"Den Respekt verdienen die Daheim-Gebliebenen"

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Auch für die Möbel- und Materialbestellung sind die deutschen Polizisten in Afghanistan zuständig.

Anger - Sie ist klein, zierlich und dunkelhaarig - für Josef Baumgartner ist seine Frau ein Held. Seit 2. Juni erträgt sie die Einsamkeit, weil ihr Mann Polizisten in Afghanistan ausbildet.

"Es war eine spontane Entscheidung", gibt der 45-Jährige im BGLand24-Interview zu. Im März vergangenen Jahres wurde er bei der Arbeit in der Polizeiinspektion Fahndung Traunstein in Piding auf die Ausschreibung aufmerksam. Innerhalb einer Woche sollte die Bewerbung abgeschickt sein.

"Ich habe die Entscheidung meiner Frau überlassen", erzählt Baumgartner. Er war bereits viermal im Auslandseinsatz, "weil ich gern im Ausland bin." Das weiß auch seine Frau und hat ihm deshalb geraten, sich zu bewerben.

Nach Indien, Ecuador (dort hat er seine Frau kennengelernt) und zweimal Bosnien stand am 2. Juni also Afghanistan an. Mit seiner neuen Uniform bewaffnet (helle Hose, blaues Hemd, Sicherheitsweste) brach der Angerer in den Auslandseinsatz auf - im Ungewissen, was ihn dort erwartet.

"Wir sind für den Aufbau und die Organisation der Polizeischule in Kabul zuständig", berichtet Josef Baumgartner von seiner Arbeit in Afghanistan. BGLand24 hat ihn im "Heimaturlaub" getroffen. "Im Grunde bilden wir die Ausbilder für die angehenden Polizisten aus." Natürlich werden auch die Ausbildungen der Polizisten begleitet. Der Polizeihauptmeister ist sich sicher: "Auf lange Sicht haut's hi!" Und das trotz der kurzen Ausbildungszeit. Afghanische Polizisten durchlaufen eine achtwöchige Ausbildung, bei uns dauert sie zweieinhalb Jahre.

Das Land ist karg

Für Josef Baumgartner ist die Arbeit in der Polizeischule eigentlich alltäglich. Das drumherum allerdings nicht. "Schon im Anflug haben wir gesehen, wie karg dieses Land ist", erzählt er von seinen Eindrücken. Was in Flusstälern grün ist, ist um Kabul nur staubig. Dementsprechend kommt es auch oft zu Sandstürmen. "ich bin landschaftlich von Afghanistan nicht begeistert", gibt der 45-Jährige zu. "Das kann aber auch daran liegen, dass wir nur in Kabul sind und die Stadt ein Kessel ist, von Bergen umgegeben."

Täglich fährt der Polizeihauptmeister von seiner Unterkunft in einem eingezäunten, bewachten Dorf 15 Kilometer zur Polizeischule. "Der Verkehr ist jeden Tag wieder ein Phänomen", lacht Baumgartner. "Es gibt dort keine Regeln. Im Kreisverkehr fährt der, der grad kann - Stoßstange an Stoßstange." Deshalb war ihm anfänglich vor allem bei diesen Fahrten unbehaglich. "Wir wurden ja auf den 'worst case' vorbereitet", versucht er ein Bild zu vermitteln. "Da siehst du in jedem alleine fahrenden Afghanen einen potentiellen Attentäter."

Bayerischer Polizei-Ausbilder in Afghanistan

Nach vier Monaten im Einsatz sind die täglichen Autofahrten für Josef Baumgartner zur Routine geworden. "Ich seh mich nicht als potentielles Anschlagsziel", erklärt er seine Situation. "Sollte mir was passieren, wäre das Zufall. In etwa zu vergleichen mit der Situation, wenn angekündigt wird, dass zwischen Bad Reichenhall und Traunstein ein Geisterfahrer unterwegs sein wird - jeder würde trotzdem zuhause losfahren."

Alle sieben Wochen "Heimaturlaub"

Heim fahren darf der Angerer alle zwei Monate für circa zwei Wochen. Insgesamt dauert Baumgartners Dienst in Afghanistan ein Jahr. "Nach einem halben Jahr muss man alle drei Monate einen Verlängerungsantrag stellen", ist die Vorschrift bei der Polizei. Der Polizeihauptmeister wird ihn stellen, vor allem, weil er weiß, dass zuhause alles gut ist.

"Wir sehen uns alle zwei Monate und telefonieren täglich", freut er sich. In seinem Zimmer und auch in der Polizeischule gibt es eine gute Internetverbindung, so das skypen (telefonieren über das Internet) möglich ist. "Wenn wir dann mal noch gemütlich zusammensitzen und ich nicht rechtzeitig am Laptop bin, klingelt sofort mein Handy", lacht Baumgartner. Dann will seine Frau wissen, ob alles in Ordnung ist. Wenn die beiden telefonieren hat auch sie mehr zu erzählen als er. "Daheim ist ganz schön was los", denkt sich der 45-Jährige dann immer.

Zuhause fällt es ihm nach dem Elend, das er gesehen hat, etwas schwerer, die "Probleme" anderer Menschen zu akzeptieren. "Das ist Wohlstandsjammerei, die Probleme gibt es für einen dann nicht", versucht Baumgartner das Erlebte zu erklären. "In der Polizeischule war beispielsweise mal ein Mann, mit dem ich ein Foto gemacht habe. Als ich in gefragt habe, ob er was braucht, hat er mich nach Schuhen gefragt, weil ja der Winter kommt." Hier werde dagegen gejammert, dass das Kindergeld gekürzt wird, in Afghanistan gebe es gar kein Kindergeld.

Aber auch andere Schicksale berühren Josef Baumgartner. So haben sie auf einem Ausflug den Jungen Agram kennengelernt. Agram hat keine Arme, weil er als kleines Kind mal an eine Stromleitung gelangt hat. Die Polizisten haben sich für ihn eingesetzt und jetzt lernt er in einem Krankenhaus des internationalen Roten Kreuzes mit Protesen zu leben.

"Stier in die Augen schauen"

Immer wieder denkt der Polizist an seine Frau daheim. Für ihn ist sie die Heldin. "Ich habe die Entscheidung getroffen, ins Krisengebiet zu gehen und kann dort dem Stier in die Augen schauen", sucht er einen Vergleich. "Meine Frau kann zuhause nur hoffen, dass mir nichts passiert."

Deswegen betont der Angerer ausdrücklich, dass die eigentlichen Helden, die Daheimgebliebenen sind. "Sie ertragen die Trennung, die Angst und die Gefahr und das ohne sich zu beschweren." Für Baumgartner ist das der beste Rückhalt, den er für seinen Einsatz haben kann. Ob er allerdings ein sechstes Mal ins Ausland gehen wird, kann er nicht sagen.

Christine Zigon

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