Hotelier und Mediziner aus Bayerisch Gmain über Corona-Maßnahmen

Lockdown light: Für Dr. med. Andreas Färber das „Unwort des Jahres“

Dr. med. Andreas Färber ist Mediziner und Hotelier arbeitete für die WHO.
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Dr. med. Andreas Färber ist Mediziner und Hotelier arbeitete für die WHO.

Nach bald acht Monaten Lockdown insgesamt sind die Hotels in der Region durch die Corona-Krise wirtschaftlich angeschlagen. Das gilt natürlich auch für den „Klosterhof“, wie Inhaber Dr. med. Andreas Färber bestätigt.

Bayerisch Gmain - Sein Unmut ist groß: „Entgegen mancher Darstellung werden wir nicht annähernd für unsere Verluste entschädigt. Uns wird versprochen, dass im Rahmen der Überbrückungshilfe III 90 Prozent der Fixkosten und ein Teil der Personalkosten erstattet werden. Das reicht aber nicht, um die Ausfälle zu kompensieren und für eine ausreichende Liquidität zu sorgen, um allen Verpflichtungen gerecht zu werden. Schwer trifft es, wie in unserem Fall, Familienunternehmen, die keine Pacht ansetzen können und dennoch Kredite voll tilgen müssen.“

Hinzu komme, meint Dr. Färber, dass versprochene Hilfen viel zu spät flössen und zwischenfinanziert werden müssten. Die Oktoberhilfe wird wohl selbst nach mehr als sechs Monaten noch nicht ausgezahlt. „Wenn das so weitergeht, wird‘s zeitnah richtig knapp für uns“, so der Klosterhof-Besitzer. „Schon ein Monat Lockdown bedeutet für uns als Unternehmen einen Verlust von mindestens 100.000 Euro. Im Gegensatz zu anderen Industrien reden wir hier nicht von entgangenen Gewinnen.“

Die Pandemiebekämpfung sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die einzelne Branchen ohne nachgewiesene Kausalität finanziell überproportional belasten. Die Rechtfertigungen würden selbst ein Jahr nach Beginn der Krise nicht ausreichend auf belastbaren wissenschaftlichen Daten, sondern vielmehr auf Vermutungen basieren. Diese würden teilweise sogar von öffentlichen Statistiken widerlegt, oft würden wirtschaftspolitische Überlegungen zugrunde liegen. Dr. Färber: „Nachgewiesene Infektionen, beispielsweise in verarbeitenden Betrieben, kamen häufiger vor als in der Hotellerie mit ihren gut überwachbaren Hygienekonzepten.“

Neben den Unternehmen seien unzählige Angestellte der Gastronomie existentiell bedroht. „Die Kurzarbeit hilft nur unzureichend, weil besonders die in dieser Branche üblichen Trinkgelder, Feiertags-, Sonntags- und Nachtarbeitszuschläge fehlen. Sie werden nicht abgedeckt“, sagt der Hotelier. „Wenn sogar zwei Personen eines Haushaltes in der Gastronomie beschäftigt sind, kann das rasch dramatische Folgen nach sich ziehen“. Darum ärgert sich Dr. Färber so sehr über den Begriff „Lockdown light“: „Das ist für mich das Unwort des Jahres und impliziert, dass wir uns doch jetzt einfach nur ein bisschen zusammenreißen müssten. Als wäre das alles gar nicht so schlimm. Wenn man einen erheblichen Anteil der Bevölkerung ohne eigenes Verschulden in die Existenzgefährdung schickt, ist diese Ausdrucksweise gelinde gesagt vollkommen inadäquat.“

Es gibt keinerlei Perspektiven

Andreas Färber bedauert: „Wir konnten innerhalb eines Jahres über sieben Monate keine eigenen Umsätze erwirtschaften. Ein Ende dieser Situation ist nicht in Sicht. Es gibt weiterhin keinerlei Perspektiven für die Branche.“ Dass einige Wirtschaftsexperten den drohenden Kompetenzverlust aufgrund von Insolvenzen und Abwanderungen im Gastro-Bereich als leicht verkraftbar darstellen, trifft beim engagierten Hotelier auf vollkommenes Unverständnis: „Gerade die Gastronomie braucht eine sehr hohe Kompetenz, die fehlende Wertschätzung der Politik für diese Branche entsetzt mich – und das sage ich als Mediziner, der mit der Hotellerie in die Gastro gegangen ist und inzwischen einen riesigen Respekt gegenüber diesem Bereich hat.“

Als Arzt könnte er noch verstehen, dass es bezüglich der Reisen Sorgen gab: „Im ersten Lockdown konnten wir das akzeptierten, da war alles neu. Aber ist es sinnvoller, dass heute viele Mallorca-Flüge ausgebucht sind, Gäste aus Hamburg aber nicht zu uns kommen dürfen? Mit welchen epidemiologischen Daten lässt sich das begründen?“

Sollte es wieder losgehen, ist sich Dr. Färber sicher, werde er mit seinem Team wieder gute Zahlen schreiben können. Das gelte nicht nur für ihn, sondern für den kompletten Tourismusbereich in der Region. Bad Reichenhall und Bayerisch Gmain hätten großes Potenzial. „Wir müssen rasch aus den Negativ-Motivationen herauskommen und dazu bereits jetzt zielorientiert gemeinsam für die Zukunft arbeiten.“

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Die Argumente, die momentan zu den politischen Entscheidungen führen, könne der Hotelier derzeit immer weniger überblicken oder nachvollziehen: „Ich kann jedoch sehr wohl beurteilen und hinterfragen, warum der Besuch der Schule weniger wert sein soll als die nach wie vor erlaubte Produktion von Luxusautos oder Modeschmuck. Die Kinder benötigen doch am dringendsten eine Perspektive.“

bit

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