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Bayerns neue Agrarministerin Kaniber im Interview: „Sieben Monate, um Vertrauen zu schaffen“

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Am neuen Schreibtisch: Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

München - Nicht nur die Öffentlichkeit war über ihre Berufung überrascht, auch sie selbst. Michaela Kaniber (CSU) ist Bayerns neue Landwirtschaftsministerin.

In ihrer Heimat Bayerisch Gmain bei Bad Reichenhall dekorierten die Dorfbewohner nach der Berufung das Haus der Kanibers mit blau-weißen Fähnchen und dem Schriftzug „Wir sind Minister“. Doch jetzt beginnt die Arbeit. Das Büro ihres Vorgängers Helmut Brunner ist bezogen, nur ein Kreuz an der Wand fehlt ihr noch. Jetzt muss sich die 40-jährige Mutter von drei Töchtern in einen Bereich einarbeiten, mit dem sie bislang nur wenig zu tun hatte. Und in dem viele offene Konflikte warten.

Frau Kaniber, wann haben Sie erfahren, dass Sie das Landwirtschaftsministerium übernehmen dürfen?

Michaela Kaniber: Sehr kurzfristig. Es hat zwar vorab einige Gespräche gegeben. Aber erst dreieinhalb Stunden vor der Berufung hat mich Markus Söder angerufen und mir die endgültige Entscheidung mitgeteilt.

Ihr erster Gedanke?

Kaniber: Einerseits war ich angespannt und voller Respekt, weil ich wusste, was das für eine Riesenaufgabe ist. Aber natürlich war auch die Freude groß.

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Sie waren in Ihrer politischen Arbeit bislang nicht mit der Landwirtschaft befasst. Wie führt man ein Ministerium, das einem thematisch völlig neu ist?

Kaniber: Als Abgeordneter kämpft man auf vielen Feldern. Man kann ja nicht sagen, ich bin nur Ansprechpartner für diesen oder jenen Bereich. Und durch meine Heimatregion kenne ich die Themen, die die Menschen bewegen – egal ob in der Jagd, bei der Ernährung oder in der Landwirtschaft. Deswegen ist dieses Themenfeld für mich kein Neuland. So fachfremd fühle mich gar nicht.

Böse Zungen unterstellten nach Ihrer Berufung, Ihre Loyalität zu Markus Söder sei der Grund für Ihre Beförderung. Schließlich waren Sie eine der ersten, die nach der Bundestagswahl Horst Seehofers Kurs kritisierten.

Kaniber: Es ist das Recht eines jeden Abgeordneten, seine persönliche Meinung zu äußern. Aber mit meiner Berufung hat das nichts zu tun. Dank gibt es in der Politik nicht.

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In Ihrem neuen Amt sind Sie eingezwängt zwischen den Vorgaben aus Brüssel und Berlin und müssen zudem die Wünsche von Verbrauchern und Landwirten moderieren. Nicht einfach, oder?

Kaniber: Die Landwirtschaft geht die ganze Gesellschaft etwas an. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Wertschätzung für Lebensmittel beim Verbraucher mehr ins Bewusstsein zu rufen. Dann wird auch die Wertschätzung für die Landwirtschaft wieder steigen. Und diese Vermittlung muss schon im Kindergarten und bei den Eltern anfangen. Dazu gehört aber auch, dass man bereit ist, etwas mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Es kann nicht sein, dass man immer das neueste Handy haben muss, Milch und Fleisch aber nichts kosten dürfen.

Wo kaufen Sie zum Beispiel Ihre Ostereier?

Kaniber: Von einem Direktvermarkter aus der Region. Da weiß ich, wo’s herkommt. Ich bin in der Gastronomie aufgewachsen, da achtet man auf so etwas.

Gerade wenn es ums Tierwohl geht, gehen die Vorstellungen oft auseinander.

Kaniber: Auch hier müssen die Menschen verstehen, was dahintersteckt. Viele wissen gar nicht, was sie den Landwirten damit antun, wenn diese ständig unter den Generalverdacht gestellt werden, sie würden nicht anständig mit den Tieren umgehen. Ich verwahre mich dagegen, die Landwirte beim Naturschutz, beim Tierwohl, bei der Lebensmittelproduktion permanent in ein schlechtes Licht zu stellen. Wenn wir etwa ein fixes Ausstiegsdatum für die Anbindehaltung vorgeben würden, wären viele Betriebe gezwungen, die Milchviehhaltung aufzugeben. Die Folge wäre ein massiver Strukturwandel mit höchst unerwünschten Auswirkungen auf den gesamten ländlichen Raum.

Auch Glyphosat ist seit Jahren ein Streitthema in der Agrarpolitik. Ministerpräsident Söder hat kurz vor seiner Wahl einen schnelleren Ausstieg als der Bund angekündigt. Wird Bayern vorlegen?

Kaniber: Ich finde es schade, dass die Diskussion darüber so stark von Emotionen überlagert war. Aber es macht keinen Sinn, tote Pferde zu reiten. Deshalb haben wir den Bund aufgefordert, rasch Verbote für Haus- und Kleingärten und öffentliche Flächen umzusetzen. Wir forschen intensiv an alternativen Bewirtschaftungsmethoden, die Glyphosat künftig überflüssig machen. Und wir verzichten auf allen unseren Staatsgütern auf das Mittel, um rasch Erfahrungen für die Landwirte zu gewinnen. Von einem Schnellschuss ohne Alternative halte ich aber nichts.

Ein Thema, das mindestens genauso emotional diskutiert wird, ist der Wolf. Sie kommen aus einer Almbauern-Region, kennen die Debatte. Wie wollen Sie mit dem Raubtier umgehen?

Kaniber: Noch ist der Wolf in weiten Teilen Bayerns nicht heimisch. Aber das kann sich schnell ändern. Wer schon mal in meiner Heimatregion war, weiß, dass ein Zaunbau in solchen Hanglagen fast undenkbar ist. Wie sollen Schutzhunde funktionieren, wenn dort ständig Touristen unterwegs sind? Da bin ich sehr skeptisch.

Also schießen?

Kaniber: Was wir tun, muss natürlich im Einklang mit dem Artenschutzrecht stehen. Aber wenn der Wolf zum Problem für Mensch und Tier wird, muss man auch bereit sein, über regulierende Maßnahmen nachzudenken.

Im Umgang mit dem Wolf herrscht Uneinigkeit zwischen Ihrem und dem Umweltministerium.

Kaniber: Ich werde rasch mit Umweltminister Marcel Huber über das Thema sprechen. Ich bin überzeugt, dass er als Tierarzt da auch genau abwägen wird. Und ich bin sicher, dass wir im Kabinett die beste Lösung finden werden – und zwar rechtzeitig.

Vieles in der Landwirtschaft steht und fällt mit dem Geld aus der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik. Nach der nächsten Reform könnte deutlich weniger Geld fließen. Wie wollen Sie die bayerischen Familienbetriebe dennoch am Leben erhalten?

Kaniber: Ich kämpfe bis zum Schluss für eine gute Finanzausstattung. Sollte es zu Kürzungen kommen, dürfen sie nicht zu Lasten unserer Familienbetriebe gehen. Es steht und fällt alles mit diesen kleinen Betrieben, deshalb werde ich für sie kämpfen. Sollte es aus Brüssel weniger Geld geben, müsste zudem auch der Bund unterstützend eingreifen.

Jetzt wurden Sie ins kalte Wasser geworfen. Haben Sie Sorge, dass Sie Ihr Ministerium nach der Landtagswahl wieder räumen müssen, wenn eine Koalition gebildet werden müsste?

Kaniber: Da denke ich überhaupt nicht dran. Ich werde die sieben Monate intensiv nutzen, um mich für unsere Landwirte und Waldbesitzer einzusetzen. Um Vertrauen bei den Menschen zu schaffen und schlicht, um gute Arbeit zu leisten.

Interview: Claudia Möllers und Dominik Göttler

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