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Schnee- und Glätte-Chaos in der Region: A8 bei Siegsdorf und Bad Reichenhall gesperrt – Zahlreiche Unfälle

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Obersalzberger Gespräch über jüdisches Leben im „Weltbad“ 1870-1945

Wüst beschimpft: Wie Siegmund Freud dem aufkeimenden Antisemitismus in Bad Reichenhall zum Opfer fiel

Sigmund Freud im Jahr 1901 beim Angeln am Thumsee.
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Sigmund Freud im Jahr 1901 beim Angeln am Thumsee.

Nur wenige Kurorte haben eine derart große Tradition mit jüdischen Kurgästen wie Bad Reichenhall. Anders als in vielen deutschen Tourismusorten waren hier Juden lange Zeit willkommen, sagt Johannes Lang, Leiter des Stadtarchivs und des Reichenhall Museums während des „Obersalzberger Gesprächs”, das anlässlich des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland” entstand. Allerdings: Es mehrten sich antisemitische Vorfälle. Betroffen davon war auch Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, der einen Sommer lang am Reichenhaller Thumsee weilte. 

Berchtesgaden/Reichenhall - Es muss viel passieren, dass ein Kurort mit knapp 70 Jahre andauernder jüdischer Tradition „judenfrei” wird. Die Geschichte nachgezeichnet hat das Institut für Zeitgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Reichenhall Museum. Wegen Corona fand das Gespräch zwischen Museumspädagoge Dr. Mathias Irlinger von der Dokumentation Obersalzberg und Stadtarchivar Johannes Lang online statt. Lang hat eine 900 Seiten starke Geschichte über Reichenhall verfasst, federführend die Ausstellung des im Jahr 2019 neu eröffneten Reichenhall Museums konzipiert. Lange Zeit hat er sich mit dem jüdischen Leben der Stadt beschäftigt.

Sigmund Freud war 1901 nach Reichenhall gekommen. Es existiert ein Bild, auf dem er am Thumsee angelt. Lang erzählt eine Episode, die in Freuds Biografie zu finden ist. Der einflussreiche Denker habe es am Thumsee mit „wüsten Beschimpfungen zu tun gehabt”, musste sich seinen Weg durch eine Menschenmenge bahnen, die ihn diskreditierte. „Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits der Nährboden bereitet für die 1930er-Jahre”, sagt Lang, der vom sogenannten “Bäder-Antisemitismus” spricht.

Dr. Johannes Lang, Reichenhalls Stadtarchivar und Leiter des Reichenhall Museums.

Dass Reichenhall zum Kurort für Juden wurde, geschah deutlich früher. Es ist das Jahr 1846, als im Haus Axelmannstein, das heute noch existiert, ein kleines Bad eingerichtet wurde. „Es war nichts weiter als ein Versuch”, sagt der Stadtarchivar. Innerhalb von zwei Jahrzehnten veränderte der gesamte Ort sein Bild. „Die Immobilienpreise stiegen um das Zwanzigfache, es war eine Dynamik, die heutzutage nicht vorstellbar ist.”

Bad Reichenhall wird „Weltbad“

Reichenhall wurde zum anerkannten Kurort, „zum Weltbad”, das sich mit den größten Kurorten Europas messen konnte. Die Gästefrequenz war hoch. Reichenhall wartete mit gekrönten Häuptern auf, in der Umgebung gab es nichts Vergleichbares. Aus den jüdischen Zentren rund um Fürth fand ein Zuzug von Gästen jüdischen Glaubens statt. Ab den 1860er-Jahren entstand eine jüdische Kurinfrastruktur. Koschere Restaurants eröffneten, in Reichenhall gab es nun ein jüdisches Schlachthaus, Beträume wurden geschaffen, „es wurde gar in Erwägung gezogen, einen jüdischen Friedhof einzurichten”, erzählt Lang. Die Reichenhaller ließen sich auf das jüdische Klientel ein. „Nicht aus Menschenliebe, sondern, weil man sich auch ein gutes Geschäft versprach”, sagt Lang.

Aufkeimender Antisemitismus in Bad Reichenhall

Nach und nach störten sich manche am Image Reichenhalls im Zuge des im deutschen Kaiserreichs aufkommenden Antisemitismus. „Es gab Zeitungen, die auf Reichenhall rum hackten.” Slogans wie: „Juden, Juden überall, von Ischl bis nach Reichenhall” machten die Runde. Stereotype entstanden, dass es in Reichenhall nichts anderes gebe als Juden.

Bereits in den 1880er-Jahren machten erste „Juden raus”-Schmierereien die Runde. Handzettel wurden verteilt, „wohl von anderen Kurgästen platziert”, weiß Lang, etwa auf dem Reichenhaller Zwiesel, dem höchsten Berg des Gebirgsstocks Staufen. Ein latenter Antisemitismus sei dauerhaft spürbar gewesen, mal mehr, mal weniger. Es gab Vorwürfe in Reichenhall, Juden seien zu laut, sie würden ungebührlich auftreten, „dabei entstanden Klischees”

Buch beschreibt die Ängste der damaligen Zeit

1920 erschien in einem Reichenhaller Verlag, geleitet von einem Konsortium jüdischen Glaubens, ein Buch mit dem Titel „Judenstreik”. Das Buch sei ein bemerkenswertes Werk, sagt Lang. Schon Jahre vor Hitler und dessen Machtergreifung wurde darin ein düsteres Bild gezeichnet, in dem deutsche Männer öffentlich dazu aufgefordert werden, sich gegen Juden aufzulehnen, diese in Lager zu sperren, „nieder mit den Juden”, heißt es. Auch das Hakenkreuz ist abgebildet. Im Buch selbst schließen sich die Menschen jüdischen Glaubens in der Folge zusammen, es kommt zum großen Judenstreik. „Darin werden die Ängste der damaligen Zeit widergespiegelt”, sagt Lang.

Judenstreik heißt der Roman, der im Jahr 1920 in einem Reichenhaller Verlag veröffentlicht wurde.

Tatsächlich führte der Zentralverein der Juden wegen des sich ausbreitenden Antisemitismus’ mittlerweile Listen. Darin gab dieser Empfehlungen, in welche Kurorte Juden noch fahren können. „Reichenhall hatte sich ein anderes Image auferlegt, den Ort findet man in dieser Liste nicht”, sagt Johannes Lang. Andere Orte, wie etwa die Nordseeinsel Borkum, hatten ihr Image dahingehend geschaffen, als „nationalistischer, rein deutscher Kurort” in der Öffentlichkeit aufzutreten. „Allerdings sprach man dort kein großbürgerliches Klientel, wie etwa in Reichenhall, an”, weiß Lang.

Auch in Kitzbühel etwa wurden Judenanfragen erst gar nicht mehr beantwortet, selbst in Anger, ebenfalls im heutigen Landkreis Berchtesgadener Land verortet und Nachbargemeinde Reichenhalls, wurde relativ früh „Judenfreiheit” festgestellt.

„Reichenhall blieb ein Ort, wo Juden noch Urlaub machen konnten”

Während ab den 1920er-Jahren Adolf Hitler Berchtesgaden als neues Domizil für sich entdeckte und zur regionalen Größe aufstieg, änderte Reichenhall seine Einstellung gegenüber Juden nicht: „Sie zogen ihr Ding durch. Reichenhall blieb ein Ort, wo Juden noch Urlaub machen konnten”, sagt der Stadtarchivar. In den 1920er-Jahren sprach sich der Magistrat öffentlich gegen Antisemitismus aus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten habe es „vereinzelte Hoteliers gegeben, die sich darüber beschwerten, wie man mit den Juden umgeht”.

Natürlich, so lang, herrschte die Angst vor, dass die Geschäfte ausbleiben könnten, immerhin sei die Hälfte von Reichenhalls Gästen jüdischen Glaubens gewesen, so der 51-Jährige. Debatten wurden geführt, die Stadt solle sich von jüdischen Gästen „freischwimmen”, es gab Anti-Juden-Kundgebungen. Die Nationalsozialisten verschärften die Situation, indem Juden etwa der Besuch des Freibades verboten wurde, später bekamen jüdische Kurärzte Berufsverbot.

Viele Juden setzten sich ins Ausland ab

Viele Juden setzten sich daraufhin ins Ausland ab, in Reichenhall gab es nur noch eine kleine jüdische Gemeinde, darunter auch Gustav Ortenau, ein jüdischer Arzt, der 25 Jahre in Reichenhall praktiziert hatte und nach dem in den 1990er-Jahren ein Park im Herzen der Stadt benannt wurde. Auch ihm wurde die Ausübung des Berufes verboten. Er verkaufte alles. Bei seiner Abreise soll ihn eine große Gruppe Reichenhaller Bürger am Bahnhof verabschiedet haben, weiß Lang.

Nach der Reichspogromnacht 1938 war es Juden ab 1939 verboten, in Deutschland Urlaub zu machen. Bis zuletzt waren Menschen jüdischen Glaubens nach Reichenhall zur Kur gekommen. „Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ist die Tradition als jüdischer Kurort abrupt zu Ende gegangen.” Die letzte bekannte Jüdin wurde 1943 am Thumsee „gefasst”.

Wie es nach dem Krieg weiterging

Nach dem Krieg entstand in der Stadt an der ehemaligen Wehrmachtskaserne eines der größten Lager für Displaced Persons, heimatlose Personen, darunter etliche Juden. Noch heute besuchen deren Nachkommen regelmäßig die Kurstadt, „weil sie dort geboren wurden oder sich deren Eltern im Lager kennenlernten”, sagt Johannes Lang.

Spuren, die an jüdisches Leben erinnern, gibt es in Reichenhall noch immer, wenn auch nicht viele. Neben dem Ortenau-Park etwa auch der Zentauren-Brunnen am Bahnhof, finanziert von Alfred Nathan, einem Fürther Rechtsanwalt mit jüdischen Wurzeln, der auch die Amalienruhe, eine Aussichtskanzel am Müllnerberg, für seine Mutter erbauen ließ.

kp

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