Sieben Monate Auslandseinsatz der Bundeswehr

So sieht der Alltag eines Reichenhaller Gebirgsjägers in Mali aus

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Sieben Monate im Auslandseinsatz in Mali. Stabsfeldwebel Holger versucht einen Einblick zu geben, was das bedeutet.

Bad Reichenhall/ Mali – Abwechselnd gehen die Bataillone der Gebirgsjägerbrigade 23 in den Einsatz nach Mali.  Es wird der Haupteinsatzort der Gebirgsjäger bleiben. Aber wie erlebt ein Soldat diesen Einsatz? BGLand24.de hat nachgefragt.

Am 28. Januar 2016 hat der Deutsche Bundestag auf Antrag der Bundesregierung eine erste Erweiterung des deutschen Engagements in Mali beschlossen. Seitdem ist die Gebirgsjägerbrigade 23 mit ihren verschiedenen Bataillonen immer wieder dort im Einsatz. Es geht um Aufklärung und Ausbildung der malischen Soldaten.


Einer der Soldaten, die sich derzeit in Mali befinden, ist Stabsfeldwebel Holger R. BGLand24.de hat mit dem 48-Jährigen über den Einsatz an sich, die Belastung für die einzelnen Soldaten und das Leben in Afrika gesprochen. Natürlich berichtet er auch über die Trennung von Zuhause und die Unterstützung aus der Heimat.

Herr Stabsfeldwebel, Sie sind eigentlich bei der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall stationiert, was ist dort Ihre Aufgabe?


Ich bin Materialdispositionsfeldwebel In der Gebirgsjägerbrigade 23, das ist im Zivilen vergleichbar mit einem Disponenten eines Logistikunternehmens. Das bedeutet, dass ich für die Materialbuchungen der unterstellten Bataillone der Gebirgsjägerbrigade verantwortlich bin.

Derzeit befinden Sie Sich im Auslandseinsatz in Mali. Seit wann genau und was ist dort Ihre Aufgabe?

Seit Mitte September bin ich im Auslandseinsatz der Europäischen Trainingsmission in Mali. Hier in Koulikoro bin ich der Materialdispositionsfeldwebel. Das gesamte Material, was deutsche Soldaten betrifft und nach Koulikoro kommt oder zurück nach Deutschland geschickt wird, geht über meinen Tisch.


Im Gegensatz zu Afghanistan ist in Deutschland noch gar nicht präsent, was der Einsatz in Mali bedeutet. Warum ist die Bundeswehr dort vor Ort und wo lauern die Gefahren für die Soldaten?

Bei der Europäischen Trainingsmission in Mali ist der Auftrag der Bundeswehr die Ausbildung der malischen Soldaten. Der Schwerpunkt des deutschen Missionsbeitrags liegt in der Pionier-, Logistik- und Infanterieausbildung. Den malischen Soldaten werden jedoch nicht nur militärische Kenntnisse vermittelt, auch die Grundsätze moderner Menschenführung sowie ethnische und völkerrechtliche Aspekte gehören dazu.

Die Lage bei uns in Koulikoro ist ruhig und stabil, ich fühle mich hier sicher! Wir sind aber letztendlich nicht ohne Grund in Mali. Für mich persönlich ist die direkte Gefahr überschaubar.

Sechs Monate Auslandseinsatz bedeutet sechs Monate getrennt von Familie, Freunden, Alltag. Wie hält man so etwas durch? Wie intensiv ist der Kontakt nach Hause?

Mein Auslandseinsatz dauert sogar sieben Monate. Das ist eine sehr lange Zeit, die man nur mit der vollen Unterstützung und dem Rückhalt der Familie durchhalten kann hat. Freunde spielen dabei natürlich auch eine wichtige Rolle.

Der Kontakt nach Hause ist sehr gut. Wir können über die Betreuungskommunikation täglich Videoanrufe in die Heimat führen. Die gängigen Messenger-Dienste, die wir auch aus Deutschland kennen, nutzen wir natürlich ebenfalls. Zudem können wir Postkarten, Briefe und Pakete über die Feldpost nach Hause schicken.

Für Holger ist außerhalb des Koulikoro Training Centers unterwegs zu sein, eine willkommene Abwechslung zum Büroalltag, für andere ist es tägliche Routine.

Wie feiert man im Einsatz Weihnachten, Silvester, Geburtstag?

Kurz nach dem ich im Einsatz ankam, hatte ich Geburtstag. Den Abend habe ich dann zusammen mit meiner Abteilung im kleinen Kreis verbracht. Natürlich habe ich von zu Hause auch Geschenke mitbekommen, die ich erst an meinem Geburtstag öffnen durfte.

Weihnachten und Silvester haben wir zusammen mit allen internationalen Soldaten, die am Koulikoro Training Center untergebracht sind, gefeiert. Man beschenkt sich untereinander mit Kleinigkeiten, die man sehr zu schätzen lernt. Auch von Zuhause kommen Pakete oder Briefe in den Einsatz.

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An Weihnachten hatten wir ein großes Antreten mit allen internationalen Soldaten. Danach folgten ein Gottesdienst und ein gemeinsames Grillen. Eine Bescherung gab es auch, jeder Soldat hat ein Päckchen mit Geschenken bekommen. Nichtsdestotrotz sind auch diese Tage ganz normale Arbeitstage für uns.

Bad Reichenhalls Oberbürgermeister Herbert Lackner betont gerne, dass zwischen die Bundeswehr und die Stadt Bad Reichenhall kein Blatt Papier passt. Wie sieht die Unterstützung aus der Heimat wirklich aus - auch moralisch? Hat man das Gefühl, die Bevölkerung steht hinter dem, was die Gebirgsjäger dort tun?

Ich denke, dass die Öffentlichkeit zwar weiß, dass die Bundeswehr in Mali ist, aber was wir hier genau tun ist meiner Meinung nach nicht so richtig bekannt. In Deutschland gab es auch keine großen Verabschiedungs- oder Rückkehrer-Appelle, weil die meisten Soldaten, die hier bei der Europäischen Trainingsmission ihren Dienst leisten, als sogenannte Einzelabstellung im Einsatz sind. Das bedeutet, sie gehen als einzelne Personen aus der ganzen Bundesrepublik und nicht wie sonst vielleicht üblich als geschlossenes Bataillon in den Einsatz.

Eine genaue Vorstellung, was Soldaten im Auslandseinsatz tun, haben nur wenige. Wie darf man sich den Alltag in einem Lager vorstellen? Was ist anders, als der tägliche Kasernendienst zuhause, abgesehen von der Gefährdungslage?

Hier im Einsatz hat die Arbeitswoche sieben Tage. Es gibt dementsprechend kein Wochenende und auch keine Feiertage. Mein gewöhnlicher Arbeitstag startet morgens um acht Uhr. Ich gehe in mein Büro und je nachdem was anliegt, wird abgearbeitet. Das können Materialanforderungen, Materialausgaben oder Fehlersuche im Buchungssystem sein. Mein Aufgabenbereich ist sehr vielseitig.

In der Regel gehe ich mittags mit Kameraden zum Sport. Das ist mir sehr wichtig, denn so kommt man aus dem Büroalltag auch mal raus, knüpft Kontakte zu den anderen Kameraden und bekommt einen freien Kopf. Nachmittags sitze ich dann wieder im Büro und gehe weiter meiner Arbeit nach. Gegen 18 Uhr telefoniere ich dann mit meiner Familie, das ist mir sehr wichtig. Anschließend gehen wir gemeinsam zum Abendessen.

Je nach Auftragslage gehe ich dann nochmal ins Büro oder schaue abends noch einen Film. Es kann auch schon mal vorkommen, dass ich meinen Bürocontainer erst um 23 Uhr verlasse. Hin und wieder sitzen wir abends aber auch zusammen und lassen den Abend ausklingen. Besonders ist noch, dass ich mich jeden Sonntag mit drei weiteren Kameraden zum Kartenspielen (Schafkopf) treffe.


Wie ist das Essen, die Unterkunft?

Das Essen hier in Koulikoro ist sehr gut und reichhaltig. Damit bin ich voll und ganz zufrieden. Die Auswahl ist groß und die Speisen sind abwechslungsreich. Untergebracht sind wir in geschützten Containern zu zweit oder zu dritt, dass gleiche gilt auch für unsere Arbeitsplätze. Jeder hat seinen eigenen kleinen Bereich. Privatsphäre gibt es daher leider kaum.

Gibt es etwas Alltägliches, was man im Einsatz sehr vermisst?

Aufgrund der Gefährdungslage ist es mir kaum möglich mal das Lager zu verlassen. Wenn ich allerdings mal raus komme, dann genieße ich das sehr. Mir fehlen natürlich meine Familie, ein vertrautes Gespräch, die Heimat und die Berge.


Was werden Sie als erstes tun, wenn Sie wieder zu Hause sind?

Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich als erstes meine Freundin in den Arm nehmen – ich vermisse sie sehr. Meine Kinder will ich auch so schnell wie möglich wiedersehen. Nachdem ich jetzt fast sieben Monate ausschließlich Uniform getragen habe, freue ich mich auf normale Kleidung. Eine Leberkassemmel und ein 1543 Weißbier dürfen auch nicht fehlen.

An welche Geschichte müssen sie denken, die sie trotz Gefährdungslage und Belastung im Einsatz lächeln lässt?

Natürlich passieren auch hier im Einsatz lustige Geschichten. An eine Sache werde ich mich immer mit einem Lächeln erinnern. Bei einer Anforderung von Büromaterial müssen die Anzahl und die Mengeneinheiten angegeben werden. Also ob man einzelne Stückzahlen oder ganze Sätze benötigt. Zu Beginn meines Einsatzes ist mir da natürlich ein Malheur passiert. Ich habe eine lange Liste an Büromaterialien angefordert und nicht so genau auf die Mengeneinheiten geachtet. So kam es, dass anstatt 2.200 Büroklammern ganze 220.000 nach Mali geliefert wurden. Für den Spott brauchte ich bei der anschließenden Lieferung nicht mehr sorgen, der war inklusive.

Auch wenn es hier fast unvorstellbar ist, ein Soldat geht in Mali einfach seiner Aufgabe, seiner Arbeit nach. Stabsfeldwebel R. wird im April wieder nach Hause kommen. Im September reist dann das nächste Kontingent der Gebirgsjägerbrigade 23 nach Afrika. Auch dann sind Freunde, Ehemänner, Ehefrauen, Väter und Mütter unter den Soldaten, die sechs Monate lang getrennt von der Familie ihren Dienst dort tun.

Stabsfeldwebel R. wird sich dann wieder an das „normale“ Leben zu Hause gewöhnt haben, was seine Kameraden noch vor sich haben. „Das beginnt bei simplen Dingen wie dem Autofahren, Einkaufen oder dem Haushalt. Hier in Mali haben wir einen ganz anderen Tagesablauf im Vergleich zu Deutschland. Nach den sieben Monaten dauert die Umstellung dementsprechend ein paar Tage.“

cz

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