Die Welt „lichtglänzend machen“

Kunst im Schaufenster – Klaus Oestereich verleiht leerstehenden Läden in Bad Reichenhall ein Gesicht

Mit einer Schwarznuss-Kette um den Hals findet Klaus Oestereich jenen Ausgleich zum Alltag, den er zum Glücklichsein braucht.
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Mit einer Schwarznuss-Kette um den Hals findet Klaus Oestereich jenen Ausgleich zum Alltag, den er zum Glücklichsein braucht.

Die beiden „Hauptbilder“ wären „Fenster Waaggasse“ und „Werkstatt“.


Bad Reichenhall - Er drechselt für sein Leben gern. Für ihn ist das mehr als ein Ausgleich. „Ich nenne es Passion“, sagt Klaus Oestereich. Der Reichenhaller sorgt derzeit für einen Hingucker in seiner Heimatstadt – und wünscht sich, dass es sehr viel mehr werden. „Es gibt hier so viel Leerstand, so viel kahle Schaufenster. Ich würde sie gern schön gestalten, so lange die Geschäfte nicht besetzt sind.“

Ehe die Ausstellungsflächen leer bleiben und die Passanten als „dunkle schwarze Augen anstarren“ stattet sie der 51-Jährige lieber mit seinen Unikaten aus Holz aus – auf eigene Kosten: „Da habe ich doch lieber ein interessant gestaltetes Fenster als diese Tristesse“, appelliert der Künstler. Seit 20 Jahren ist er Inhaber des alteingesessenen Geschäftes „Ruperti-Farben“, von seinen Eltern vor fast einem halben Jahrhundert aufgebaut und in bester Familientradition in der Poststraße geführt.

Oestereich ruft mit seiner Aktion ein Stück weit sogar die Stadt auf, sein Anliegen – sofern möglich – zu unterstützen. Denn sein Wunsch schließt nicht aus, dass ein Schild „Zu vermieten“ platziert wird. Sobald das Fenster für ein Geschäft benötigt wird, gehen wir sofort raus, das ist nicht das Problem“, sagt der Initiator. „Wir sind flexibel, wenn der Besitzer neue Pläne hat“.

Im ersten Schaufenster, in erster Linie von Stefan Rohrmoser in der Waaggasse hinter dem Rathaus gestaltet, werden vor allem Pferdeformen gezeigt.

Mit „wir“ meint der Holz-Designer sich und seinen Künstler-Kompagnon Stefan Rohrmoser, ein bekannter Holzbildhauer aus Bayerisch Gmain, sowie Ulrico de Geweiho. Letztlich arbeiten sie mit zahlreichen Gleichgesinnten im Berchtesgadener Land zusammen: „Wir kennen uns, unterstützen uns gegenseitig, stellen gemeinsam aus“. Die Werke von Stefan Rohrmoser und Klaus Oestereich sind in einem ersten Schaufenster in der Waaggasse hinter dem Rathaus zu sehen. Mit Holz-Pferden, auch jenen mit einem „Nil“ oder „Schaukel“ oder „Zirkus“ davor, mit oder ohne Sattelfell, bemalt oder „nackt“, klein und groß, einem Einhorn… Die Galerie Malsi war hier zuletzt ansässig, die Räume samt Schaufenster sind seit einiger Zeit verlassen.

Bis das Kaufhaus Juhasz vor wenigen Jahren ausgebaut wurde, mit einem neuen und im Mai 2017 eröffneten Mode-Bereich in der Poststraße, stellten Oestereich und seine Freunde schon einmal in einem leerstehenden Schaufenster aus – bereits damals zum Thema „Baum Holz Form“. Vier Jahre lang wechselte er die Exponate alle drei Monate aus, mehrere heimische Künstler kamen zum Zug. Am Ende wurden 16 kleine Ausstellungen registriert, ehe das Haus für den Neubau abgerissen wurde. „Jetzt lassen wir diese Möglichkeit neu aufleben, das Motto bleibt gleich“, informiert der Künstler.

Die Begabung schlummerte in ihm

Der Leerstand inklusive der tristen Schaufenster in Bad Reichenhall hat mittlerweile enorme Ausmaße angenommen.“ Der gebürtige Münchner, der schon 1976 in den Kurort kam und hier aufwuchs, will das Stadtbild beleben und die Menschen mit seinen gedrechselten Holz-Exponaten erfreuen. „Vielleicht lässt sich dadurch so manch einer von seinem Schöpfergeist erfassen und wird inspiriert, künstlerisch tätig zu werden“. Bei ihm selbst war es vor rund 20 Jahren ganz genauso: „Ich wollte für meinen damals noch kleinen Sohn Simon ein Schaukelpferd mit runden Griffen anfertigen. Ich bastelte mir eine Drechselbank aus zwei Bohrmaschinen und einem Schnitzmesser. Das lief so butterweich, dass es mich total gepackt und nicht mehr losgelassen hat.“

Der heute 51-Jährige trug diese gewisse Begabung wohl schon lange in sich, kaufte sich eine erste Drechselbank, rasch kam eine zweite und eine dritte dazu. „Ein Bastler war ich aber schon immer.“ Das Drechseln brachte er sich autodidakt bei, ohne Kurs, nur mittels Büchern und viel Üben. Er hat Elektromechaniker, Bodenleger und Einzelhandelskaufmann gelernt und als Maler gearbeitet: „Heute bin ich Imker, Sammler und Drechsler – und total zufrieden“, sagt er voller Genuss.

Oestereich arbeitet unter anderem mit Eibenholz, Wachholder, Kirsche, Buchs- oder Nussbaum. Sein „Bau“-Material holt er sich aus dem Wald. Ihm reichen bereits kleine Stücke, um etwas daraus zu zaubern beziehungsweise zu drechseln. „Ich frage unsere Bauern, wenn sie Bäume gefällt haben, ob sie etwas für mich übrighaben.“ Er macht das schon so lange, dass ihn die Leute kennen: „Viele wissen, dass ich für ihre Holzreste dankbar bin.“ Selbst der „Abfall“ eines Schreiners ist für Oestereich wertvoll. „Ich tausche gern Brennholz gegen geeignete Stücke für meine Arbeit.“ Die meisten seiner Werke sind „aus einem Guss“ gefertigt.

Schwammerl sind ein Ausdruck, der es dem Holz-Künstler angetan hat. „Daraus entstehen ganz eigene Welten“, sagt der 51-Jährige.

„Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Dingen zu vergeuden“, sagt Klaus Oestereich. „Ich mache das, weil es mir Freude bereitet.“ Letztlich bedauert er ein wenig, zu spät damit begonnen zu haben, weil er komplett darin aufgehe: „Irgendwelchen Träumen nachjagen ist Blödsinn. Andere überzeugen durch Vorbild-Sein, indem sie gute Gedanken der Liebe und nicht des Hasses und der Zerstörung aussenden. Das ist absolut zu bejahen. Aber ich bin ein Mann der Tat.“ Und zweifelsfrei ein Unikat, ein „emotionaler und positiv G‘spinnerter“, das unterstreicht er. „Durch meine Kunst weiß ich, warum ich existiere. Wenn ich etwas für die Gemeinschaft tue, ziehe ich daraus mein Selbstvertrauen und Glücklichsein.“

Jeder habe seine Realität: „Umso phantasievoller jemand ist, desto kreativer gestaltet er seine Lebenszeit.“ Der Reichenhaller ist leidenschaftlicher Aphorismen-Sammler – und zitiert den Philosophen Zarathustra, der vor 3000 Jahren gesagt haben soll: „Wir möchten diejenigen sein, die die Welt lichtglänzend machen“. Das gefällt Oestereich: „Genau das will ich sein.“

Einfach gute Momente sammeln

Seine Philosophie: „Die besten Momente im Leben sind, wenn Du im Jetzt und Hier und in der Liebe bist. Ich sammle einfach gute Momente.“ Er freut sich, wenn er seine Stücke ausstellen und damit andere Räume quasi bespielen darf: „Es ist nochmal etwas ganz anderes, die eigenen Werke in einer neuen Umgebung und in einem anderen Licht zu sehen.“ Sie wirken konträr, es ist ein Zusatz, den der Kunstschaffende nicht anstrebt, aber gern mitnimmt.

Klaus Oestereich „entdeckte“ die Bearbeitung von Schwarznüssen. Eine kleine Auswahl ist aktuell ebenfalls in der Waaggasse zu sehen. „Sie sind extrem hart, ein wunderbarer Stoff, der sich gut bearbeiten lässt.“ Der Baum ist in Nordamerika heimisch. „Aber selbst in unseren Reichenhaller Parks stehen viele Exoten, unter anderem zwei Bäume dieser Art. Die Früchte mögen nicht mal die Eichhörnchen, weil sie zu hart sind. Nur Mäuse nehmen sie.“

Oestereich sammelt die Nüsse, schält sie ab und drechselst sie zu Unikaten in Pilzform. „Das ist aber Zufall, weil so viel Potenzial in ihnen steckt.“ Schwammerl sind überhaupt eine Leidenschaft geworden, weil der Drechsler ihre Form so gerne aus seinem Werkmaterial herstellt. „Da entstehen ganz eigene Welten aus Holz“, glänzen seine Augen allein schon, wenn er sich das alles in seiner Phantasie vorstellt. „Das ist faszinierend.“

Der Reichenhaller preist seine Kunst durch die kleinen Ausstellungen in den Schaufenstern nicht offensiv an. „Freilich verkaufen wir die Stücke, wenn jemand Interesse daran zeigt. Das ist jedoch nicht unser vorrangiges Ziel.“ Es müssen zudem nicht unbedingt seine Exponate in den Schaufenstern gezeigt werden. „Jeder andere kann hier gestalten, wenn er möchte. Wir sind für alle Ideen offen.“ Die Werkstätten von Klaus Oestereich und Stefan Rohrmoser sind übrigens prall gefüllt, ein riesiger Fundus aus Holz-Tieren, -Menschen oder Phantasie-Stücken: „Wir könnten hunderte Schaufenster mit unseren Exponaten ausstatten, daran hapert es sicher nicht“, lacht der Ideengeber zum Abschluss des Gesprächs mit der Heimatzeitung.

bit

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