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Schwer geistig behinderte Tochter verliert Platz in Hohenfried

Familie aus der Region verzweifelt: „Wir wollen ein ganz normales Leben“

Ende September muss das Mädchen wegen Personalmangel aus dem heilpädagogischen Heim ausziehen. Ein neuer Platz in einer anderen Einrichtung? Fehlanzeige. Wie eine Familie um ein Stück Normalität und ein Zuhause für ihre Tochter kämpft:

Bayerisch Gmain/Südostobayern - Anja* ist schnell. Wenn Mutter Marlene* auch nur einen Moment wegsieht, flitzt Tochter Anja schon davon. Das sollte bei einer 18-Jährigen eigentlich kein Thema sein. Doch Anja ist schwer geistig behindert. Ihr Verstand ist vergleichbar mit einem zweijährigen Kind - ohne Gefahrenbewusstsein. Lesen oder sprechen kann sie nicht. Essen kann Anja nur unter Aufsicht, weil sie sonst schlingt und nicht kaut. Das Mädchen braucht eine Betreuung rund um die Uhr . 

*Zum Schutz der Familie wurden die Namen durch die Redaktion geändert.

Schwer geistig behindertes Mädchen verliert Zuhause in Hohenfried

Diese Betreuung - und damit auch ihr Zuhause - verliert die junge Frau mit Ende September 2022. Sie ist eine der Betroffenen, die aus Haus Hohenfried in Bayerisch Gmain aufgrund des Personalmangels ausziehen muss. Zuletzt hatte die Regierung von Oberbayern aufgrund „einer weiteren ungünstigen Entwicklung der Personalsituation” die Zahl der Wohngruppen auf zwei begrenzt, heißt es von einem Sprecher gegenüber BGLand24.de. 

An einem Freitag, den 19. August, bekommt Marlene die Kündigung für den Platz ihrer Tochter und das, obwohl sie erst im Frühjahr eine Schulzeitverlängerung für 2023 genehmigt bekommen hatte. Die Familie kämpft derzeit, dass Anja in Bayerisch Gmain bleiben kann. „Hohenfried ist ihre Heimat. Sie fühlt sich dort wohl. Sie ist glücklich“, erklärt Marlene. Die Entscheidung, ob Anja in ihrer gewohnten Umgebung, ihrem Zuhause, bleiben darf, liegt bei der Regierung von Oberbayern.

Hoffnungslose Suche: Einrichtungen haben keinen Platz für 18-Jährige

Marlene beginnt sofort, in anderen Einrichtungen um einen Platz für ihre Tochter anzufragen. Ihr Glück: Sie hat zu dem Zeitpunkt Urlaub und dadurch die Zeit, bei über 30 Einrichtungen nachzufragen, Formulare auszufüllen, Gespräche zu führen. Sie investiert Stunden, um einen guten Platz für ihre Tochter zu finden. Das Ergebnis: ernüchternd. Keine einzige Einrichtung nimmt Tochter Anja auf. Und das, obwohl sie ein Notfall ist - und Plätze vorhanden wären. Das Problem: Die Einrichtungen nehmen Anja nicht auf, weil sie die notwendige 24-Stunden-Betreuung für die 18-Jährige nicht gewährleisten können - oder wollen. Für Mutter Marlene wirkt es, als würden die Einrichtungen ihrer Tochter gar keine Chance dazu geben, sich dort einzuleben. „Sie sehen Anja eine Stunde und sagen gleich ab.“

Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung hat bis vor eineinhalb Jahren die Familie fast ganz alleine gestemmt. Wenn die Eltern schlafen, steht das Babyfon mit Kamera neben dem Bett. Doch von Schlaf kann eigentlich nicht die Rede sein. Anja ist aufgrund ihrer massiven Schlafstörungen teils stundenlang in der Nacht wach und dadurch auch ihre Eltern. Der Schlafmangel laugt die Eltern aus, die eigentlich tagsüber beide Vollzeit arbeiten. „Wir sind dann kaputt und schaffen das nicht, wenn Anja tagelang Schlafstörungen hat.“

Bei ihren beiden jüngeren Brüdern mussten die Eltern von Anfang an aufpassen. „Anja ist sehr liebevoll. Sie umarmt einen unglaublich gern, auch die Jungs. Aber sie hat unglaublich viel Kraft und lässt nicht so schnell los. Sie meint es nicht böse, aber versteht das halt nicht“, erzählt Marlene im Gespräch mit BGLand24.de.

Einkaufen oder Buch lesen? Alltägliche Dinge nicht möglich

Schon als Kleinkind braucht Anja Therapien, damit sie überhaupt krabbeln, sitzen, laufen und essen lernt. Später besucht das Mädchen einen heilpädagogischen Kindergarten. „Sie war immer das Kind mit der stärksten Behinderung. Beim Kindergartenfest war sie immer in Bewegung. Sie konnte nicht wie die anderen Kinder am Boden ruhig sitzen bleiben und essen. Sie braucht immer Beschäftigung.“ Danach kam Anja in eine Schule für geistig Behinderte mit einer Schulbegleitung, die ihr geholfen hat. „Die blieb mit ihr sitzen und machte mit. Die führte ihre Hand beim Malen. Wenn sie eine Eins-zu-Eins-Betreuung hatte, war sie deutlich ruhiger”, erklärt Marlene.

Auch alltägliche Dinge sind mit der Tochter nicht möglich. „Wenn Anja daheim ist, kann ich nicht mal allein aufs Klo gehen.” Alleine mit der Tochter spazieren gehen? Kaum möglich. „Der Fokus muss auf ihr liegen. Man muss sie immer fest an der Hand halten. Sonst flitzt sie gleich weg“, schildert die Mutter. In der Corona-Pandemie konnten die Eltern auch nicht mit Anja zum Einkaufen gehen. „Eine Maske tragen schafft sie geistig nicht. Die Leute haben dann immer geschaut, weil sie keine Maske aufhat“, so Marlene.

Das geistige Verständnis von Anja ist mit einem zwei- bis dreijährigen Kind vergleichbar. Doch im Gegensatz zu Kindern kann Anja keine Gefahren einschätzen. Straßenverkehr, Treppen, bergab gehen - überall könnte sie sich schnell verletzen. „Unser Urlaub ist nach ihr ausgerichtet. Wenn sie zum Pool mag, passen wir auf, dass sie keinen Fremden umarmt und dabei versehentlich unter Wasser drückt. Sie ist sehr liebevoll, aber das versteht sie nicht. Aber Erholung, mal ein Buch lesen, das haben wir gar nicht. Wir sind immer gefordert. Wenn sie daheim ist, ist eigentlich Stillstand.”

Familie kämpft um neuen Platz für Tochter und „etwas Normalität“

Darum kämpft Marlene um einen neuen Platz für Tochter Anja. „Es ist nicht so, dass wir unser Kind nicht wollen, wir können es nur nicht mehr stemmen. Wir wollen wieder etwas Normalität haben”, so Marlene. Doch die Häuser schrecken vor der 24-Stunden Betreuung zurück. Der Bezirk Oberbayern kann die Einrichtungen nicht zu einer Aufnahme des Mädchens zwingen. Sollte Marlene keinen neuen Platz für Anja finden - ob in Hohenfried oder einer anderen Einrichtung -, wird die Tochter wieder zurück zu ihrer Familie ziehen. 

„Vor eineinhalb Jahren war sie noch in der Schule von acht bis 16 Uhr. Da habe ich meinen Job machen können oder den Haushalt.” Ab September wäre Anja jedoch rund um die Uhr zuhause. Die Familie müsste die Aufsicht alleine stemmen. „Ich finde keine Betreuung, die mit ihr zurechtkommt. Auch nicht stundenweise.” Nicht nur die Eltern, die auch keine ausgebildeten Pädagogen oder Pfleger sind, leiden unter der Situation. Auch Anjas jüngere Brüder mussten immer zurückstecken. Früher war die Familie oft getrennt unterwegs. Der Vater mit der Tochter und die Mutter mit den Jungs - oder andersherum. Gemeinsame Familienausflüge oder der Besuch von Freunden, anderen Kindern, waren nie möglich. 

Zuhause in Hohenfried: Tochter ein „regelrechter Sonnenschein“

Anja selbst wird durch den Verlust ihres Platzes in Hohenfried aus ihrer gewohnten Umgebung, aus ihrem Zuhause, gerissen. „Sie war in Hohenfried zum Teil ganz ruhig, weil sie wusste ‚da wohne ich’.” Anja ist in Hohenfried zu einem „regelrechten Sonnenschein“ aufgeblüht. Sie fühlt sich wohl, ist glücklich. Auch die Eltern sind glücklich, dass ihre Tochter zufrieden ist und sich so gut mit den Betreuern und den anderen Bewohnern versteht.

Seit eineinhalb Jahren lebt Anja in Hohenfried. An jedem zweiten Wochenende sowie in den Ferien und im Urlaub holte sie ihre Familie ab. Dadurch hatten auch ihre Eltern und ihre Brüder ein „normales” Leben. „Wir wollen ein ganz normales Leben, wie jeder andere auch hat, beibehalten. Doch jetzt ist wieder alles auf Stillstand. Ich glaube, dass der Bezirk und die Regierung nicht verstehen, was für ein eingeschränktes Leben wir haben.” 

Die Familie liebt Anja, dennoch sorgt sich Mutter Marlene: Im Moment ist unklar, ob Anja einen neuen Platz in Hohenfried oder einer anderen Einrichtung bekommt. „Ich habe Angst, dass unser Leben wieder still steht, wenn wir sie daheim haben.” Der Bezirk Oberbayern, Kostenträger von Haus Hohenfried, bietet der Familie verschiedene Lösungsansätze. Warum diese Anja und ihre Familie dennoch keine Erleichterung bringen, erklären wir in einem weiteren Artikel.

ce

Rubriklistenbild: © Hohenfried e.V. / pixabay.com

Kommentare

lukas film
(0)(0)

Die Begründungen der Heime an die Landeskammer senden, die drehen sich...wieso ist eigentlich Personalmangel??