„Ich will dazulernen - immer“

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Bad Reichenhall – Schule ist zu theoretisch, es fehlt die Praxis - so der Tenor des 5. Bildungsgipfels am Freitag in der Steigenberger Akademie.

Der 5. Bildungsgipfel in Bad Reichenhall stand unter dem Motto „Was verstehen Schüler heute unter Bildung?“

MdL Roland Richter leitete die Diskussionsrunde mit Vertretern der heimischen Schulen und Firmen-Verantwortlichen sowie vier ausgewählten Schülern: Olga Schmidt von der Mittelschule Bad Reichenhall, Alina Lang (Mädchenrealschule Franz von Assisi Freilassing), Marco Ramljak (CJD- Gymnasium Berchtesgaden) und Florian Schneider (Staatliche Berufsschule Berchtesgadener Land). Dazu gesellte sich Stefan Trezak von der gastgebenden Steigenberger Akademie Bad Reichenhall.

Tenor der ersten Vorstellungsrunde: Den Jugendlichen geht es in ihren Schulen zu theoretisch zu, die Praxis fehlt oftmals. Dies untermauerte vor allem Berufsschüler Florian Schneider: „Wir bekommen keinen Einblick in den Alltag“. Informationsmessen, Berufsbildungstage mit Berufswahltests und Sprechstunden sind den jungen Leuten zu viel Theorie, denn Hochglanzbroschüren könnten das Berufsleben nicht ausreichend darstellen. Die Schüler würden es sehr begrüßen, mittels Praktika verstärkt der „handechten“ Arbeit direkt in den Firmen nachgehen zu können – um auszuloten, welcher Beruf der richtige für sie ist.

Eindrücke vom Bildungsgipfel:

Eindrücke vom Bildungsgipfel

Ein erstaunlicher Wunsch

Olga Schmidt äußerte den erstaunlichsten Wunsch der Runde: Sie kann sich ein Ferien-Pflicht-Praktikum vorstellen. „Freilich wären damit viele erst mal unglücklich und würden jammern. Aber sie würden auch bald sehen, dass sie das einen ganzen Schritt weiterbringt“, so die Mittelschülerin.

Phasenweise glitt die Diskussion vom Thema ab, es ging mehr um die Einhaltung des Lehrplanes, der den Pädagogen kaum Spielraum für Neues lasse, das geringe Interesse an den Naturwissenschaften (hier solle die Attraktivität künftig mehr in den Vordergrund gestellt werden) oder den bekannten Fachkräftemangel. Ein Berufsvorbereitungsfach wurde vorgeschlagen und von der anderen Saalseite alsbald abgeschmettert – dafür müsse in einem ohnehin engen Korsett wieder etwas anderes gestrichen werden.

„Die Schüler haben durchaus eine Bringschuld“, entgegnete Gesprächsleiter Roland Richter, der nicht alle Erziehungsverantwortung den Schulen zuschieben will: „Das Elternhaus ist schon auch gefordert“, so das Mitglied des Bayerischen Landtags. Richter forderte die Eltern auf, sich zu informieren und die Ferien unter anderem dazu zu nützen, ihren Kindern Wege für die berufliche Laufbahn aufzuzeigen.

„Die Eltern müssen in die Pflicht genommen werden“, unterstrich Stefan Trezak Richters These, da sie oft nicht wissen, welchen Auftrag Schulen tatsächlich zu erfüllen haben. Eltern sollten künftig über entsprechende Möglichkeiten informiert, ja regelrecht geschult werden. Richter wies auf den Berufsvorbereitungsatlas hin, der offensichtlich nur wenig genutzt werde. Etliche Schulvertreter verwiesen darauf, dass dieser nicht „up to date“ und demnach kontraproduktiv sei. „Wenn das stimmt, werde ich mich rasch um die Sache kümmern“, versprach der Politiker Besserung.

Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp holte die Runde wiederholt zum ursprünglich ausgelobten Thema zurück: „Was wollen die Schüler am Ende ihrer Schulzeit können?“, fragte Rasp – seine Wissbegierde blieb einige Zeit unbeantwortet, ehe Olga Schmidt zu Wort kam und sich des Bürgermeister- Einwands annahm: „Ich will dazulernen – immer. Und hinterher mehr wissen als vorher. Dazu gehört unter anderem auch das Kochen, ein Fach, dass es im Gymnasium nicht gibt“. Die Wirtschaftslehre wurde so gut wie abgeschafft.

Bildung bleibt

„Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat“, zitierte CJD-Schulleiter Stefan Kantsperger die Weisheit eines englischen Staatsmannes, der offenbar schon im 17. Jahrhundert erkannte, wie wichtig Bildung ist. Die Runde war sich einig: Vernetzung ist heutzutage ein Muss, da die jungen Leute automatisch mit sozialen Netzwerken aufwachsen. Dazu gehört auch die Eltern- beziehungsweise Erwachsenenbildung.

Karlsgymnasium-Vertreter Helmut Rußegger verwies auf den Bildungsauftrag, der schließlich verfassungsrechtlich verankert ist und trotz seines Alters – über 60 Jahre - immer noch allgemeingültige Grundwerte vermittelt. „Es ist wichtig, dass die jungen Menschen Meinungen haben – politische, kulturelle – das hat die Globalisierung noch verstärkt“. Bildung sei allgemein wichtig, so der Pädagoge: „Englisch wird heute meist vorausgesetzt, und von Firmenchefs mittlerweile oft die Frage gestellt, welche Fremdsprache man eigentlich (noch) könne“. Bürgermeister Rasp: „Ich könnte Französisch heute gut brauchen, musste aber so einen Schmarrn wie Latein lernen“.

Werte unabdingbar

Die Persönlichkeit dürfe freilich nicht außer Acht gelassen werden: Viele Stellenentscheider in den Firmen und Betrieben schauen sich heute mehr den Menschen, der sich bewirbt an, sein Auftreten, seinen Charakter – und nicht mehr so sehr die Noten. Eine gute Sprache, Freundlichkeit – eben Werte –

bilden heute oft den geglückten Einstieg ins Berufsleben. Wobei nicht vergessen wurde, schon auch darauf hinzuweisen, dass es die Noten nun mal nach wie vor gibt und sich durchaus in einem annehmbaren Rahmen bewegen sollten.

bit

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