Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Flucht bleibt ein Thema im Berchtesgadener Land

Podiumsdiskussion zum Thema Integration: Diskussion über Zeit nach der großen „Flüchtlingswelle“

Bilder wie diese waren im Jahr 2015 an der Tagesordnung. In Sachen Integrationsarbeit ist seitdem viel passiert.
+
Bilder wie diese waren im Jahr 2015 an der Tagesordnung. In Sachen Integrationsarbeit ist seitdem viel passiert.

Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, das sei die „Lebenslüge der Bundesrepublik”, sagt Hans Metzenleitner, einst Schulleiter in Bischofswiesen und mit dem Thema Integration seit Jahren eng vertraut.

Berchtesgadener Land/Bad Reichenhall - Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, das sei die „Lebenslüge der Bundesrepublik”, sagt Hans Metzenleitner, einst Schulleiter in Bischofswiesen und mit dem Thema Integration seit Jahren eng vertraut. Über Gelingen und Scheitern von Integration seit 2015 im Berchtesgadener Land diskutierten die Integrationslotsen im Landkreis und weitere Experten im Rahmen einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes. 

Sechs Jahre nach der Ankunft vieler Geflüchteter lässt sich fragen, ob die Integration der damals in Deutschland aufgeschlagenen Menschen gelungen ist. Viel Engagement wurde aufgebracht - von Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen, von Firmen und teils von staatlichen Stellen. War das alles genug, was passiert ist?

Schon Jahre zuvor sei bekannt gewesen, dass die Zahl derer, die in die Bundesrepublik kommen wollten, steigen würde, sagt Britta Schätzel vom Projekt Flüchtlingspaten. „Wir alle haben das gewusst. Schon im Jahr 2013 kamen immer mehr Menschen, haben um Unterstützung gebeten, und sie bekamen die kalte Schulter gezeigt.” Die große Flüchtlingswelle sei vorhersehbar gewesen, dies alles sei aber „fahrlässig unvorbereitet” abgelaufen, sagt die Sozialarbeiterin.

„Mit staatlichen Ressourcen allein hätte Deutschland das niemals hingebracht”

Hans Metzenleitner, Kreisrat und ehemaliger Schulleiter aus Bischofswiesen.

Dem pflichtet Hans Metzenleitner bei, der seit Ende vergangenen Schuljahres in Ruhestand ist, jahrelang aktiv im Ehrenamt Integrationsarbeit geleistet hat, versiert in der Bildungsarbeit ist und noch immer in der Kreispolitik mitmischt. „Für die Ankunft der Migranten wurden keine Vorkehrungen getroffen”, sagt er. Die Ankunft deutlich über einer Million Geflüchteter sei nur deshalb gelungen, weil Ehrenamtliche so aktiv gearbeitet hätten. Also ein Staatsversagen? Einzel- und Gruppenunterricht, intensive Sprachförderung: „Mit staatlichen Ressourcen allein hätte Deutschland das niemals hingebracht.” Das Land habe „unglaubliche Versäumnisse” zu verantworten, so lautet Metzenleitners Fazit. 

Die Einbindung junger Geflüchteter sei vor allem mit Hilfe einer Vielzahl von Kompaktangeboten gelungen. „Dadurch wurde den Migrantenkindern das nötige Rüstzeug verpasst.” In den vergangenen Jahren sei es spannend gewesen, „wie Iraker, Syrer und Afghanen hervorragend Deutsch gelernt und teils super Abschlüsse gemacht haben”. Der ehemalige Schulleiter ist sich sicher, dass dies alles nur funktionierte, weil Bürger Engagement an den Tag legten.

Asim Aydin, Migrationsberater bei der Arbeiterwohlfahrt in Reichenhall mit türkischen Wurzeln, pflichtet Metzenleitner bei, sagt, die Rahmenbedingungen hätten damals gefehlt, „die Behörden waren zu diesem Zeitpunkt überfordert, die Politik nicht vorbereitet” gewesen. Hunderte Neuankömmlinge im Berchtesgadener Land, etliche durch die Flucht traumatisiert, seien anfangs allein gelassen worden. Durch ehrenamtliche Hilfen konnte aber viel geleistet werden, „da ist viel Energie reingeflossen”. 

Flüchtlingsankunft vor sechs Jahren als „menschliche Katastrophe”

Britta Schätzel vom Projekt Flüchtlingspaten aus Freilassing.

Sozialarbeiterin Britta Schätzel ordnet die Flüchtlingsankunft vor sechs Jahren als „menschliche Katastrophe” ein. Erst nach und nach seien Strukturen geschaffen worden, Schätzel selbst hat damals einen Helferkreis aufgebaut. Die Bürger des Landkreises seien in großer Zahl aktiv gewesen, wollten aktiv unterstützen. Es bildeten sich zahlreiche Unterstützergruppen, die den Geflüchteten - des Deutschen nicht mächtig - nach ihrer Ankunft unter die Arme griffen. 

Total überfordert” seien die Ehrenamtlichen gewesen, sagt eine Frau aus dem Auditorium, „es war entsetzlich, eine traurige Situation, weil die Unterstützung fehlte”. Von der Stadt Freilassing erbat man etwa einen Raum, in dem sich Helfer und Migranten treffen konnten. „Die Räumlichkeiten mussten wir am Ende über Monate selbst zahlen”, sagt sie. Immerzu hatten sie und ihr Team das Gefühl: „Wir bekommen keine Hilfen.” 

Projekt mit Hürden: Integrationsarbeit durch Deutschkurse

Asim Aydin sagt, Probleme gebe es häufig bei Deutschkursen für Mütter mit Kindern. Denn: Die Kinderbetreuung fehlt. Eine Frau aus dem Publikum, selbst in der Integrationsarbeit tätig, berichtet von einem Mütter-Kurs, der in der Geflüchteten-Unterkunft in Schönau am Königssee, im Tauernhof, mit Erfolg ins Leben gerufen worden war. Dort konnten die Mamas Deutsch lernen, die Kinder wurden währenddessen betreut: „Das lief echt super.” Als später der Veranstaltungsort zunächst in den Markt von Berchtesgaden, dann nach Freilassing verlegt wurde, fehlte der Bus, der die Mütter zum Deutschlernen bringt. Das Projekt habe sich tot gelaufen. Gelder, die dafür zur Verfügung standen, waren plötzlich verschwunden. Beispiele für zunächst ins Leben gerufene, dann im Sand verlaufene Integrationskurse im Landkreis gibt es mehrere. 

„Ich kenne auch mehrere Fälle, in denen die Kinder nirgends zur Betreuung aufgenommen werden konnten”, berichtet Hans Metzenleitner. Allerdings sei die Betreuung Grundvoraussetzung, damit den Eltern das Erlernen der Sprache gelingen kann. „Es gibt viele Angebote, aber auch viel Wildwuchs”, sagt der Ex-Schulleiter. Das Problem: „Die Vernetzung im Landkreis fehlt.” Metzenleitner bemängelt, dass es keine übergeordnete Stelle gibt, die alles „Bildungs- und Integrationstechnische in die Hand nimmt”. Er selbst hatte in seiner aktiven Lehrerzeit gute Erfahrungen gemacht, Unterstützung von Gemeindebürgermeistern erhalten: „Wir hatten im Berchtesgadener Talkessel viele Migrantenkinder.” Die Bürgermeister hätten auf seine Anfrage hin unbürokratisch Shuttlebusse geschickt, wenn diese benötigt wurden. 

Problematisches Bild von Migranten in der Öffentlichkeit

Mediengemacht und problembehaftet sei häufig das Bild von Migranten in der Öffentlichkeit, sagt Asim Aydin. Dort würde vor allem über Negativbeispiele gescheiterter Integration berichtet. Derweil gebe es etliche Positivbeispiele von Leuten, die sich integriert haben, eine Ausbildung machten, einen festen Job fanden und mittlerweile mit ihrer Familie ein normales Leben leben.

„Bad news are good news”, ergänzt Hans Metzenleitner - schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Man dürfe solche Fälle zwar nicht abtun. Integrationsarbeit gelinge aber vor allem dann, wenn die Betreuung stimmt, die Hilfsangebote und das Vermitteln kultureller Werte funktioniere: „Wir haben die Chance, Flüchtlingen die bestmögliche Aussicht auf Integration zu bieten.” Dass Integration viel mehr bedeute, ergänzt Britta Schätzel: Die „katastrophale Wohnraumsituation” im Landkreis erschwere es, im Landkreis anzukommen, sich zu integrieren. „Kaum einer versteht einen Behördenbrief.” Daran macht Schätzel „deutliche Strukturschwächen” fest, die selbst Jahre später noch nicht behoben seien. 

Geflüchtete, die sich im Berchtesgadener Land teils noch wie Fremde fühlen: Natürlich gibt es diese Fälle zuhauf, wissen die Podiumsteilnehmer. Die Willkommenskultur sei mit Nützlichkeitserwägungen für den Arbeitsmarkt verbunden: „Viele denken: Die sollen sich integrieren, Deutsch lernen, einen Job finden”, sagt Metzenleitner. Häufig gehe man mit „übertriebenen Erwartungen” an die Sache heran. 

Von den Helferkreisen ist nach sechs Jahren nur noch eine überschaubare Anzahl an Unterstützern übrig geblieben. Die Ankunft von Geflüchteten werde aber auch künftig nicht abreißen, sind sich die Diskutanten sicher. Deutschland sei eines der wohlhabendsten Länder, sagt Hans Metzenleitner. Eines, das sich das leisten kann. „Es geht hier auch um unsere Identität.” Kanzlerin Angela Merkel habe einst gesagt: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.” Metzenleitner ergänzt: „Da habe ich meine Kanzlerin das erste mal lieben gelernt.”

kp

Kommentare