Erneute Schließung sorgt für Motivationsproblem

Josef Loibls Kampf gegen den Totentanz in der Kino-Welt: „Ohne Weihnachtsgeschäft ist der Ofen aus“

Interview Park-Kino - Loibl mit  Vilsmaier
+
Joseph und Josef, Vilsmaier und Loibl: Park-Kino-Betreiber Josef Loibl durfte den bayerischen Kult-Regisseur mehrmals in seinem Haus begrüßen – zuletzt 2017 zu „Bayern – sagenhaft“ (unser Bild). Am 11. Februar dieses Jahres starb Vilsmaier im Alter von 81 Jahren. Nun kommt sein letztes Werk – „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ – ins Kino, natürlich auch ins Reichenhaller Filmtheater. Der Start soll am 17. Dezember erfolgen.

Bad Reichenhall - Das Weihnachtsgeschäft im Dezember – speziell vor dem Fest – ist mittlerweile der letzte Rettungsanker, die finale Hoffnung: „Wenn uns das auch noch wegbricht, ist der Ofen aus“, spricht Park-Kino-Betreiber Josef Loibl drastisch Klartext.:

Interview mit Josef Loibl


Die erneute Zwangsschließung seines Hauses kann er nicht ansatzweise nachvollziehen: „In ganz Deutschland hat sich nachweisbar noch kein Gast in einem Theater oder Kino mit dem Virus infiziert. Und dennoch sind wir Kulturschaffende die ganz großen Verlierer der Maßnahmen unserer hohen Politik.“ Der zweite „BGL-Lockdown“ – Loibl bezeichnet die Allgemeinverfügung im Gegensatz zu Landrat Bernhard Kern ganz klar als einen solchen – geht ihm verständlicherweise an die Nieren: „Jetzt ist unsere Existenz definitiv massiv bedroht. Ganz abgesehen davon, dass die permanenten Negativ-Meldungen nicht gerade motivierend sind. Irgendwann sind wir zwangsläufig mit unseren Kräften am Ende.“ Mit „uns“ meint Josef Loibl stets nicht nur sich und seinen Filmtheater-Kollegen Max Berger, sondern die gesamte Kino-Branche weltweit. „Die gewisse Leichtigkeit, die unser Geschäft in normalen Zeiten mit sich bringt, ist komplett weg.“

Schon vor den jüngst wieder verschärften Maßnahmen der lokalen Entscheider trudelte an einem frühen Morgen der neue James Bond-Trailer auf der Park-Kino-Mailadresse ein. Filmtheater-Betreiber Josef Loibl freute sich über das „gute Zeichen“. Doch noch am gleichen Abend erhielt er ein Bild, welches die erneute Verschiebung von „Keine Zeit zu Sterben“ auf April 2021 zum Inhalt hatte. „Das hat mich emotional erstmal umgehauen. Und ich musste mich setzen, um diesen erneut herben Rückschlag zu verdauen“, gibt der 53-Jährige zu.


Während des Lockdowns nahmen die Reichenhaller viel Geld in die Hand und unterzogen das Lichtspielhaus in der Salzburger Straße einem gewaltigen Umbau. Und jetzt? „Immer nur schlechte Meldungen und übelste Untergangsstimmung in unserer Branche. Das ist nicht das, was uns jetzt hilft oder weiterbringt“, fleht Loibl fast schon um positive Aussichten…

Wir haben mit Josef Loibl über die neuesten Entwicklungen gesprochen. Mittlerweile ist alles Gesprochene nur noch im Konjunktiv möglich, da sich von einem auf den anderen Tag alles wieder ändern kann.

Herr Loibl, nach einem schwierigen Jahr 2019 – unter anderem mit einem massiven Sturmschaden am Dach über dem großen Saal – folgten 2020 im Grunde nur Hiobsbotschaften und jetzt die zweite Zwangsschließung innerhalb von nur sieben Monaten. Wie sieht es gerade in Ihnen aus?

Josef Loibl: Es brodelt, es wirft mich hin und her, ich bin aufgewühlt. Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch und möchte auf keinen Fall die Opferrolle einnehmen. Die Motivation rauscht aber zwangsläufig in den Keller, bei all diesen Negativ-Meldungen – zuletzt oft gleich mehrere an nur einem Tag. Wir lassen uns immer wieder besondere Aktionen einfallen, unter anderem zusammen mit Kollegen, unserer Agentur, Geschäftspartnern. Wenn diese schließlich durch gewisse Verfügungen eingerissen werden, senkt das die Stimmung ungemein.

Was ist das Schlimmste für Sie und Ihr Geschäft?

Loibl: Die zwei Wochen, für die die Allgemeinverfügung anberaumt ist, schaffen wir jetzt auch noch. Die Maßnahmen sind aus Sicht des Gesundheitsschutzes im weitesten Sinne nachvollziehbar. Trotzdem fehlt mir hier die Verhältnismäßigkeit: Zu viel Willkür, keinerlei Differenzierung. Das ist mein Vorwurf. Die Befürchtung bleibt, dass das alles erneut sehr viel länger dauert – gerade für uns Kulturschaffende, aber auch viele Gewerbetreibende – und es irgendwann keine Rettung mehr geben kann.

Ihr spezieller Vorwurf?

Loibl: Monatelang wurde über die zweite Welle gesprochen, aber offenbar nichts getan. Warum wurden die Kapazitäten der Gesundheitsämter in dieser Zeit nicht entsprechend erhöht? Die diversen Appelle fielen viel zu lasch aus. Klar, jeder macht Fehler, das ist doch nicht die Frage. Aber was das „auf die Vernunft hoffen“ gebracht hat, sehen wir jetzt. Nun ist sie wieder da, die große Unsicherheit, die wir schon während des Lockdowns zur Genüge hatten.

Vor der erneuten Schließung war die zweite Verschiebung des James Bond-Films ein herber Rückschlag für Ihre Branche. Was bedeutet sie explizit für Ihr Haus?

Loibl: Sie ist ein finanzielles Desaster, obwohl James Bond normalerweise gar nicht so sehr unsere sonstige Programm-Auswahl berührt. Doch gerade mit dieser Rolle verbindet mich persönlich sehr viel, weil ich ein echter 007-Fan bin. Und darum wäre ich heuer so gern ein Bond-Gastgeber für unser Publikum gewesen. Wir wären wie immer mit im Deutschland-Start gewesen, eine große Sache. Den sehr kostenintensiven Umbau haben wir unter anderem vollzogen, um gerade Filme wie „Keine Zeit zu sterben“ in der besten Bild- und Ton-Qualität präsentieren zu können. Mit starken Prozessoren im Vorführraum – 7.1-Endstufen-Technik –, rechtzeitig für den Abschluss von Daniel Craig als 007, dem 25. Bond-Film.

Ihnen gehen die ganzen Negativ-Meldungen sichtlich an die Nieren.

Loibl: Die ganzen Absagen für 2020 trafen mich hart, mit der neuerlichen Bond-Verlegung hatte ich nicht ansatzweise gerechnet. Sie sorgte zum Beispiel auch für die Schließung der Regal-Kinos in den USA und der Cineworld- und Picturehouse-Theater in Großbritannien. Das ist für den globalen Film-Markt ein herber Verlust. Denn nun wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr kein einziger großer Studiofilm mehr anlaufen. In den USA haben am 8. Oktober erstmal 536 Kino-Standorte, in England 127 Spielstätten bis Jahresende geschlossen – eine unbeschreibliche Hausnummer. Hier geht es um zehntausende Arbeitsplätze. Ganz aktuell strauchelt mit AMC sogar die größte Kinokette. Wenn die Studios und Verleiher sehen, wieviele ihrer Einsatzkinos wegbrechen, bringen sie natürlich keine Filme heraus. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Was wünschen Sie sich zeitnah?

Loibl: Wir brauchen dringend positive Impulse nach außen, gute Signale, dass die Kinos sichere Orte der Verzauberung sind. Das waren sie ja schon immer. Jetzt soll das auf einmal nicht mehr so sein? Nicht einmal mit den aktuellen Abständen? Hier wehre ich mich: Vor Corona hat sich niemand darum geschert, wie eng alle zusammensitzen – da hatten auch viele ihre Krankheiten dabei. Jetzt ist das alles plötzlich ein Riesen-Problem? Das „permanente Angst schüren“ unserer Politiker ärgert mich gewaltig. Ich wünsche mir positive Artikel, diese wunderbare Einrichtung „Kino“ soll auf den Titelseiten endlich wieder positiv dargestellt werden. Wenn das nicht passiert, geht der Totentanz, den wir momentan haben, weiter.

Darüber hinaus ärgern Sie sich noch über ganz andere Dinge.

Loibl: In den Berichterstattungen der großen, überregionalen Medien wird suggeriert, dass das Kino ganz allgemein am Boden liegt, keine interessanten Programme mehr laufen und es somit keinen Grund mehr gäbe, ins Kino zu gehen. Das ärgert mich extrem, weil es schlichtweg falsch ist. Natürlich sind wir – alle bayerischen, deutschen, ja weltweiten Kinos – massiv von den Corona-Maßnahmen betroffen. Und ich würde lieber heute als morgen jeden verfügbaren Platz verkaufen. Aber ich sage auch ganz klar: Das Kino lebt. Und wir werden überleben. Irgendwie. Trotz und gerade wegen der Sicherheitsmaßnahmen, die wir gerne für unser Publikum umsetzen. Wir sorgten in einer Phase, in der die Theaterhäuser noch geschlossen hatten, für Ersatz und brachten Konzert- und Festival-Filme, Opern und Ballett- Aufführungen auf die Leinwand.

Hielten sich Ihre Kino-Besucher an die jeweils geltenden Bestimmungen?

Loibl: Natürlich musste ich hie und da jemanden darauf hinweisen, die Maske richtig zu tragen. Auf der anderen Seite war die große Disziplin unserer Gäste erstaunlich. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Wir sind schon auch fast panisch nach jedem Film-Einlass auf die WC-Anlagen gerannt, um nachzusehen, dass auch ja alles passt. Und nach jeder Vorstellung haben wir gelüftet und desinfiziert, voller Sorge, es könnte doch etwas passieren.

Ihr Haus lebt unter anderem von einer erstaunlichen Solidarität gerade des Reichenhaller Publikums – das zeigte sich intensiv während der monatelangen Lockdown-Phase (im Kulturbereich dauerte sie länger als in allen anderen Bereichen/Anm. d. Red.), als sie dennoch viele Gutscheine verkauften.

Loibl: So schlimm die Filmbelieferungs-Situation für die Kinos seit Ausbruch der Pandemie auch ist, die Solidarität der Menschen uns gegenüber war und ist nach wie vor überwältigend.

Das „Ausgrissn!“-Team rund um die Wittmann-Buam war ebenfalls höchst solidarisch.

Loibl: Sie sprangen sozusagen ein, als die mittlerweile siebte Eberhofer-Premiere –„Kaiserschmarrndrama“ –, vorgesehen für unsere Wiedereröffnung nach Corona-Schließung und Umbau, gestrichen wurde. Die bayerische Krimi-Serie bringt uns ja schon seit Jahren stets gut über einen oft lauen Sommer. „Ausgrissn – In der Lederhosn nach Las Vegas“ hat uns Anfang August quasi gerettet. Wir sind in Reichenhall mit diesem Film in Sachen Besuchern das drittstärkste Kino Bayerns. Kein Schaden ohne Nutzen: Ohne Corona wäre der Streifen vermutlich „ganz normal“ mitgelaufen. Gleichwohl möchte ich betonen, dass „Ausgrissn!“ diesen immensen Erfolg absolut verdient hat. Der Mut des Majestic-Sunseitn-Teams in diesen schwierigen Zeiten wurde zurecht belohnt.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass Sie Ihr – jetzt unbeschreiblich modern und doch so nostalgisch gestaltetes Filmtheater – aufrechterhalten können?

Loibl: Es gab sofort Anstrengungen seitens der deutschen Verleiher und Kinobetreiber, die James Bond-Lücke mit einem dennoch attraktiven Programm zu schließen. Brandneue Streifen wie aktuell „Im Berg dahuim – Milch, Luft und Heimat für die Seele“ oder für den Dezember „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“, Joseph Vilsmaiers letzter Film, bilden wertvolle Ergänzungen zum regulären Filmprogramm, das bis zur erneuten Schließung von hochwertigen britischen Produktionen wie „Love Sarah“ (das Park-Kino ist hier Deutschlands bestes Kino/Anm. d. Red.) oder „Mrs. Taylor‘s Singing Club“ bestimmt wurde. Vom einen auf den anderen Tag war das alles nun wieder Geschichte.

Nach dem Bond-Frust gab es trotzdem zumindest eine gute Nachricht.

Loibl: „Constantin Film“ gab bekannt, dass das zunächst für Sommer 2020 terminierte und dann auf 2021 verlegte „Kaiserschmarrndrama“ nun auf den freigewordenen James-Bond- Termin am 12. November gelegt werden soll. Seit Montag dieser Woche ist das alles wieder unsicher.

Hoffnung klingt anders.

Loibl: Ich freue mich natürlich für unsere Gäste und die vielen Eberhofer-Fans. Die ganze Sache hat für mich aber einen schalen Beigeschmack. Obwohl viele Kinobetreiber jetzt die Constantin als großen Heilsbringer feiern, vergessen sie, dass genau dieser Verleih es war, der uns durch das Stornieren des Films im August erst in diese prekäre Lage gebracht hat. Im November können wir sicher immer noch nicht mehr Plätze in unseren Kinos verkaufen als im August. Und durch den Folgeeinsatz des „Boandlkramers“ ist die Auswertungszeit von„Kaiserschmarrndrama“ viel kürzer – und eine fast nicht zu stemmende Herausforderung. Denn zwei bayerische Komödien zeitgleich sind für keinen weiß-blauen Kino-Betreiber einfach. Ich bin deshalb nicht so euphorisch über diese Situation, weil wir nicht die Kapazitäten besitzen, die nötig wären. Im Grunde müsste ich rund um die Uhr Vorstellungen anbieten…

Sind die Aussichten auf die beiden Filme dennoch ein kleiner Hoffnungsschimmer für Sie?

Loibl: Ich bin froh, dass das Kino – zumindest in Bayern – damit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken könnte. Mir wäre aber sehr viel wohler, würde die gesamte deutsche, ja weltweite Kino-Landschaft davon profitieren. Schließlich machen uns auch die Streamingdienste das Leben schwer. James Bond wäre für viele ein Rettungsanker gewesen. Freilich kommt ein Ersatzprogramm, aber um welchen Preis? In Bayern können wir das alles möglicherweise auffangen, mit unseren heimischen Produktionen. Anonsten sehe ich richtig Schwarz. Der Winter kommt, die Häuser müssen heizen. Viele haben Personal. Da fallen enorme Betriebskosten an. 007 hätte die Kinos übers Jahr gebracht. Das fällt nun flach. Viele werden Insolvenz anmelden müssen – und das war‘s dann. Die staatlichen Hilfen reichen hier bei weitem nicht aus.

bit

Kommentare