Wirt schaut nach Großbrand in Bad Reichenhall nach vorn

„Gott hat uns ein zweites Leben geschenkt“

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Bad Reichenhall – „Da arbeitet man Tag für Tag 13 bis 15 Stunden – und mit einem Wimpernschlag ist alles weg“, sagt Zoran Cica im Gespräch mit BGLand24.

Der Wirt der 1926 erbauten Gaststätte „Schießstätte“ an der Loferer Straße steht noch immer fassungslos vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz. Dabei ist er auch über eine Tatsache glücklich: „Gott hat meiner Familie und mir ein zweites Leben geschenkt“. Bei einem verheerenden Brand am vergangenen Samstagmorgen verlor der Kroate, der in die Gaststätte am Reichenhaller Festplatz seit 1994 so viel Herzblut und auch Geld reinsteckte, sein gesamtes Hab und Gut. In zwei Jahren wollte er in Rente gehen, jetzt ist alles verloren. 

Nach Brand in Gasthaus Schießstätte: So geht es weiter

Die Hilfs- und Spendenbereitschaft der heimischen Bevölkerung in den letzten Tagen überwältigt Zoran Cica, der am 14. Februar seinen 60. Geburtstag feierte. Mit Tränen in den Augen fragt er: „Wie kann ich den Menschen nur dafür danken? Wir können das alles gar nicht annehmen“. 

Bei all seinem persönlichen Schicksal bringt er die Kraft auf, an andere zu denken, die es in diesen Tagen noch viel schlimmer erwischte: „Einen Teil der Spenden geben wir an die Pidinger Familie weiter, die ihren Papa verloren hat“. Cica weiß: „Wir haben ,nur’ Dinge verloren, die wir irgendwann neu haben werden. Diese Familie muss ein Menschenleben beklagen – das ist nicht zu ersetzen.“ Sein großes Herz schlägt immer auch für andere. Am vergangenen Sonntagnachmittag wollte Zoran Cica nur noch weg. Seine Frau Mara (50) und die beiden Söhne – 19 und 20 Jahre alt – blieben ebenfalls nahezu unverletzt und kamen mit einem riesigen Schrecken davon. 

Der dritte Sohn, 21, lebt in Berlin. Alle Möglichkeiten schossen dem Gastwirt durch den Kopf. Mit ein paar Tagen Abstand und tausenden Gedanken, wie es weiter geht, würde er jetzt am liebsten sofort alles wieder neu aufbauen. „Wir werden wohl hier bleiben und schauen, was wir machen können“. Freilich weiß er, wieviel Kraft nötig ist, um einen kompletten Neustart hinzulegen. Wie dieser aussehen könnte, ist natürlich noch völlig offen.

Heute ist großer Aufräumtag

Fakt ist: Das Gebäude ist nicht mehr zu retten. Am heutigen Freitag wird ab 13 Uhr erst einmal „groß aus- und aufgeräumt“. 25 Mann werden anrücken, um „zu trennen“: Alles, was unwiederbringlich verloren ist, landet fachgerecht in Containern. Unter all den verkohlten Dingen hofft Zoran Cica aber, womöglich doch noch das eine oder andere Untensil retten zu können. So wie ein nur leicht angekohltes Bild seiner Eltern aus Sarajevo, dort, wo er zur Welt kam. Mit zittrigen Händen hält der 60-Jährige den Rahmen in Händen und weint: „Mein

Vater ist schon vor einiger Zeit gestorben.“ Ein paar Dokumente blieben ebenfalls fast unversehrt, alle Zeugnisse befanden sich jedoch in einem Holzschrank und verbrannten vollständig. In einem Gastraum hängen ein paar Lampen wie neu, während die neuen Sitzbezüge völlig verkohlten. Auf den Tischen stehen noch die „Reserviert“-Schildchen, daneben Salz- und Pfefferstreuer, das Gestell für Essig und Öl, Besteck. Ein Bild, welches makaber anmutet. 

Die Unterstützung seiner Familie ist Zoran Cica ebenfalls gewiss: „Mein Bruder Dragan hat sich am Sonntag sofort ins Auto gesetzt und ist die fast 700 Kilometer von Šibenik hierher gefahren. Dort lebte ich früher“, erzählt Cica, der Mitte der 1990er-Jahre vor den Jugoslawienkriegen floh. Er kann seinen Dank gegenüber den beteiligten heimischen Feuerwehren, dem Bayerischen Roten Kreuz und allen, die kamen, um Trost zu spenden, kaum in Worte fassen.

Gasthaus beliebter Treffpunkt

Das Gasthaus mit hervorragender kroatischer Küche war 25 Jahre lang Treffpunkt vieler heimischer Vereine: Der Reichenhaller Löwen- und auch der Bayern-Fanclub hatten hier eine „Heimat“. 2003 besuchte der WM-Torschützenkönig von 1998, Davor Šuker, die Kurstadt- Anhänger des damaligen Bundesligisten TSV 1860 München. Überhaupt waren es stets große Feste in Zorans Biergarten, den er immer wieder Stück für Stück verschönerte, wenn Kroatien bei einer Fußball-WM oder -EM mit dabei war oder seine Münchner Bayern in der Champions League weit kamen. 

Der Filmclub, die Alt-Reichenhaller, bei der Zoran auch Mitglied ist, die TSV-Tischtennisspieler und viele mehr hatten in der Schießstätte nicht nur ihr „kulinarisches Domizil“ für ihre Vereinsabende, Weihnachts- und Geburtstagsfeiern. Bei privaten Familienfeiern wie Hochzeiten, Kommunion, Konfirmation oder Firmung bot die „Schießstätte“ ebenfalls stets ein gemütliches Ambiente. 

Eine Woche vor dem Brand feierten die Reichenhaller Zelluloidcracks ihren neuen Vereinsmeister Christian Schmid in jenem, nun völlig zerstörten Raum zwischen dem flachen und fast unversehrten Gastraum-Anbau sowie dem ebenfalls erhaltenen FSG-Schießstand. Wenn die Tischtennis-Teams beispielsweise einen langen Spieltag hatten und erst spätabends in ihrem Vereinslokal „Schießstätte“ aufkreuzen konnten, heizte Köchin Mara Cica den Ofen nochmal an, obwohl die Küche vielleicht bereits „geschlossen“ hatte und alles schon geputzt war. 

Niemand erwartete oder forderte das. „Geht nicht“ gab‘s jedoch nicht bei Zoran Cica und seinem Team. Wollte jemand länger feiern, legte er seine Hausschlüssel vertrauensvoll auf den Tisch: „Sperrt‘s dann bitte ab. Der Kühlschrank gehört Euch“, hörten die Reichenhaller Vereinssportler oft. So hält er es auch jetzt: „Das Leben geht weiter. Ich bin froh dass meine Familie am Leben ist“, sagt der Kroate. „Das ist alles, was zählt.“

Information: Auf das Spendenkonto der „Froschhhamer Zunft“ kann weiterhin unter dem Stichwort „Zoran Cica“ für dessen Familie gespendet werden: IBAN DE94 7109 0000 0001 0118 98. Bei Spenden über 200 Euro wird, falls erwünscht, eine Quittung erstellt – in diesem Fall bitte Name und Anschrift auf der Überweisung mit angeben.

Hans-Joachim Bittner

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