Gefährdung durch fehlende Selbsteinschätzung

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Alois Glück, Vorsitzender der Bergwacht Bayern: „Wir sind weder Kläger, noch Richter.“

Berchtesgaden - Alois Glück, Vorsitzender der Bergwacht Bayern, fordert eine bessere Vorbereitung der Bergsteiger am Berg.

Die bayerische Bergwacht steht unter einer besonderen Herausforderung.“ Das sagt Alois Glück, Vorsitzender der Bergwacht Bayern im Gespräch mit der Heimatzeitung. Allein im vergangenen Jahr mussten die Bergwachten in Berchtesgaden, Ramsau und Marktschellenberg 450 Einsätze bestreiten – so viel wie noch nie in den Jahren zuvor. Glück sagt, dies entspreche der allgemeinen Tendenz: Denn die Berge werden immer attraktiver. „Die Erwartungen an die Bergwacht sind hoch. Die Selbstüberschätzung steigt“, so Glück. Denn: In Zeiten des Handys sei Hilfe ja sofort zur Stelle.

„Die Menschen wollen schneller geholt werden“, sagt Glück. Diese Erfahrung hat auch Berchtesgadens Bereitschaftsleiter

Die Einsatzzahlen steigen. Das bestätigen (v. l.): Thomas Küblbeck, Regionalleiter der Bergwacht Chiemgau, Berchtesgadens Bereitschaftsleiter Franz Brandner und Ramsaus Bereitschaftsleiter Rudi Fendt.

Franz Brandner gemacht. Allein 130 Hubschraubereinsätze zählte die Berchtesgadener Bergwacht im vergangenen Jahr. Der Jahresdurchschnitt liegt bei 70. Ähnliches Bild in Marktschellenberg, wo Martin Wagner Bereitschaft hat. Von 65 Einsätzen wurden 20 geflogen. Rudi Fendt von der Bergwacht Ramsau hat ein noch deutlicheres Ergebnis parat: „Wir hatten im letzten Jahr 87 Einsätze, davon 47 mit dem Helikopter.“ Vor allem waren es Sommereinsätze, zu denen die Bergwacht in der Ramsau gerufen wurde. Die Gegebenheiten dort seien besondere, so sei auch die hohe Zahl der Hubschrauberausrückungen zu erklären. „Der Hubschrauber ist für die Bergwacht das, was der Bleistift für den Beamten ist“, sagt Brandner. Nur, dass man mit einem Stift keine Leben rettet. Alois Glück weiß, warum die Einsatzzahlen so deutlich ansteigen und die Tendenz nur eine Richtung kennt: nach oben. „Von Tourismusseite gibt es gegenwärtig die starke Überlegung, noch mehr Menschen in die Berge zu holen.“ In den Bergen unterwegs zu sein, gehöre für viele Menschen zum Lebensideal. Glück sagt das ohne Groll in der Stimme. Dennoch merkt man, dass man bei der Bergwacht mit dieser Entwicklung alles andere als zufrieden ist. „Wir machen unsere Hilfe nicht davon abhängig, ob man verschuldet oder unverschuldet in eine Notsituation gerät“, sagt Glück. Und fügt hinzu: „Viele haben aber keine Vorbereitung und es fehlt ihnen an Selbsteinschätzung“, so der Bergwacht-Vorsitzende. Nicht nur sich selbst bringen die Berggeher dann in Gefahr, sondern auch die ehrenamtlich tätigen Bergmänner und –frauen. „Kritische Situationen gehören immer wieder zum Alltag“, sagt Glück. Die Selbstgefährdung der Einsatzretter sei hoch. Die schnelle Hilfe, die die Bergwacht garantiere, stelle daher höhere Anforderungen an die Retter, zumal die Einsatzarten vielfältiger sind als früher. Thomas Küblbeck, Regionalleiter der Bergwacht Chiemgau, sagt, dass das Thema Eigenverantwortung einen viel höheren Stellenwert haben müsste. „Viele Gäste gehen davon aus, dass die Bergwacht sowieso zur Stelle ist, wenn es zum Notfall kommt.“

Eine „Entfremdung zur Natur“ habe eingesetzt, meint Alois Glück: „Ein Großteil der Berggeher glaubt, dass man mit einer guten Ausrüstung keine Fehler macht.“ Die Folge: Selbstüberschätzung. Klettersteige würden zwischenzeitlich bei Dunkelheit begangen, weiß er. „Wir sind aber weder Kläger, noch Richter“, gibt Glück zu verstehen. Einig sind sich die Bereitschaftsleiter, dass die junge Generation eine andere Auffassung dessen hat, wie man in die Berge geht und was man dort tut. „Das Körperliche wird gerne unterschätzt“, sagt Rudi Fendt von der Bergwacht Ramsau. Zusammen mit einer schlechten Vorbereitung ist das Ergebnis vorhersehbar. „Da rufen dann in Not Geratene an, die einen riesen Rucksack dabei haben und spät abends nicht mehr wissen, wie sie in das Tal hinunterkommen“, so Fendt. Oft sei es so, dass spätestens dann, wenn telefonisch über eventuelle Einsatzkosten informiert würde, die Anrufer einlenken.

„Dann geht es plötzlich doch“, sagt der Marktschellenberger Bereitschaftsleiter Martin Wagner. Bei der Bergwacht müsse man aber darauf hinweisen, dass nur dann die Kosten von der Krankenkasse getragen werden, wenn auch eine Verletzung vorliegt. Was auch immer die Zukunft bringe, so Glück, „bei der Bergwacht ist man hervorragend ausgebildet.“ Nachwuchssorgen gibt es keine. Das bestätigt auch Brandner: „Unser Einsatzspektrum ist groß, wir besuchen zahlreiche Fortbildungen.“ Auch im laufenden Jahr wird die Bergwacht wieder häufig auf den Plan gerufen werden. Ein paar Einsätze weniger würden die ehrenamtlich Tätigen aber nicht stören.

kp

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