Brandbrief an die hohe Politik

Wegen Lockdown: Wirt der Spieß-Hütt‘n in Bad Reichenhall verschenkt Ware an Bürger

Stefan Glas, Wirt der Spieß Hütt‘n in Bad Reichenhall
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Stefan Glas, Wirt der Spieß Hütt‘n in Bad Reichenhall will wegen des Lockdowns bald ablaufende Ware verschenken.

Die Gastronomie und Hotellerie ist vom Lockdown besonders betroffen. Im Berchtesgadener Land müssen Gastronomen sogar schon seit 17. Oktober geschlossen haben. Der Wirt der Spieß-Hütt‘n reagiert nun und verschenkt seine Ware und hat zudem einen Brandbrief an die hohe Politik verfasst.

Bad Reichenhall - „Ich lade alle genannten ‚Vertreter des Volkes‘ am Gründonnerstag und am Karsamstag zu mir ins Berchtesgadener Land, nach Bad Reichenhall in meine Spieß-Hütt´n ein, um an einer kostenlosen Resteverkostung teilzunehmen“, schreibt Wirt Stefan Glas aus Bad Reichenhall in einem Brandbrief an die hohe Politik mit dem Titel „Wirt sein, Wirt bleiben, aber wie?“.

Ware wird an Bürgerinnen und Bürger verschenkt

„An diesen Tagen werde ich Ihnen alle Waren anbieten, die durch die Schließung am 17. Oktober 2020 abgelaufen sind und auch nicht mehr länger eingefroren sein dürfen. Also alle Produkte, die wir für einen Verkauf im starken Monat Oktober rechtzeitig geordert und eingelagert haben, damit wir diese unseren Gästen anbieten und verkaufen können.“ Und das geht wegen des Lockdowns nicht.

Aus diesem Grund hat sich der Wirt dazu entschlossen, alle georderten Getränke am Gründonnerstag und Karsamstag an Gäste zu verschenken. Jeder, der will, kann an diesen beiden Tagen bei der Spieß-Hütt‘n in der Schachtstraße in Bad Reichenhall vorbei kommen. „Auch hier sind kleinere Spenden erwünscht“, sagt Glas. Er war als Betreiber der Spieß-Hütt‘n auch von dem vorgezogenen Lockdown im Berchtesgadener Land betroffen und musste seinen Betrieb zum 17. Oktober schließen.

Werden Verluste vom Staat bezahlt?

„Und hier ist es so, dass diese Verluste ja auch nicht von ihnen erstattet werden, da das ja wohl keine „Festkosten“ sind, sondern lediglich nicht erstattungsfähige „variable Kosten“ darstellen“, schreibt Glas in seinem Brandbrief weiter. „Was also mache ich mit diesen „variablen Kosten“ ? – Richtig, einfach nicht berechnen! – Einfach abhaken, so wie sie alle in der Regierung es machen, abhaken und weiter wurschteln ohne Plan….. . Pech gehabt, bist ja selber Schuld, dass du Wirt bist.“

Auf Nachfrage von BGLand24.de heißt es von Seiten der Bayerischen Staatsregierung dazu: „Angesprochen ist hier offensichtlich die Überbrückungshilfe des Bundes. Die Abschreibungsmöglichkeit von Umlaufvermögen in Bezug auf Wertverluste aus verderblicher Ware ist für Gastronomen nicht vorgesehen. Die entsprechende Sonderregelung in der ÜberbrückungshilfeH III gilt nur für Einzelhändler, Hersteller und Großhändler.“ Hierbei handle es sich um zwingende Vorgaben des Bundes, von denen auf Landesebene nicht abgewichen werden könne.

Seit Monaten kann Wirt Stefan Glas in seiner Spieß-Hütt‘n keine Gäste mehr bewirten

„Einzelhändler sollen nicht auf den Kosten für Saisonware sitzenbleiben“

Eine Anfrage beim Bundeswirtschaftsministerium ergab: „Einzelhändler sollen nicht auf den Kosten für Saisonware, die sie während des Lockdowns nicht absetzen konnten, sitzenbleiben“, so eine Sprecherin gegenüber BGLand24.de. Daher werde der Wertverlust für verderbliche Ware und für Saisonware der Wintersaison 2020/2021 im Rahmen der Überbrückungshilfe III (Förderzeitraum November 2020-Juni 2021) als Kostenposition anerkannt. „Das gilt u.a. für Weihnachtsartikel und Winterkleidung. Es betrifft aber auch verderbliche Ware, die unbrauchbar wird, wenn sie nicht verkauft werden konnte. Eine Vernichtung von unverkäuflicher Ware soll möglichst vermieden werden.“

Hilfen für den zur Hälfte geschlossenen Oktober hat Glas bisher noch nicht bekommen. Mit Stand 24. März 2021 habe er noch nicht einmal einen Bescheid bekommen. Von Seiten der Staatsregierung heißt es hierzu: „Die Bewilligung der gestellten Anträge durch die IHK ist gestern (23. März) gestartet. Die Hilfen werden jetzt zeitnah ausgezahlt. Der zeitliche Verzug ist entstanden, da zunächst die IT-Software implementiert werden musste.“

Warum werden Hilfen nicht über Finanzämter abgewickelt

Auch den großen bürokratischen Aufwand, um Hilfen beantragen zu können sieht Glas, der auch Kreisvorsitzender der Bayernpartei im Berchtesgadener Land ist und als Bundestagskandidat antritt, kritisch: „Das Schlimmste an den ganzen Hilfen der Regierung ist, dass ein immer wieder versagender Herr Scholz von der SPD als Finanzminister nicht in der Lage war und ist, diese finanziellen Hilfen über „seine“ Finanzämter abwickeln zu lassen, die von jedem von uns Wirten die UID-Nummer und eine Kontonummer haben“, sagt der Wirt. „Die Finanzbehörde kennt alle unsere Umsätze auf den Cent genau und kann diese auch den einzelnen Monaten oder Quartalen zuordnen. Über diese Finanzämter hätte man die Hilfen, mit wenigen „Handgriffen“ und „Klicks“ ermitteln und zur Auszahlung bringen können.

Auch Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie hätte laut eigener Aussage „dieses Vorgehen ausdrücklich begrüßt. Allerdings bestand seitens der Finanzbehörden hierzu keine Bereitschaft“, so ein Sprecher gegenüber BGLand24.de.

jb

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