Josef Loibl und das Park-Kino in Bad Reichenhall

Alternativlos-Phase: „Mein Lebensmittelpunkt ist weg“

Park-Kino-Betreiber Josef Loibl (links) am 13. August mit den „Ausgrissn“-Buam
+
Park-Kino - Sommer 2020 - bit.jpg

Die fehlende Neonreklame am Park-Kino sorgte in letzter Zeit für Verwirrung bei einigen Passanten. Betreiber Loibl klärt auf und spricht über das, was ihn derzeit am meisten beschäftigt: die Perspektivlosigkeit.

Bad Reichenhall - Vor wenigen Tagen bekamen einige Passanten einen Schreck: „Schließt das Park-Kino?“, ließ sich eindeutig in ihren Gesichtern ablesen. Grund war die Abnahme der neonblau-beleuchteten Reklame des Lichtspielhauses am Eingang zu den Axelmannstein-Kolonnaden. Über 20 Jahre hing sie an diesem Platz, und war deutlich in die Jahre gekommen. Die beiden „K“ hatte bereits das Zeitliche gesegnet, sie hingen schief in den Seilen. „Im Zuge des Umbaus innen“, sagt Filmtheater-Betreiber Josef Loibl, „muss jetzt natürlich auch außen endlich etwas Neues und Frisches her“. Wobei das neue Schild noch nicht am denkmalgeschützten Haus angebracht wurde, denn selbst eine gleich-große „Anlage“ muss zahlreiche Bürokratie-Mühlen überstehen. Momentan ist das aber das kleinste Problem für den leidenschaftlichen Kurstadt-Cineasten. Viel mehr bewegt und beschäftigt ihn die Perspektivlosigkeit seiner Branche. Darüber haben wir einmal mehr mit ihm gesprochen.


BGLand24.de: Herr Loibl, Ihr Haus, welches Sie seit 1998 mit Max Berger führen, präsentiert sich nach zahlreichen Umbauten, dem jüngsten im Frühjahr und Sommer 2020, in fast schon historischem Glanz und somit einem völlig neuen Ambiente. Aktuell tut sich nach Außen einiges.

Josef Loibl: Punktuell verschönen wir, die Kolonnaden-Säulen erhielten ja schon eine gewisse Restaurierung inklusive neuem Anstrich. Jetzt werden wir das große Schaufenster gleich vorne links am Eingang schöner gestalten. Unser Neon-Park-Kino-Schild haben wir bereits entfernt, weil es einfach nicht mehr zeitgemäß war. Wir installieren dort eine schöne, moderne Kino-Werbung, passend zu unseren Sälen im Stil der 1950er-Jahre in der mittlerweile üblichen Farbgebung Schwarz und Gold. Wir wollen das Außen dem Innen anpassen. Aus Betriebskosten-Gründen stellen wir dort auf LED-Beleuchtung um.


Im November sagten Sie, dass der Ofen aus sei, würde das Weihnachtsgeschäft ausfallen. Es ist ausgefallen. Der Ofen ist zum Glück noch nicht aus. Die ewige Frage, die Sie von vielen Freunden Ihres Hauses fast täglich hören, wie es weitergeht, ist müßig?

Loibl: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass wir Weihnachten kein Kino haben. Der Wunsch, an diesen besinnlichen Tagen offen zu haben, war einfach so groß. Ganz pragmatisch auch aus Geschäftsgründen. Denn zwischen Weihnachten und Neujahr konnte oft fast schon laufen was wollte, und wir wussten dennoch fast nicht, wie wir alle Gäste unterbringen sollten. Etwas vergleichbares gibt es unterm Jahr nur ganz selten bei wirklich außergewöhnlichen Filmen – „Bohemian Rhapsody“ als Beispiel – oder dem unbeschreiblichen Hype um die Eberhofer-Krimis.

Im November/Dezember war der 10. Januar ein Lockerungsdatum der Hoffnung, das sich rasch zerschlug. Es folgte der 14. Februar, nun wird es mindestens der 7. März – und selbst dann werden kulturelle Einrichtungen wie Theater oder Kinos vermutlich nicht öffnen dürfen. Auf welches Datum konzentriert sich Ihre Hoffnung? Denn erfahrungsgemäß werden wohl zuerst die Schulen geöffnet, dann diverse Geschäfte – während die Kultur vermutlich erneut als Letztes dran sein wird.

Loibl: Die Kino- und Verleiher-Verbände plädieren für eine bundesweite Kino-Öffnung und Wiederaufnahme des Spielbetriebs zum Osterfest (erstes April-Wochenende / Anm. d. Red.). Bis dahin ist natürlich noch ein weiter Weg zu gehen. Momentan befinden wir uns in einer Alternativlos-Phase, welche die Sorgen nicht kleiner werden lässt.

Bis zur Öffnung ist die klassische Kino-Kernzeit, der Winter, vorbei. Im Sommer müssen Sie – Ausnahme die Eberhofer-Krimis – oft kämpfen, um über die Runden zu kommen, weil die Menschen an lauen Abenden lieber draußen unterwegs sind. Wie geht es Ihnen beim Gedanken an diesen Fakt?

Loibl: Soweit denke ich momentan ehrlich gesagt noch nicht. Die Hauptsache wäre, dass wir überhaupt wieder aufmachen und spielen dürfen. Damit wäre uns schon ein Stückweit geholfen, nach den ganzen Verlusten und Einbußen eines mittlerweile fast ganzen Jahres. Die Sache kratzt erheblich an der Psyche, wir Kino-Betreiber wissen ja schon gar nicht mehr, wo wir noch hingehören… – dieser Druck ist immens, ernüchternd und einfach nur frustrierend.

Die Politik proklamiert gerne ihre angeblich so großen Hilfen. Kommen diese überhaupt bei Ihnen an und inwieweit helfen sie tatsächlich?

Loibl: Sie kommen an. Aber sie decken nicht ansatzweise die Betriebskosten, die keine Corona-Pause machen. Wir haben die Miete weiter zu zahlen, die Versicherungen, wir haben Winter und müssen heizen und die Maschinen in Schuss halten. Die Hilfen sind mehr als der Tropfen auf dem heißen Stein, das schon. Aber weit weniger, als wir zum Überleben im Grunde bräuchten. Der Dispo ist ausgereizt. Von meinem Steuerberater höre ich, jetzt kommt die Novemberhilfe, jetzt kommt die Dezemberhilfe… – und dass ich mir keine Sorgen machen solle. Das ist leicht gesagt. Natürlich mache ich mir Sorgen, schließlich weiß ich doch überhaupt nicht, wie es weitergeht und was noch alles daherkommt, in diesen Zeiten. Mein Lebensmittelpunkt ist weg.

Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

Wie bewerten Sie die kurze Öffnungszeit im Spätsommer beziehungsweise Herbst 2020 – hat das überhaupt etwas gebracht?

Loibl: Wir hatten durch unseren großen Umbau eine längere Schließungszeit – im guten Gewissen, unseren Gästen danach ein Ambiente, das seinesgleichen sucht, anzubieten. Die Investitionsförderungen waren schließlich schon 2019 genehmigt worden, also vor Corona. Wir nutzten den Lockdown ein wenig, um zu modernisieren und die neuesten Brandschutz- und Abluft-Bestimmungen umzusetzen. Die Auflagen werden fast permanent verschärft und machen es uns Geschäftstreibenden nicht einfacher. Die sagenhafte Unterstützung unseres Publikums in dieser Zeit rettete dieses Kino letztlich. Wir hatten ab 8. August gut zwei Monate auf. In dieser Zeit wäre es ohne das Roadmovie „Ausgrissn“ wirklich eine traurige Zeit gewesen. Wir waren mit diesem Film das drittbeste Haus in Bayern. Als ich jedoch irgendwann die nackten Zahlen anschaute, erschrak ich jedoch: Nur rund 2200 Besucher! Das ist kein Vergleich zu einer Auswertung eines solchen Films in normalen Zeiten. Das lag jedoch nicht daran, dass die Menschen nicht zu uns gekommen wären. Es war vielmehr der Tatsache geschuldet, dass wir nur einen Bruchteil der möglichen Platz-Kapazitäten verkaufen durften. Das alles ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig – und seelisch eine enorme Belastung, selbst für einen meist positiv eingestellten Menschen wie mich.

Die Kultur wird „gefühlt“ am Stärksten vernachlässigt, in diesen Zeiten. Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Loibl: Ein Stückweit schon. Weil die Perspektiven fehlen. Ich bekomme den Eindruck nicht los, als herrsche die Meinung vor, wir – nicht nur die Kino-Betreiber, sondern alle Kunst- und Kulturschaffenden, Musiker, Schauspieler – machen das nur aus Jux und Tollerei. Die fehlende Wertschätzung seitens der Politik uns gegenüber verstehe ich überhaupt nicht. Richtig frustrierend ist die stete Wortwahl: „Es liegen noch zehn harte Wochen vor uns“. Wir hören immer nur, welch harte Zeiten noch vor uns liegen. Wie oft eigentlich noch? Eine andere Ausdrucksweise würde helfen, dass wir ein wenig optimistischer in die Zukunft schauen könnten. Das fehlt seit nun bald einem Jahr komplett. Wir machen das, weil es eine Profession für uns ist und die Kultur für die Menschen enorm wichtig ist.

Schlafen Sie aufgrund all dieser Dinge schlecht?

Loibl: Manchmal schon. Ich träume nachts davon. Albträume sind es aber noch nicht. Ich kümmere mich momentan viel um meine Eltern, die meine Hilfe benötigen. Das lenkt ab.

Wovor haben Sie wirklich Angst?

Loibl: Nicht vor den Streaming-Diensten, die betreffen eher den internationalen Markt. Wir in Reichenhall bringen so viel Deutschsprachiges. Dafür haben wir hier ein wunderbares Publikum, das uns unterstützt. Meine Angst bezieht sich auf Produktionen, auf die ich lange, mit viel Freude, aber auch Energie hinarbeite. Mit so vielen Gedanken, welche besonderen Aktionen wir zu diesem oder jenem Film anbieten können und wollen. Ich habe große Sorge – geht dieser ganze Wahnsinn in dieser Form weiter – nicht mehr der Gastgeber sein zu können und zu dürfen, der ich gerne bin. Es ist völlig ungewiss, wann wir wieder aufsperren dürfen und wie sich dann die Modalitäten gestalten werden. Es gibt so viele unbeantwortete Fragen.

Dieses Ungewisse betrifft sogar einzelne Produktionen: In Sachen James Bond gibt es ein „Problem“, das dem breiten Publikum sicher nicht bekannt ist.

Loibl: Heutzutage wird häufig mit Product Placement gearbeitet. Dabei zahlen Firmen viel Geld, um ihre neuesten Entwicklungen oder Errungenschaften in einem bestimmten Film unterzubringen. Bei den 007-Produktionen ist das stark verbreitet. Das können technische Gerätschaften sein, ein neues Auto, ein neues ein Handy, der Champagner, den James Bond im Film trinkt. Einige dieser Dinge sind nach einigen Monaten schon wieder „veraltet“ – in unserer schnelllebigen Gesellschaft. „Keine Zeit zu sterben“ wurde 2017/18 geplant, 2019 gedreht, hätte 2020 in die Kinos kommen sollen. Wir reden hier also bereits über einen Zeitraum von bald vier Jahren. Jetzt wird darüber gesprochen, einzelne Szenen möglicherweise neu zu drehen oder zumindest digital zu verändern. Weil das die Firmen, die hier als eine Art Sponsoren auftreten, fordern. Das ist natürlich ein Irrsinn, der seinesgleichen sucht, vor allem, weil diese Dinge dem gemeinen Kinobesucher ja nicht auffallen.

Sie leben Kino. Gerade die Sonderveranstaltungen machen Ihr Haus zu dem, was es ist – ein außergewöhnlicher Ort, an dem die Menschen für ein paar Stunden ihren Alltag mit allen Sorgen, Nöten und Ängsten vergessen können.

Loibl: „The Greatest Showman“ im Januar 2018 ist ein gutes Beispiel. Die Vorfreude auf diesen Film war unbeschreiblich. Und erfüllte die Erwartungen, als er da war und wir ihn mit so vielen schönen Sondervorstellungen begleiten und „rausspielen“ durften. Den Menschen tat das so gut. Für Weihnachten in diesem Jahr wäre es die Neuverfilmung der „West Side Story“, mein Favorit 2021. Wenn ich erfahren würde, dass ich Produktionen dieser Art nicht mehr wie gewohnt präsentieren dürfte und der Film sofort in die Streaming-Kanäle verschoben werden würde, hätte alles, was wir hier machen, in der Tat keinen Wert mehr.

Ihre Leidenschaft für das Kino und den Film ist nach wie vor deutlich spürbar. Glauben Sie, dass Ihnen dieses Gefühl durch Zeiten wie diese abhanden kommen könnte?

Loibl: Film ist fürs Kino gemacht. Wenn man Filme im Fernsehen sieht, die man vor vielen Jahren im Kino sah, erinnert man sich gern an „damals“ zurück. Diese Erinnerungen sind doch etwas Wunderbares und verdeutlichen den Wert des Kinos. Diese Leidenschaft werde ich nie verlieren. Die vielen kleinen Nadelstiche der jüngsten Zeit können wir übertauchen, richtige Messerstiche – und es fühlt sich bereits so an – natürlich nicht mehr.

bit

Kommentare