„Wir müssen gerade jetzt Vorbilder sein“ 

Zwei Psychologinnen aus Bayerisch Gmain im Gespräch: Was macht Corona mit unseren Kindern?

Roberta Burkhart und Heike Zobeley
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Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen Roberta Burkhardt (rechts) und Heike Zobeley, die zusammen in Bayerisch Gmain eine Praxis betreiben.

„Kinder und Jugendliche kommen mit der Corona-Pandemie insgesamt besser zurecht als viele Erwachsene. Sie haben sich schneller an die neuen Umstände angepasst“, erklärt Psychotherapeutin Roberta Burkhardt.

Bayerisch Gmain - Seit über zwölf Jahren betreibt die gebürtige Ungarin eine Praxis in Bayerisch Gmain, seit 1. Januar teilt sie sich diese mit Heike Zobeley. Die beiden in der Gesundheitsversorgung integrierten Verhaltenstherapeutinnen können Kinder mit ihren Eltern von Geburt an und bis zum 21. Lebensjahr behandeln, aktuell sind die jüngsten Patienten um die vier Jahre alt.

Wir haben mit ihnen gesprochen, um zu erfahren, wie es unseren Kindern und Jugendlichen in dieser Pandemie-Phase geht.



Heimatzeitung: Frau Burkhardt, Frau Zobeley, was macht Corona mit unseren Kindern und Jugendlichen?


Roberta Burkhardt: Den Kindern geht es insgesamt nicht gut, weil die Situation auch für sie extrem schwierig und belastend ist. Gleichwohl sind sie flexibler als wir Erwachsenen und verstehen die Lage oft besser als wir denken. Sie gewöhnen sich beispielsweise leichter an das Maskentragen, weil sie diese Regelungen nicht permanent hinterfragen.



Welche Veränderungen stellen Sie fest und gestalten sich massiv?


Heike Zobeley: Die Schulängste häuften sich, als es nach der ersten Corona-Welle wieder losging. Die Bedingungen waren ohnehin schon schwierig, wenngleich die Schulen selbst natürlich ihr Bestes gaben und nach wie vor geben.



Worauf bezogen sich diese Ängste?


Burkhardt: Auf den plötzlich vorhandenen, nur vermeintlich stärkeren Leistungsdruck. Die Schülerinnen und Schüler dachten, jetzt werden sofort alle Proben und Tests nachgeholt und sie müssten nun alles auf einmal bewältigen. All jene, die im Lockdown eine gute Tagesstruktur haben, können das besser meistern. Andere geraten in Schwierigkeiten mit der Alltagsbewältigung, gewöhnen sich beispielsweise an ein langes Ausschlafen und kommen schließlich schwerer mit den vielfältigen Herausforderungen des „Homeschooling“ zurecht. In dieser Gruppe entwickeln sich erhebliche Ängste, das neue Pensum nicht mehr bewältigen zu können. Die Sorge, deshalb das Schuljahresziel nicht zu erreichen, steigt immens. 



Haben sich die Probleme Ihrer Patienten durch Corona grundsätzlich verschoben?


Burkhardt: Unsere Patienten kommen mit den nahezu identischen Sorgen und Ängsten, die sie schon vor Corona hatten zu uns. Die Problematik unserer Klientel hat sich nicht gravierend verändert. Eine Zunahme von begleitenden Essstörungen und Depressionen sind allerdings zu verzeichnen. 


Zobeley: Wir spüren eher Veränderungen bei vielen Eltern unserer Patienten. Sie haben jetzt ganz andere Probleme zu meistern und sehen sich Mehrfach-Belastungen ausgesetzt. Die pandemiebedingten Stressfaktoren verbergen die oft schon zuvor vorhandenen Schwierigkeiten.


Burkhardt: Es gibt natürlich die Situation, dass eine soziale Phobie, die vor der Corona-Zeit bestand, weniger umfassend behandelt werden kann und neue Symptome auftreten, wenn durch den Lockdown und das viele Zuhause-Sein eine Essstörung dazu kommt oder sich daraus eine Depression entwickelt. Schwierig ist für die Jugendlichen, „bei der Stange bleiben“ zu müssen, ohne richtige Perspektive. Gerade Kinder denken ja nicht so weit voraus wie wir, für sie zählt erstmal primär, was am kommenden Wochenende los ist. Alles andere ist oft weit weg, weil sie noch nicht unsere Zeitperspektive besitzen. Dadurch entstehen schneller Einsamkeitsgefühle und „deprimiert sein“.



Wie äußern sich diese Depressionen?


Burkhardt: In Schlafstörungen – ewig im Bett liegen bleiben, nicht mehr rausgehen, obwohl man das dürfte. Kurzum: Kein Auftrieb mehr. Manche beenden sogar das Chatten mit den Freunden und schauen nur noch Internet-Videos an. Somit gehen sogar die Kontakte, die noch möglich wären, verloren. Das ist eine gefährliche Entwicklung, weil sie massive Folgeschäden hervorrufen kann. Diese Tendenzen sahen wir allerdings schon vor der Pandemie.



Wie wirken sich diese Folgeschäden aus?


Zobeley: Der Lockdown hat die kleineren Kinder zuerst sogar entlastet. Alles war ruhig und die Eltern hatten plötzlich mehr Zeit und Zuwendungen für sie übrig. Gerade bei Zwangserkrankungen, die mit Stress oder leichten Depressionen verbunden sind, stellten wir anfangs Verbesserungen fest, weil Entspannung und Entschleunigung einkehrten. Doch schon bald war gerade das starken Schwankungen unterworfen, weil sich die Pandemie-Lage kaum verbesserte. Beeinflusst durch Einstellungen der Eltern kamen Ängste dazu. Derartige Schwingungen spiegeln Kinder extrem stark wider. Wir hatten Patienten, die behaupteten, Corona sei eine Lüge. Andere befiel eine derartige Panik, dass sie nicht einmal mit einer Maske in die Schule gehen konnten, als diese nach dem ersten Lockdown öffnete.



Wie in so vielen Dingen ist also das Elternhaus entscheidend.


Zobeley: Weil Kinder besonders feine Antennen für die Befindlichkeiten ihrer Eltern besitzen, spiegelt sich im therapeutischen Kontext die Einstellung und die psychische Auffassung der Bezugspersonen wider. Im Sommer war sichtbar, wie schnell eine Erleichterung eintrat. Und wir sahen, dass Kinder in beide Richtungen – Spannung und Entspannung – unmittelbar reagierten.



Wie gehen die Eltern mit ihrer „neuen“ Rolle um?


Burkhardt: Wir spüren, dass sie sich große Mühe geben. Wir müssen verstehen, dass sie sich einer völlig neuen Situation stellen müssen, ja ihr ausgesetzt sind. Wenn wir uns allein das schwierige Thema Homeschooling anschauen, auf das niemand vorbereitet war. Wir haben viel Verständnis für Eltern, die sich überlastet fühlen – mit Arbeit, Haushalt sowie der Erziehung und Freizeitgestaltung ihrer Kinder.



Bei den schon etwas älteren Ihrer Patienten haben die Eltern sicher nicht mehr den starken Einfluss, den sie noch bei kleineren Kindern haben.


Zobeley: Für sie ist es schwieriger, keine Frage. Sie leiden unter den Beschränkungen und dürfen klagen. Wir sehen jedoch gerade bei den jungen Erwachsenen eine erstaunliche Kreativität, sich Möglichkeiten zu erarbeiten, um ihre Kontakte zu pflegen. Das soll natürlich kein (heimliches) Treffen mit 50 Leuten im Wald sein. Aber wenn sich drei Jugendliche mit Abstand und Masken sehen, entsteht daraus sicher kein Hotspot. Bei den kleineren Kindern versuchen die Eltern, die Kontakte zu Gleichaltrigen – im Rahmen der Corona-Vorgaben – zu ermöglichen, damit das Soziale nicht komplett verloren geht.



Was stört die Jugendlichen vor allem?


Zobeley: Viele, die sich akribisch an die Regeln halten, fühlen sich zu Unrecht schlecht gemacht. Weil sie oft verantwortlich gemacht werden, Thema Corona-Party. Das wird auf sie abgewälzt, obwohl Erwachsene oft weitaus verantwortungsloser handeln, sich in großen Gruppen treffen und mobiler sind.



Welche Möglichkeiten haben Sie als Therapeutinnen, auf die Kinder und Jugendlichen einzugehen?


Burkhardt: Die Situation auszuhalten, ist an sich schwierig. Durch fehlende Aktivitäten haben die Menschen mehr Zeit, über sich nachzudenken. In mehreren Therapien machen wir die Erfahrung, dass durch die entstandene Ruhe die Befähigung zur Selbstreflektion zunimmt. Wir erleben derzeit überraschende therapeutische Entwicklungen. Allgemein an der Tagesordnung sind in unserer Arbeit beispielsweise Ressourcen-Aktivierung, Unterstützung bei der Tagesstruktur, Bewältigung von Familienkonflikten, Umgang mit Einsamkeit und Langeweile und der Aufbau von Zukunftsperspektiven.



Sollten wir alle diese Zeit also nutzen, unser „ganzes“ Leben zu überdenken?


Burkhardt: Gewissermaßen schon. Für jede Generation stellen sich neue Fragen nach Prioritäten. Eltern sind ein wichtiges Modell für ihre Kinder. Unsere Einstellungen, Ängste und Unsicherheiten wirken sich stark – wenngleich nicht unmittelbar – auf sie aus und beeinflussen sie im späteren Leben. Deshalb sollten wir doch gerade jetzt gute Vorbilder für unsere Kinder und Jugendlichen sein.



Leiden nicht gerade die Jugendlichen – die Phase zwischen 16 und 20 ist ja eine des „Leben entdeckens“ – darunter, jetzt möglicherweise viel zu verpassen? Die erste Freundin, der erste Freund, Feiern, Weggehen, die verpasste Abifeier, die abgesagte Abschlussfahrt – Dinge, die man ein Leben lang im Gedächtnis behält und deren Spontaneität definitiv nicht nachzuholen ist.


Zobeley: Sie leiden. Wir stellen aber genauso fest, dass sie sich der Situation durchaus konstruktiv und kreativ adaptieren. Natürlich ist ihnen klar, dass sie etwas verpassen. Junge Menschen, die vorher schon aktiv waren, holen sich jedoch ihre Kontakte, andere hingegen vereinsamen.



Wie sehen Sie die Rolle der Schule in der Pandemie?


Zobeley: Wir wollen eine Lanze nicht nur für die meist sehr bemühten Eltern, sondern vor allem für die Lehrerinnen und Lehrer brechen. Sie geben sich große Mühe, den Kindern so viel Normalität als möglich zu geben und sie nicht durchs Raster fallen zu lassen. Wir haben gegenüber beiden Seiten größten Respekt. Für die Schülerinnen und Schüler ist das „zu Hause lernen“ alles andere als einfach. Für die meisten war es trotz dieser digitalen Zeiten doch völlig neu, sich stundenlang vor einen Laptop zu setzen, als quasi Schulersatz. Viele mussten sich im ersten Lockdown erst einmal entsprechend ausstatten und online aufstellen. Das war vielerorts schwierig, kostete jede Menge Energie und erforderte ein hohes Maß an Durchhaltevermögen, gerade mit kleinen Kindern. Bei der digitalisierten Anbindung gibt es nach wie vor viel aufzuholen.



Digital gehen die jungen Menschen durch diese Situation jedoch vermutlich sehr viel besser aufgestellt in die Zukunft.


Zobeley: Es wäre ein positiver Nebeneffekt. Das Selbstverständnis mit den Medien wird nach Corona ein ganz anderes sein. Gleichwohl teile ich die Sorge, was aus jenen wird, die den Anschluss nicht erreichen.



Anderes Thema: Hat die Gewalt in den Familien durch Corona zugenommen?


Zobeley: Unsere aktuelle Erfahrung ist nicht repräsentativ, weil das bei uns noch kaum angekommen ist. Gefährdungsfälle gehen grundsätzlich zuerst ans Jugendamt. Insgesamt ist die Situation in den Familien sicher gereizter, es gibt häufiger Streit, es wird schneller laut. Davon berichten uns die Kinder schon. Dahinter steckt meist sicher keine böse Absicht. Es ist der Situation geschuldet, die Hemmschwelle sinkt. Von echter Gewalt oder gar Misshandlungen können viele Kinder ohnehin eher „verdeckt“ berichten, das kommt oft erst Jahre später an die Oberfläche.



Welche Störungen stellen Sie hauptsächlich in dieser Corona-Zeit bei Ihren Patienten fest?


Burkhardt: Depressionen und Symptome von Essstörungen treten derzeit als Begleiterscheinungen häufiger auf. Die Symptome einer Anorexie werden ohnehin durch die heute überzogenen Schönheitsideale hervorgerufen, denen viele Mädchen verfallen. Der Trend, dass junge Frauen mit ihrem Körper nicht im Reinen sind, nimmt stark zu. Das Internet übt Druck auf sie aus, das Selbstwertgefühl der Mädchen sinkt erheblich. Selbst eine nicht böse gemeinte, aber unbedarft geäußerte Bemerkung im Elternhaus kann bereits zu Schwierigkeiten führen. Der lange Lockdown wirkt zusätzlich negativ. Gerade in diesen Themengebieten arbeiten wir intensiv präventiv und sprechen Essthemen direkt an.



Über welche positiven Entwicklungen können Sie berichten?


Burkhardt: Jugendliche, die (vielleicht) in der ersten Corona-Welle depressiv waren, können jetzt oft sehr viel besser damit umgehen. Sie haben quasi Ressourcen aufgebaut, die sie nun nützen können.



Was haben Sie in Ihrem Beruf in den letzten zwölf Monaten gelernt?


Burkhardt: Hätten wir vorab gehört, was auf uns alle zukommt, hätten wir doch gedacht, eine solche Situation nicht meistern zu können. Dann stellt sich heraus, dass wir doch in der Lage sind, selbst starke Änderungen in den Rahmenbedingungen unseres Lebens bewältigen zu können.



Welche durch Corona hervorgerufenen Entwicklungen befürchten Sie mittelfristig?


Zobeley: Wenn wir es schaffen, einen Großteil der Bevölkerung zu impfen, wird sich möglicherweise im September eine Normalisierung einstellen. Sollte jedoch eine neue Welle kommen, eine schlimmere Mutation oder sogar ein neuer Virus, gibt es natürlich Chaos. Und dann sind unsere Kinder und Jugendlichen die großen Verlierer. Sie werden von massiven Ängsten befallen, die Versäumnisse – egal welcher Natur – irgendwann nicht mehr aufholen zu können. Schlechte Noten sind die Folge, die Versetzung gefährdet. Eine niedrige Impulskontrolle steigert das Aggressionspotenzial, Depressionen sind möglicherweise eine zwangsläufige Folge. Vor einer solchen Entwicklung habe ich Angst, weil dann gerade die sozial Schwächeren verstärkt durchs Raster fallen.



Was ist in diesen Punkten jetzt wichtig? Wie kann dieser Entwicklung entgegengesteuert werden?


Zobeley: Mittels sozial nahestehenden Menschen als zentrale Ansprechpartner. Das sind natürlich in erster Linie die Eltern, aber auch ältere Geschwister, Oma und Opa. Es können aber genauso gut Pädagogen und Erzieher sein, der Sportlehrer, Freunde… – mit all diesen Menschen lassen sich Kompensationsstrategien entwickeln.



Was wünschen Sie sich noch?


Burkhardt: Allgemein positive Auswirkungen im zwischenmenschlichen Bereich – aufgrund der Erfahrung kollektiver Verantwortung in Zeiten einer Pandemie.


Zobeley: Mehr Aufmerksamkeit für die Belange der Kinder und Jugendlichen vonseiten der Regierung, sie nicht nur als Schüler zu sehen, sondern als vollständige Persönlichkeiten mit allen Bedürfnissen – vor allem außerhalb von Schule und Bildung. Damit Familien gleichere Chancen für die Entwicklung ihrer Kinder haben.


Das Interview führte Hans-Joachim Bittner

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