Verärgerung im Berchtesgadener Land nach Bund-Länder-Gipfel

Landrat Kern im Interview: „Der Weg Richtung 50 oder gar 35 ist noch verdammt weit“

Landrat Kern Berchtesgadener Land
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Berchtesgadener Landrat Bernhard Kern

Landkreis Berchtesgadener Land - Ein mehrstufiger Öffnungsplan nach Inzidenzen soll uns aus dem Lockdown führen. Das wurde auf der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz am 3. März beschlossen. Landrat Bernhard Kern bezieht Stellung zu den Ergebnissen der Bayerischen Kabinettssitzung.

Herr Kern, wie lautet Ihr Fazit zu den neuen Regelungen und Lockerungen, die am Mittwoch im Bund-Länder-Gipfel beschlossen wurden? Sie haben ja bereits in einer ersten Stellungnahme kritisiert, dass die besondere Situation der Grenzlandkreise keinerlei Berücksichtigung fand.

Da war ich tatsächlich etwas ungehalten ob der jüngsten Beschlüsse und das bin ich nach wie vor noch. Wir testen im Grenzlandkreis Berchtesgadener Land mit 106.000 Einwohnern relativ viel und wenn ich viel teste, bekomme ich auch viele (positive) Ergebnisse. Die Testkapazität liegt bei uns zwischen 1400 und 1600 PCR-Testungen am Tag. Wir haben eine Teststation in Freilassung speziell für die recht hohe Zahl von 6500 Grenzgänger und Grenzpendler im Landkreis. Die Dunkelziffer ist bei uns nur mehr minimal vorhanden.

Inwiefern sind diese Testungen im Berchtesgadener Land zu beurteilen?

Nun, zum Vergleich: Der Landkreis Rottal-Inn mit seinen 120.000 Einwohnern hat circa 250 Grenzgänger und Grenzpendler und führt in etwa 400 Testungen pro Tag durch. Beispiel Landeshauptstadt, die 17 mal größer ist als das Berchtesgadener Land: München hat in einem Monat rund 42.000 bis 44.000 Testungen durchgeführt - wir im Berchtesgadener Land 22.000. Hier ist die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben und das bedauere ich sehr.

Wie wirkt sich das auf die Stimmung der Grenzgänger und Pendler aus?

Die Stimmung ist angeheizt, keine Frage. Größere Auffälligkeiten wie Beschwerden aber konnten wir nicht feststellen. Das Ganze hat sich eingespielt an der Grenze und die Situation wird angenommen. Es funktioniert.

Ist es in Ihren Augen überhaupt sinnvoll, Maßnahmen an der Sieben-Tages-Inzidenz festzumachen?

Die Sieben-Tage-Inzidenz stelle ich sehr in Frage. Man sollte ganz klar andere Parameter ansetzen - gerade in den Grenzlandkreisen - und nicht nur auf die Inzidenzen schauen. Wir sind anders aufgestellt, eng verwoben mit dem Salzburger Land. Mit Laufen-Oberndorf stehen wir als Einheit im Telefonbuch. Das sagt alles aus und macht es bei uns so schwierig.

Wie sehen Sie die Lage hinsichtlich der Wiedereröffnung und abrupten Wieder-Schließung von Schulen und Kindertageseinrichtungen abhängig von der 100er-Grenze der Sieben-Tages-Inzidenz. Sie haben sich in einem offenen Brief schon an Gesundheitsminister Klaus Holetschek gewandt und eine rasche Lösung für die Grenzlandkreise gefordert.

Ich kritisiere die Situation an den Schulen und Kitas bei uns im Landkreis. Das Schwanken der Inzidenz um die 100 macht die Sache nicht leichter. Aber: Wir wollen und werden am Montag (8. März) wieder öffnen, wenigstens für ein bisserl mehr Normalität. Das ist mir ganz wichtig. Wir brauchen Sicherheit. 64 Schultage gab es bisher im Schuljahr 20/21. Das wird momentan auf den Jüngsten ausgetragen, sie sind die Leidtragenden.

Markus Söder verbucht es als Erfolg, wenn bis Ostern 90 Prozent der bayerischen Schüler zumindest einmal die Schule von innen gesehen haben. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Ich hoffe, dass dem so ist und das mit einer Überarbeitung der nächsten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung irgendwo auch gegeben ist und niedergeschrieben wird.

Wie beurteilen Sie den von der Regierung beschlossenen Stufenplan? Als Bürger müsste man diesen ja wie eine Landkarte ständig mit sich tragen um zu schauen, was man in welchem Landkreis bei welcher Inzidenz wie lange darf.

Den Stufenplan muss ich so würdigen, wie er in Kraft treten wird. Ich sehe allerdings Konflikte ob der verschiedenen Inzidenzen. Durch die Nähe zum Landkreis Traunstein befürchte ich einen Einkaufstourismus, sollte dort die Inzidenz niedriger als bei uns liegen und der Handel öffnen dürfen. Schließlich darf ich ja in die Nachbarregionen fahren - sehr zum Ärger unserer eigenen Einzelhändler. Dies sehe ich mit Sorge. Wenn man nicht gleichgestellt wird mit dem Nachbarlandkreis ist das für mich keine Besserung.

Die Leute scheinen ob des verlängerten Lockdowns zunehmend pandemiemüde. Wie lange denken Sie gehen die Leute hier noch mit?

Die Leute sind extrem angespannt und im Speziellen möchte ich auf die Eltern und Lehrer eingehen: Die Eltern brauchen Sicherheit und Vorausschau für die nächsten Tage und Wochen. Der zweite große Punkt sind Handel, Gastronomie und Hotellerie. Wir sind im südlichen und mittleren Landkreis sehr geprägt vom Tourismus und diese diese Perspektivlosigkeit ist äußerst anstrengend. Unternehmer geraten an ihre Grenzen. Es herrscht eine große Unsicherheit - in der gesamten Bevölkerung.

Das Berchtesgadener Land ist der Landkreis mit dem längsten Lockdown in ganz Deutschland. Weshalb sinken die Zahlen dennoch nicht und schwanken nach wie vor um den Inzidenzwert 100?

Wir gehen allen Fällen nach. Das müssen wir. Wir kennen die Hotspots, die sich inzwischen verlagert haben. Vor einigen Monaten hatten wir vorwiegend Infektionen in Alten- und Pflegeheimen. Die sind mittlerweile schon durchgeimpft und fallen aus dem Raster. Nun sind die Betriebe im Fokus, bei denen Infektionsgeschehen auftauchen. Hier unternehmen wir alles in punkto Nachverfolgung, um Infektionsketten zu durchbrechen und Ansteckungen zu unterbinden. Zudem hatten wir Auffälligkeiten durch Feierlichkeiten im privaten Bereich. All das führte zu steigenden Infektionszahlen. Eine Besonderheit bei uns ist das Abwasser-Monitoring in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der TU München, bei der die Virenlast im Abwasser zweimal pro Woche an mehr als zehn verschiedenen Messstellen untersucht wird. Das hilft uns im Vorfeld einem Ausbruch gegen zu wirken.

Die Maßnahmen werden von der Bevölkerung immer mehr angezweifelt. Stimmen, dass sich durch den Lockdown nichts zum Besseren wendet, werden lauter. Zurecht?

Schwierige Frage. Es ändert sich schon etwas, wir waren ja schon über einer Inzidenz von 300. Demnach wirken die Maßnahmen, die wir im Landkreis machen. Wir legen Wert auf die Nachverfolgung, gehen jedem Fall nach, wir schauen, die Cluster aufzubrechen, eine gute Aufklärungsarbeit bei der Bevölkerung vornehmen, fahren in die Betriebe und unterstützen diese mit Schnelltests. Wir unternehmen alles Menschenmögliche, dass wir die Infektionsketten brechen. Daher sehe ich es auch ein bisserl als Erfolg, dass wir um die Inzidenz von 100 herumschwirren. Aber der Weg Richtung 50 oder gar 35, der ist noch verdammt weit.

Sie sagen, Sie unternehmen alles Menschenmögliche. Kommt das womöglich zu spät? Wurde zu spät gehandelt?

Auf diese Mutmaßung mag ich gar nicht eingehen. Die Infektiologen und Epidemiologen sind in ständiger Verbindung mit der Staatsregierung und mit den Spezialisten des RKI ist man gut beraten. Die müssen das letztlich wissen. Wir sind in der Kette das unterste Glied, führen das vor Ort aus, was uns vorgegeben wird. Natürlich intervenieren wir und auch ich, wenn wir merken, wir wurden komplett vergessen oder die Besonderheit bei uns eine andere ist. Ich bin in regem Kontakt mit der Staatsregierung und anderen Landräten speziell in der Grenzregion, wir tauschen uns aus. Fakt ist: Wir haben ausnahmslos alle die selben Probleme.

Ein Mittel zur Bekämpfung der Pandemie bleibt das Impfen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Impffortschritt?

Der Fortschritt bei uns läuft bestens, wir haben Kapazitäten und weitere Impfdosen erhalten. Im Impfzentrum in Ainring-Mitterfelden bringen wir am Tag bis zu 600 Leute durch. Die mobilen Impfteams impften Alten- und Pflegeheime sowie Behindertenwohnheim durch. Der dritte Bereich ist das Hausärztemodell bei uns im Landkreis, das mit 30 Ärzten sehr gut läuft. Zwischen drei und vier Hausärzte pro Woche impfen in ihren Praxen. Die Termine werden über das Impfzentrum vergeben. Am Mittwoch, 10. März, geht zusätzlich ein Impfzentrum in Berchtesgaden im Alpenkongress in Betrieb. Dort können rund 200 Personen am Tag geimpft werden. Da helfen alle extrem gut zusammen.

Abschließend: Wie blicken Sie in die nahe Zukunft?

Impfen, impfen, impfen - wenn wir hier weiterkommen schaffen wir auch diese Welle - ohne, dass die Inzidenzen wieder steigen.

Herr Landrat, herzlichen Dank für das Gespräch und bleiben‘s gsund.

mb

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