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Tempo-Pressing, hohe Trefferquote

Comedian und Kabarettist Stefan Schimmel begeistert mit „Phantomscherz“ in Bad Reichenhall

Ein Trio, das meistens harmoniert: Stefan Schimmel (links) mit Pianist Andi Vogl (mitte) und Gitarrist Volker Schach (rechts).
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Ein Trio, das meistens harmoniert: Stefan Schimmel (links) mit Pianist Andi Vogl (mitte) und Gitarrist Volker Schach (rechts).

Er hat‘s geschafft. Erster Abpfiff 23.11 Uhr. Die Menge fordert „Zugabe“, will mehr sehen, erleben, hören, staunen und Stefan Schimmel selbst nach gut drei Stunden auf gar keinen Fall gehen lassen. „Phantomscherz“-Premiere im Magazin3, das zweite Programm des Kabarettisten und Comedian, das Heimspiel, 320 Menschen – „sold out“ in kurzer Zeit.

Bad Reichenhall - Auf diesen Witz, diese Pointen, das Spontane und die Schlagfertigkeit, seine zentrale Stärke, wollen die Schimmel‘schen Fans aus der Region nicht verzichten. Weil es so viel mehr ist, als nur 1:0. Es ist eine sagenhafte Partie voller Gags, kuriosen und skurrilen Geschichten, wortgewandt ins Publikum geworfen und voller Matchlänge – plus Nachspielzeit und Elferschießen des ehemaligen, so ausdrucksstarken Kurstadt-Fußballers.

Backstage läuft er sich warm. Anschwitzen. Physio Hansi Haas, der frühere Sixpäck-Kollege, löst steinharte Verspannungen im Nackenbereich. Noch rasch ein Foto mit den drei Töchtern des Künstlers. Umziehen, es geht schon, es geht los: Mit einer tatsächlichen Panne, das Klavier streikt. Das Publikum lächelt süffisant. Je öfter Schimmel nun betont, dass das ausnahmsweise kein Scherz sei und noch gar nicht zum Programm gehöre, desto unglaubwürdiger wird es.

„Es war bierernst“, versicherte er im Anschluss, letztlich konnte niemand etwas für den Start-Lapsus. Die beiden Musiker, Gitarrist Volker Schach und vor allem Pianist Andi Vogl, der mit seinem zunächst schweigenden Instrument kämpft und schwitzt, umkurven die zähe Anfangsphase mit gutem Kurzpass-Spiel. Sie sind so viel mehr als eine Einwechselbank, dürfen diesmal sprechen und den Kapitän – „ich bin der Musik-Chef“ – aufziehen. Der aktuelle Reichenhaller Oberbürgermeister Christoph Lung, früher Fußball-Schiedsrichter, wollte ebenfalls mitspielen, am Klavier: „Als Lung-Lung. Das ging mir dann doch zu weit“, so Schimmel bestimmt.

Der kratzige Pulli

„Mich zerreißt’s“, sagte er drei Tage zuvor. „Warum tu ich mir das an?“. Stefan Schimmel kann nicht anders. Er braucht diesen Saal, dieses (Flut)-Licht, diese Menschen, diese Blicke, diesen Jubel – seine Bühne. Begeisterung und Leidenschaft. Die Interaktion, die Zwischenrufe, wenn sie nicht überhand nehmen. Kaum auf den Brettern, die was auch immer bedeuten, ist sie fast weg, die Aufregung, diese unzähmbare Nervosität vorab. Schlagartig hat er fast Ruhepuls, und vollführt den Anstoß. Nur der Pulli kratzt. Seine Mama bringt zur Halbzeit inklusive Pausentee ein frisches Trikot, ein Hemd strahlend weiß und glattgebügelt. Die Rettung für die juckenden Unterarme.

Der Start gelingt

Die Atmosphäre ist angespannt wie vor einem großen Spiel, die Erwartungen immens. Die hat er sich erarbeitet. Jetzt muss er liefern. Doch Schimmel wäre nicht Schimmel, würde er nicht genau das tun. Keine Fouls, unter der Gürtellinie schon gar nicht. Sondern treffsicher wie einst als Stürmer des TSV Bad Reichenhall netzt er ein. Jetzt verbal, mit zielgerichtetem Humor, der in dieser Zeit so angenehm daherkommt. Die Pässe spielt er sich selbst zu. Es gelingt. Es benötige nur vier Gags, an so einem Abend: „Am Anfang, damit alle sagen, hey, der ist gut. Den zweiten kurz vor der Pause, damit sie (die Besucher/Anm. d. Red.) nicht wegrennen. Den dritten am Ende, damit sie Zugabe rufen. Den vierten, weil das der einzige ist, den sie sich merken.“

„Ich bin dort oben ich“

Die Begegnung Schimmel vs. Fans vermisst keinen Referee, keinen Videobeweis: „War‘s ein guter Gag? Oder doch eher nicht?“. Alles ist pur, echt, unverfälscht, authentisch: „Ich bin dort oben ich.“ Er ist es noch mehr als beim ersten Spiel „I wa gern anders wia de andern.“ Keine großen Rollen wie beim Debüt-Programm, diesmal „einfach nur“ der Schimmel, in Prosa sozusagen. „Griaß Eich“, das darf nie fehlen. Das Grüßen inklusive Diener lernte er in der Pension seiner Oma. Die gab ihm 50 Pfennig, wenn er die Gäste ordentlich begrüßte. „Da sparte ich mir an einem Tag 37,50 Mark zusammen – bei nur einem Gast. Der reiste am nächsten Tag total entnervt ab.“ Von seinem Teamkollegen Alois erzählt er viel: „Den fragte ich mal, ob er einen hohen oder niedrigen IQ hat. Er hat gefragt, was besser ist.“

Eigentore? Fehlanzeige. Trefferquote? Hoch. Satire erlaubt fast alles. Und früher war alles besser, sagt Schimmel, anders auf jeden Fall: „Der Metzger war forst, ihm hat‘s noch geschmeckt. Der Schreiner hatte nur noch sieben Finger, war also ein echter. In der Telefonzelle musste man die Zehnerl am Eisen reiben, damit sie der Münzapparat annahm.“ Nach Corona traf Schimmel eine Prostituierte, die sich nun langsam wieder „eingliedert“. Er selbst hat im Lockdown Bidets verkauft, da „war ich After-Sales-Director“.

Stefan Schimmel bleibt am Ball

Stefan Schimmel breitet sein Privatleben offen aus, bleibt am Ball. Und wundert sich über ein Hinweisschild an seinem neuen Super-Man-Anzug: „Nicht zum Fliegen geeignet.“ Er fragt: „Müssen wir auf alles hingewiesen werden? Dass Langlaufski nicht für die Streif geeignet sind oder die eigene Frau über den Bordellbesuch nicht glücklich sein wird?“ Und wie kam überhaupt das „Betreten verboten“-Schild an seinen Standort? „Diese Frage ist nicht von mir.“ Der Kabarettist versteht zudem nicht, wieso unsere Urangst Nummer eins jene des Redens vor vielen Menschen ist.

Noch vor dem Sterben, welches erst an der zweiten Stelle rangiert: „Wir sind also lieber auf der eigenen Beerdigung, als auf der eines anderen ein paar Worte sprechen zu müssen? Seltsam.“ Aber es gebe Leute, die neben den verständlichen Ängsten wie jenen vor dem Zahnarzt auch welche vor Feiertagen, Christbaumkugeln oder der Zahl 4 hätten – „ausnahmsweise kein Witz.“ Apropos Zahnarzt: Schimmel hat einen schiefen Schneidezahn, glaubte er jedenfalls. Sein Dentist klärte ihn auf: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie, dieser Zahn ist gerade. Alle anderen sind schief.“

Gestohlene Dohlen

„Störfeuer“ von der Tribüne – solo-kreischende Damen, dutzende fallende Getränkeflaschen, ein Ex-Bühnen-Kollege – umschifft er gewohnt spontan und baut die entsprechenden Herrschaften kurzerhand ins Spielgeschehen ein. Manchmal würde er vielleicht gerne Rot zeigen, zumindest Gelb-Rot. Er lenkt sich ab: Mit einem gelungenen Ausflug in die Austro-Pop-Szene. Ambros, Danzer, Falco, STS, na klar, Fendrich und die EAV sorgen rasch für „Abkühlung“ an diesem heißen Comedy-Abend im vollen Haus. Die Musikeinlagen – die Nummer „Des check i eh nie“ stammt aus der Vogl-Schach-Feder – dienen den Gästen als „Erholungsphasen“, weil das Tempo-Pressing des Gag-Feuerwerks den Geist durchaus fordert.

Die Muss-„Gäste“ Maffay, Grönemeyer, Carpendale, Kaiser, Drews und Wecker, den hat Schimmel einfach eins-zu-eins drauf, folgt ein Gedicht über Dieter Bohlen: Mit gestohlenen Dohlen, unverhohlen, auf leisen Kohlen, äh Sohlen, mit Banderolen und Parolen, am Ende einer Dame mit Fohlen, aus Polen. Unbeschreiblich, der Wortwitz. Der Thomas Gottschalk des Kabaretts überzieht: „Ich muss noch kürzen, keine Frage. Dieser erste Abend war für mich auch ein Erspüren des neuen Programms.“

Abpfiff

23.24 Uhr. Abpfiff. „Sauguad war‘s wieda“, sagt einer seiner ehemaligen Fußball-Trainer vor dem jetzt nächtlichen Ambiente. Stimmt. Die Menschen gehen belustigt, erfreut, gelöst nach Hause. Sie sind froh, dabei gewesen zu sein und werden es denen, die nicht dabei waren, erzählen. Doch keine Sorge: Es wird Wiederholungsspiele geben… – am 26. November im Traunsteiner „Nuts“, am 14. Januar in der Salzachhalle Laufen.

bit

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