Crowdfunding-Projekt aus Bad Reichenhall

Robert Schlegl möchte Alphorn-CD aufnehmen – Erlös soll an kulturelle Projekte gehen

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Robert Schlegl schultert seit Beginn der Corona-Krise Tag für Tag sein 20 Jahre altes Alphorn, um die Reichenhaller mittels kurzen Freiluft-Konzerten zu erfreuen. Jetzt soll eine CD mit einer Auswahl der vorgetragenen Stücke entstehen.

Bad Reichenhall - Außergewöhnliche Zeiten bringen außergewöhnliche Ideen hervor: Der Reichtum an Einfällen kennt dabei kaum Grenzen. Robert Schlegl gibt täglich zwei Freiluft- Kurz-Konzerte auf seinem Alphorn in Bad Reichenhall zum Besten – mal einen Landler, mal eine Weise.

Den lokalen Bezug stellt er stets mit der im Repertoire befindlichen Predigtstuhl- Fanfare, die der Stadt Bad Reichenhall gewidmet ist, her. Sein Hintergedanke: „Möglichst vielen Leuten in der Tristesse, die während der Corona-Zeit aufkommt, etwas Positives zu geben.“


Seit dem vorletzten März-Wochenende schultert Familienvater Robert Schlegl täglich sein Alphorn, fährt mit dem Fahrrad die rund zwei Kilometer von seiner Wohnung zur Kreisklinik Bad Reichenhall, um pünktlich ab 17.45 Uhr neben dem Hubschrauber-Landeplatz eine Viertelstunde zu spielen – für die Ärzteschaft, die Pflegekräfte, die Patienten, die Nachbarschaft. Die selbstverständlich kostenfreie Aktion kommt bestens an und versüßt den Menschen den aktuell oft tristen Alltag im Krankenbett oder daheim ein wenig: Rundherum kommen sie auf ihre Balkone, Passanten bleiben stehen, machen Fotos oder Videos vom 43- jährigen Profi-Musiker – und spenden im Anschluss anerkennenden Applaus. „Eine schöne Idee, machen Sie bitte damit weiter“, sagt eine ältere Dame im Vorbeigehen. Ein Notarzt mit Mundschutz kommt aus der Ambulanz und bedankt sich für „die etwas andere Pause“.

Robert Schlegel aus Bad Reichenhall ruft Crowdfunding-Projekt ins Leben

 © Hans-Joachim Bittner
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Ab 18 Uhr spielt Robert Schlegl dann noch auf einer Terrasse neben dem Hotel Alpina in der Adolf-Schmid-Straße. Geschäftsführer Gerhard Landvogt, Vorsitzender des Kur- und Verkehrsvereins Bad Reichenhall/Bayerisch Gmain, hat ihm sogar extra ein kleines Brett auf die Pergola gelegt, damit der Musiker das vordere Ende des Alphorns darauf ablegen kann. Das immerhin 3,60 Meter lange Instrument ist mittlerweile 20 Jahre alt und aus weichem Ulmenholz gefertigt. Das lange Rohr ist aufgrund der Stabilität mit Peddigrohr umwickelt.

Aktion spricht sich herum

Die Aktion hat sich rumgesprochen. „Ich erhalte fast täglich Anfragen, ob es diese Alphorn- Stücke auch anderweitig zu hören gibt. Das brachte mich auf die Idee, eine hübsche Auswahl an Stücken – vor allem jene mit Reichenhall-Bezug – auf CD pressen zu lassen“, sagt Familienvater Robert Schlegl. Da das erhebliche Kosten verursacht, die der momentan nahezu beschäftigungslose Posaunist – seine weltweiten Konzerte sind bis mindestens Ende Juni ausgesetzt – nicht leisten kann, kam er auf die Idee, eine Crowdfunding-Aktion im Internet zu starten.

Unter dem Link www.startnext.com/alphorn-fuer-alle sind alle Formalitäten einzusehen. Es gibt zwei Stufen beziehungsweise Ziele: „Rund 2600 Euro wären nötig, um die Produktion überhaupt starten zu können, mit ersten Kompositionen sowie einer kleineren Tonstudio- Aufnahme.“ Für 5500 Euro wären schon etwas mehr Stücke möglich. Dazu eine höhere CD- Auflage und eine professionellere Aufmachung des Projekts, das Bezahlen von GEMA- Gebühren oder des Grafikers, Fotografen und Layouters. Robert Schlegl hofft auf eine Auflage von 2000 Exemplaren. Wer sich mit einer Unterstützungsspende einträgt, bezahlt nicht sofort. Erst wenn klar ist, dass das nötige Geld zusammenkommt, wird tatsächlich abgebucht. Jeder Betrag ist möglich. Wer kein Internet hat, kann den Musiker direkt kontaktieren und sich über alternative Möglichkeiten der Unterstützung informieren: Telefon 08651/7638387.

Titel „Heimat“

Ziel ist eine CD mit unterschiedlichen Alphorn-Werken, zum Teil mehrstimmig. Das Projekt soll den Titel „Heimat“ tragen: „Weil wir damit einerseits auf unsere Wurzeln zurückgeführt werden, und zum anderen aus dieser Quelle Kraft und Inspiration erfahren können“, so Robert Schlegl. Da er mit seinen Freiluft-Auftritten nicht die ganze Stadt „beschallen“ kann, möchte er mit der der Erstellung des digitalen Tonträgers alle Menschen erreichen, die Freude an seinen Alphornklängen entwickeln. „Der Klang des Instruments ist wunderschön und entwickelt Vorfreude auf einen hoffentlich bald wieder möglichen Urlaub“, sagt der Musiker, der ohne die Corona-Krise unter anderem mit dem Freiburger Barockorchester, dem RIAS- Kammerchor oder „Capella Cracoviensis“ auftritt. Über 60 CD-Produktionen dokumentieren bereits sein bisheriges Schaffen.

Preis wird 10 Euro nicht überschreiten

Wenn alles klappt, soll der Compact-Disc-Verkauf über persönlich ansteuerbare Stellen wie die Tourist-Info, Buchhandlungen, die Predigtstuhlbahn oder die Alte Saline erfolgen. „Die Liste kann freilich erweitert werden“, so Schlegl. Einen Online-Shop möchte er nicht einrichten. Es soll jedoch ein Kontaktformular geben, über das die CD bestellt werden kann. „Der Preis wird zehn Euro nicht überschreiten“, informiert er. Der Verkaufserlös soll zum Teil kulturellen Projekten zugutekommen, zum anderen seine über 100 in dieses Projekt investierten Stunden refinanzieren. Alles, was im Crowdfunding über das Finanzierungsziel hinausgeht, sieht der Alphornbläser in ein geplantes Projekt im Ettendorfer Kircherl bei Traunstein fließen, in der die älteste Orgel Bayern steht – von 1669.

Für die CD möchte der Reichenhaller zusätzlich noch ein lokales Stück übers Pankraz- Kircherl in Karlstein sowie über den Hochstaufen komponieren. Die Predigtstuhl-Fanfare, die der Stadt Bad Reichenhall gewidmet ist, gehört bereits zum festen Start-Repertoire der täglichen Kurz-Auftritte Schlegls unter freiem Himmel und soll auch die CD eröffnen.

Normalerweise gibt Robert Schlegl weltweit Konzerte auf historischen Blasinstrumenten, vor allem Posaunen. „Momentan ist das alles auf Null gestellt. Niemand weiß, wann es weitergeht“, sagt er mit vielen Fragezeichen im Blick. Für ihn selbst sind diese täglichen Aktionen von nicht unerheblichem Wert: „Den ganzen Tag nur im Keller üben? Da werde ich verrückt.“ Durch die täglichen Konzerte unter derzeit meist strahlend blauem Himmel kann er die Motivation hochhalten, hat selbst ein wenig Abwechslung und bleibt am Ball. Zumindest ein kleiner Rhythmus, der wichtig ist, um die Qualität aufrecht zu erhalten. „Wenn es die Leute freut, freut es mich – und in dieser schwierigen Zeit haben alle etwas davon“.

Bittner

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