert so viele Bohrhaken gesetzt, das hält bombenfest. Nach insgesamt vier Stunden, weiteren Engstellen, Kletter- und Kriechpassagen ist es Mitternacht, als wir wieder am Ausgang ankommen sind; die Wolken haben sich verzogen und die Sterne leuchten imposant zwischen den Baumwipfeln hindurch.

Wir können einen Verletzten besonders gut versorgen

Die Adventhöhle ist eine bergsteigerisch abwechslungsreiche und interessante Tour, nach der man aber eine große Waschmaschine braucht. „Früher sind wir Saubären am Sonntagnachmittag so verdreckt aus der Höhle rausgekommen und in voller Montur vor den Frauen mit ihren Kinderwägen aus dem Wald gelaufen und in den Saalachsee gesprungen“, erzählt Hubert. Die Adventhöhle und die Pfingsthöhle gehören zum selben System; beide Eingänge liegen nah beieinander. Unter dem Namen „Fango Extreme“ führt ein heimischer Outdoor-Anbieter regelmäßig Höhlenbegeisterte durch die Adventhöhle. „Es ist also durchaus möglich, dass wir hier mal jemanden rausholen müssen“, sagt Peter, der seit rund drei Jahren mit seiner Gruppe bei monatlichen Touren die vielen Höhlen im Einsatzgebiet erkundet, um für den Ernstfall die notwendigen Ortskenntnisse zu gewinnen.

Die Berchtesgadener Alpen zeichnen sich als Kalkgebirge mit leicht wasserlöslichem Gestein durch einen außergewöhnlichen Höhlenreichtum aus. Aktuell gehören zwölf Bergwachtmänner und -frauen zur Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region-Chiemgau, darunter mehrere Rettungsassistenten. „Wir können einen Verletzten in der Höhle als Voraustrupp daher besonders gut versorgen. Gestaltet sich der Abtransport dann schwierig und zeitaufwändig, brauchen wir so oder so Unterstützung durch weitere Gruppen“, erklärt Tobi, der hauptberuflich auf der Kinderintensivstation im Klinikum Traunstein arbeitet.

Pressemitteilung BRK BGL

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