Tunnel: "Sie müssten uns schon vertrauen"

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Sebald König (rechts), Chef des Straßenbauamtes Traunstein, und Abteilungsleiter BGL Martin Bambach informierten über den Kirchholz- und Stadtbergtunnel.
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Bad Reichenhall - In einem rappelvollen Kurhaus blieben für manche Besucher etliche Fragen offen, andere fühlten sich sachlich und umfassend informiert.

"Was für eine sinnlose Veranstaltung", schüttelte ein erboster Besucher beim Verlassen der Sonder-Bürgerversammlung ungläubig den Kopf. "Keine neuen Erkenntnisse, nur noch mehr Unsicherheit", meinte ein schon etwas älterer Reichenhaller, den die Diskussionen um "Kirchholz- und Stadtbergtunnel" seit nun fast vier Jahrzehnten begleiten.

Nur phasenweise störten disziplinlose Zwischenrufe die Versammlung. Im Großen und Ganzen wurde sachlich diskutiert. Das Groß der Wortmeldungen hatte die Sorge nach erhöhten Emissionen sowie eine erhebliche Mehrbelastung (unter anderem Straßenlärm) der Ober- beziehungsweise Altstadt zum Inhalt.

Im mit über 400 Reichenhallerinnen und Reichenhallern vollbesetzten Alten Königlichen Kurhaus referierte der Chef des Staatlichen Straßenbauamtes Traunstein, Sebald König, rund 90 Minuten über das Projekt. Interessiert und geduldig - schließlich brannten den Zuhörern jede Menge Fragen auf den Zungen - lauschten die Besucher den Ausführungen, unterstützt mittels übersichtlichen Grafiken und Luftbildern, auf eine große Leinwand projiziert.

Stadtoberhaupt bekennt sich zu Tunnel

Dr. Stefan Kellerbauer informierte die Besucher bezüglich der Solequellen.

Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner eröffnete den Abend. Zweck der Sonder-Bürgerversammlung sei es, den Bürgerinnen und Bürgern Informationen aus erster Hand zu geben sowie ihnen die Möglichkeit einzuräumen, Fragen und Anregungen öffentlich hervorzubringen. Lackner machte explizit darauf aufmerksam, dass es sich nicht um einen Erörterungstermin handele. Dieser würde noch folgen.

Aktuell laufe das Planfeststellungsverfahren. Alle Vorarbeiten wie Bedarfsplan, Voruntersuchungen, Raumordnungsverfahren, Linienbestimmung und Vorentwurf seien bereits abgeschlossen. Herbert Lackner gab einmal mehr bekannt, dass er klar für die Umsetzung der Tunnellösungen sei. Als Moderator des Abends fungierte Volkswirt und Wirtschaftsjournalist Gabriel Wirth vom Bayerischen Fernsehen.

40.000 Fahrzeuge belasten die Stadt

Sebald König stellte zunächst die Gegenfrage zur Wahlfrage am 21. April: "Ist eine Null-Lösung für Bad Reichenhall zukunftsfähig?" Fast 40.000 Fahrzeuge tangieren an Werktagen die B20 und die B21. "Wenn wir den Großteil des Straßenverkehrs aus der Stadt raus haben wollen, ist der Kirchholztunnel die einzige Lösung", so König, der allen Alternativen - "denen wir jederzeit aufgeschlossen gegenüberstehen" - den Wind aus den Segeln nahm: Fuderheuberg-, Lattenberg- oder Leopoldstaltunnel seien ebensowenig zielführend wie die Einhausung der Umgehungsstraße oder ihr vierspuriger Ausbau. Das alles hätte laut König zu geringe Entlastungswirkungen, fehlende Anbindungen an die Oberstadt, Zufahrts- und Grundwasserproblematiken, das Bauen unter Verkehr sowie die fehlenden rechtlichen Notwendigkeiten zur Folge.

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Dr. Stefan Kellerbauer unterrichtete die Besucher bezüglich der Solequellen: "Sie stehen nicht zur Diskussion, weil sie gar nicht mehr genutzt werden", so Kellerbauer. "Solequellen sind auch niemals Heilwellen", informierte er. Der Zufluss der Solebohrungen seien durch ein Stahlrohr vor Verunreinigungen geschützt. Von den insgesamt neun Solequellen entspringen nur zwei im Kirchholz - beide seien für die Saline unbedeutend. Das Tunnelniveau liege auch deutlich über dem Grundwasserspiegel.

Landschaftliche Einschnitte unabdingbar

Viele Bürger/-innen befürchten die komplette Zerstörung des Gollings, des sogenannten Knotens Mitte, ein für viele Reichenhaller/-innen emotional behaftetes Gebiet: Hier, wo früher sogar ein Skilift stand, entstünden zwei Tunnelportale mit einem umfangreichen Brückenbauwerk. Sebald König: "Sie können und müssten uns schon vertrauen, dass wir hier mit Bedacht vorgehen würden. Der Golling hat eine Gesamtgröße von 16,3 Hektar, davon würden wir nur 2,6 Hektar, also lediglich 16 Prozent verbauen". Der Straßenbauamtsleiter verhehlte nicht, dass ein derartiges Projekt immer auch einschneidende landschaftliche Veränderungen mit sich bringe.

5.116 Meter Länge hätte das Bauwerk, das frühestens 2015 baulich in Angriff genommen werden könnte. Und auch dann nur, wenn tatsächlich alles relativ reibungslos über die Bühne ginge: "So wie ich Bad Reichenhall einschätze, wird es aber nicht ohne Klagen vonstatten gehen", so König. Das hieße, bis es wirklich losgehen könne, vergingen womöglich noch mehrere Jahre - ganz zu Schweigen von der Projekt-Fertigstellung. Allein der Bau nehme sicher vier bis fünf Jahre in Anspruch. Wie sich die Verkehrslage bis dahin entwickelt, könne niemand sagen, mahnte beispielsweie Stadtrat Dr. Wolf Guglhör (SPD) an.

Kosten steigen sukzessive

2010 wurden die Baukosten insgesamt auf 166,4 Millionen Euro festgesetzt, eine Summe, die heute, knapp drei Jahre später, schon wieder höher anzusiedeln ist. Allein auch durch die Tatsache, dass die Messlatten für Umwelt- und Sicherheitsstandards (Sprinkleranlagen, Brandschutz etc.) einer ständigen Anpassung ausgesetzt sind. Auf die Stadt kämen - ohne Sonderwünsche - keine Kosten zu, der Bund würde das Tunnel-Projekt selbst wie auch die spätere Unterhaltung dessen finanzieren. Freilich gäbe es in diesem Fall eine Neustrukturierung des Straßennetzes, wobei dann womöglich die B20/21 in den Zuständigkeitsbereich der Stadt herabgestuft würde.

Emissionsfrage bleibt offen

Manfred Hofmeister hatte mit einem Antrag Erfolg.

Etliche Bürger/-innen befürchteten Abgas-Mehrbelastungen vor allem in der Oberstadt. Auf direkte Antworten der Verantwortlichen auf der Bühne warteten sie vergeblich. Die Golling-Brücke erhielte Schutzwände gegen herabfallende Gegenstände, die sich als Lärmschutz ausbilden ließen. Niemand äußertes ich explizit dazu, was mit den Emissionen passiere, die in diesem Bereich - wie an der bestehenden Umgehung auf Bodenniveau - entstehen würden.  

Gerd Spranger von www.pro-reichenhall.de präsentierte dem Saal eine Atemschutzmaske, die er als betroffener Anwohner der Umgehungsstraße bereits an seine Nachbarn verteilt habe. "Die Tunnellösungen sind die einzig richtigen für diese Stadt", so Spranger.

Manfred Hofmeisters Antrag geht durch

Gerd Spranger kam mit Atemschutz:

Ein Antrag von Michael Gomse, den Termin des Bürgerentscheids am 21. April zu verschieben, bis das Planfeststellungsverfahren beendet sei, scheiterte klar. Dagegen kam Manfred Hofmeister aus Marzoll mit seinem Wunsch durch: Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer solle sich mit seinem österreichischen Amtskollegen über die Möglichkeit, vom Grenzübergang Walserberg bis nach Grödig eine mautfreie Zone einzurichten, beraten. Über diesen Antrag hat der Stadtrat nun zeitnah zu beraten. Ziel dieser Lösung wäre, einen gewissen Prozentsatz des Straßenverkehrs Richtung Berchtesgaden aus Bad Reichenhall fernzuhalten und über Grödig und Marktschellenberg an den Fuße des Watzmans zu leiten.

bit

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