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Eine Sportart, die verbindet

Kanu-Abteilung beim TSV Bad Reichenhall gegründet: „Die Region ist ein Eldorado“

Max Liebl freut sich schon darauf, wenn er im Frühjahr wieder sein Kajak schultern kann, um an einem heimischen Bach oder Fluss „in See zu stechen“.
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Max Liebl freut sich schon darauf, wenn er im Frühjahr wieder sein Kajak schultern kann, um an einem heimischen Bach oder Fluss „in See zu stechen“.

Der Kajak-Fahrer sitzt meist allein im Boot. „Trotzdem ist das ein Teamsport“, unterstreicht Max Liebl. „Wenn ich zufällig jemanden treffe, mit dem ich vor Jahren vielleicht nur einmal im Boot saß, ist das ,wie einen alten Schulfreund treffen‘ – im Grunde unbeschreiblich.“

Bad Reichenhall - Der Pädagoge hat jetzt eine Kanu-Abteilung im TSV Bad Reichenhall gegründet, als logische Konsequenz seiner Faszination für diesen Sport. „Selbst wenn das viele hier, mitten in den Bergen, vielleicht nicht wissen oder glauben wollen: Die Region ist ein regelrechtes Wassersport-Eldorado, im Touring- und Wildwasserbereich gibt es in Deutschland kaum eine andere Gegend, die mit dem Angebot der umliegenden Landkreise mithalten kann. Organisierte Vereinsarbeit gibt es in diesem Sport im Berchtesgadener Land jedoch nicht, der nächstgelegene Verein findet sich erst in Rosenheim.“

Die Alpenvereinssektion Berchtesgaden hatte mal eine Kanu-Gruppe, aber das schlief wieder ein, die Boote wurden verkauft, weiß Liebl. „Im Landkreis gab es in Sachen Kanufahren zuletzt keine Struktur mehr“, so der 31-Jährige. 

Kanu-Abteilung beim TSV Bad Reichenhall gegründet

„Kanu ist der Oberbegriff“, sagt Max Liebl. Der Sport teilt sich in die Sparten „Kajak“ und „Kanadier“ auf. Beim TSV Bad Reichenhall ist jetzt jener mit den Einer- und Zweier-Kajaks möglich. Der gebürtige Freyunger rief kürzlich die 24. Sparte im größten Sportverein der Kurstadt ins Leben. Im Kajak sitzen ein oder zwei Sportler mit je einem Zweierpaddel, im Kanadier – landläufig als Kanu bezeichnet – können mehrere Bootsfreunde sitzen. Dieses Sportgerät wird mit je auf einer Seite eingesetzten Stechpaddeln fortbewegt.

Der Kanu-Profi in Aktion an einer Steilstufe: Durch entsprechende Ausbildungen besitzt Max Liebl die Qualifikation und Berechtigung, den Kajaksport zu unterrichten.

Max Liebl wird sich mit seinem Angebot eher auf Kajaks konzentrieren: „Wenn jemand lieber Kanadier fahren möchte, kann er sich uns natürlich ebenfalls anschließen. Das geht oft Hand in Hand.“ Mit der Unterstützung des Karlsgymnasiums – hier ist Liebl Lehrer für Sport und Mathematik –, unter Schulleiter Rainer Dieckmann, eigenen Mitteln des TSV sowie einer Förderung der Landesstelle für den Schulsport (LASPO) konnten bislang sieben Einer-Boote, ein Zweier-Kajak sowie das dazu nötige Equipment angeschafft werden.

Eigenes Ego wird hinten angestellt

Mit Gründung einer „Inklusions-AG“ in Zusammenarbeit mit der Förderschule sorgt Max Liebl zusätzlich für eine wichtige soziale Komponente: „Viele Kinder und Jugendliche können den Sport aufgrund ihrer Körperlichkeit oder des sozialen Hintergrunds vielleicht nicht ausüben. Durch die Gemeinschaftlichkeit des Kanu-Spors machen wir ihn für sie möglich. Weil er unglaublich verbindet. Ich kann jemanden im Zweierkajak mitnehmen und somit das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Die gegenseitige Abhängigkeit sorgt für großes Vertrauen und stellt das eigene Ego hinten an. Hier muss im Team agiert werden. Es ist immer jemand in der Nähe, der in einer Notlage helfen kann.“

Durch entsprechende Kurse tastet sich jeder entsprechend an den Sport heran und steigert sein Können, ehe es irgendwann vielleicht auf wilderes Wasser geht. Dort wird stets gemeinsam geprüft, welche Stellen absolviert werden sollen, wer sie fährt und wer eine entsprechende Absicherung wünscht.

Die Liebe zog Liebl ins Berchtesgadener Land

Der Liebe wegen war Max Liebl schon früher viel in der Region unterwegs, zum letzten Schuljahr bekam er die Stelle an der Reichenhaller Schule und zog fest ins Berchtesgadener Land. Ein Ziel war schon lang, früher oder später die Leidenschaft „Kanu-Sport“ in einem Verein organisiert zu betreiben und Interessierten anzubieten. Beim TSV Bad Reichenhall mit seinem Vorstand Sepp Dennerl stieß Liebl damit sofort auf offene Ohren. Nach einer Turnerratssitzung Anfang November wurde die Abteilung gegründet. „Leider hat Corona bislang vieles verhindert, zum Beispiel ein durchaus übliches Hallentraining“, sagt der Sportler.

An einigen herrlich warmen Herbsttagen konnten im Rahmen der „Erlebnispädagogischen Tage“, des Wandertags sowie außerhalb des Unterrichts immerhin noch drei Schnupperangebote mit Schülern/-innen ab der 8. Klasse am Thumsee stattfinden – Seebesitzer Thomas Schmid hatte die Erlaubnis erteilt. „Das machte allen viel Spaß, das spielerisch aufgezogene Training kam gut an“, freut sich Liebl, der sich sicher sein kann, dass sein Angebot gut ankommen wird. Denn auch außerschulisch stehen bereits an die 20 Interessierte auf seiner Liste, obwohl er die Abteilung bislang noch gar nicht öffentlich vorstellte: „Alles lief bis jetzt allein über Mundpropaganda.“

Ab Frühjahr sollen Trainingseinheiten stattfinden

Im Frühjahr soll‘s richtig losgehen, mit regelmäßigen Trainingseinheiten für Anfänger wie Fortgeschrittene. Das erste, das Neulinge lernen wollen: Nach einem Umkippen rasch wieder nach oben kommen – die berühmte Eskimorolle. „So ein Boot ist ein labiles System. Es hat viel Volumen, der Schwerpunkt liegt darüber“, sagt Liebl. Gleichwohl passiert ein Umkippen seltener als man denkt und niemand muss Angst davor haben: „Weil man einfach aussteigen kann“, sagt der Experte.

Später sollen erste Ausfahrten auf anderen Gewässern, beispielsweise an der Berchtesgadener oder der Kössener Ache sowie auf der Saalach folgen. Echte Wettkämpfe sind nach der Neugründung der Abteilung aktuell weder ein Thema noch das Ziel: „Weil es bei uns keine reinen Abfahrtsrennen gibt, sondern lediglich den Kanu-Slalom. Der ist beispielsweise im Olympiakanal in Augsburg oder bedingt am Inn bei Rosenheim möglich. Um das regelmäßig trainieren zu können, fehlt es Bad Reichenhall noch an einer eigenen Slalomstrecke“, denkt Liebl bereits ein wenig weiter.

Der perfekte Alltagsausgleich

Max Liebl spielte Fußball und Tischtennis, war im Schwimmverein aktiv. „Hängengeblieben bin ich aber beim Kanu-Sport“. Durch sein Studium in Regensburg kam er mit 24 Jahren das erste Mal mit der Bootsklasse in Berührung, sein „Startschuss“ erfolgte im sanften Donau-Durchbruch bei Kelheim. „Es war Glück, dass ich in dieses Wahlfach kam, weil es bereits sehr gut besucht war.“ Eine Leidenschaft war geboren, ein perfekter Ausgleich zum Alltag. Liebl blieb dabei, belegte zahlreiche Kurse und erreichte die Lehrberechtigung für die Schule. Als Dozent mit Lehrauftrag folgte fast logischerweise der C-Trainerschein als höhere Qualifikation, absolviert beim Bayerischen Kanu-Verband (BKV), für den er jetzt selbst in der Trainerausbildung tätig ist.

Es wird zwischen Zahm- und Wildwasser unterschieden. Ein See gilt in der Regel als „zahm“, genauso wie ein in Teilen „langsamer“ Fluss wie die Saalach. Wildwasser wird in sechs Kategorien unterschieden, wobei „I“ leicht fließendes Gewässer und „VI“ die Grenze der Befahrbarkeit darstellt. „In Lofer haben wir tatsächlich eine Fünfer-Stromschnelle, am Weißbach sogar eine Sechser-Stelle – so viel zum Thema Eldorado“, schmunzelt Liebl. Auf einem ruhigen See, vielleicht sogar in einem Hallenbad, erfolgt der Start für Anfänger. Die Saalach bietet beides. „Irgendwann wird das jedoch langweilig. Und im Grunde möchte jeder, der einmal in so einem Boot saß, irgendwann in einem etwas wilderen Gewässer unterwegs sein“, weiß der Trainer.

Auch bei schlechtem Wetter unterwegs

Er ist auch bei schlechtem Wetter oder sogar im Winter in seinem 20 bis 25 Kilo schweren Boot aus Polyethylen aktiv. Kostenpunkt: Neu zwischen 1000 und 1600 Euro, ältere Modelle oder gebrauchte sind freilich weitaus günstiger zu erstehen. „Es kommt natürlich darauf an, was man haben will.“ Zur weiteren Ausrüstung gehört der Helm, die Schwimmweste, eine Spritzdecke, freilich das Paddel und ein Neoprenanzug als Kälteschutz.

„Es ist nicht nur das Kanufahren und somit das Sporterlebnis selbst. Es ist vor allem das sagenhafte Naturschauspiel, das es bei dieser Tätigkeit zu erleben gibt“, schwärmt der Niederbayer. „Die Ruhe auf dem Wasser“ ist etwas, das ihn stetig neu fasziniert. Nun lässt er Gleichgesinnte wie Neu-Interessierte gleichermaßen an diesem Erlebnis teilhaben.

Versprechen gehalten

Mit im Vorstandsboot der neuen TSV-Sparte: Simon Schmuck aus Teisendorf, der wie Liebl das Wahlfach Kajak im Studium belegt hatte. Die beiden versprachen sich damals – „sollten wir einmal Lehrer sein, bestenfalls noch an einer gemeinsamen Schule, und irgendwo sesshaft werden“ –, den Kanusport an diesem Ort in einem Verein zu organisieren. „Normalerweise kommt man nur ins Boot, so war es auch bei mir, wenn man jemanden kennenlernt, der das Material besitzt, der sich auskennt und einen mitnimmt. Weil das Kanufahren logistisch wie materialtechnisch einen gewissen Aufwand mit sich bringt. Darum wollte ich das hier am Karlsgymnasium anbieten.“

Ein Sport, bis ins hohe Alter möglich

Den Sport kann jede/r ausüben, bis ins hohe Alter. Er verspricht viel Bewegung für den Oberkörper, ist gelenkschonend. „Wir kommen an wilde Orte, die zu Fuß oder anderweitig nicht zu erreichen sind. Der Erhalt dieser fragilen Ökosysteme ist ein weiterer Aspekt, der in der neuen TSV-Kanu-Sparte großgeschrieben werden soll: „Es ist unvorstellbar, wieviel Müll sich am Ufer eines Wildbachs ansammelt. Autoreifen, die beispielsweise am Weinkaser einfach über die Böschung geworfen werden und irgendwann im Weißbach landen. Dazu unvorstellbar viel Plastikabfall. Wir wollen diese Naturjuwelen bewahren, nehmen mit, was wir mitnehmen können.“

Info

Am Kanusport Interessierte melden sich bei TSV-Abteilungsleiter Max Liebl unter der E-Mail-Adresse lieblmax@posteo.de.

bit

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