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Übernahme Afghanistans durch Taliban bewegt heimische Gebirgsjäger

Ehemaliger Brigadekommandeur entsetzt über fehlendes Ehrgefühl der Afghanischen Armee

Brigadegeneral Jared Sembritzki, Chief of Staff der US Army Europe
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Brigadegeneral Jared Sembritzki war von 2017 bis 2020 der Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 und in seiner Laufbahn mehrmals in Afghanistan im Einsatz.
  • Christine Stanggassinger
    VonChristine Stanggassinger
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Innerhalb weniger Wochen ist die Situation in Afghanistan eskaliert. Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Heiko Maas geben zu, damit nicht gerechnet zu haben. Auch der ehemalige Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 Brigadegeneral Jared Sembritzki zeigt sich entsetzt.

Kabul/Bad Reichenhall/Wiesbaden - 20 Jahre lang waren unter anderem auch immer wieder Gebirgsjäger der Brigade 23 aus Bad Reichenhall in Afghanistan im Einsatz, zuletzt um den Afghanen beizubringen, sich selbst gegen die Taliban zu verteidigen. Die letzten deutschen Truppen zogen am 30. Juni ab. Keine zwei Monate später ist Kabul wieder in der Hand der Taliban und Präsident Ashraf Ghani geflohen. Hätte man mit so einer Entwicklung rechnen können, vielleicht sogar rechnen müssen?

Für ehemaligen Gebirgsjäger-Kommandeur unverständlich: Warum haben sich Afghanen nicht gegen Taliban gewehrt?

BGLand24.de hat diese Frage einem gestellt, der sich in Afghanistan auskennt, mehrere Einsätze dort mitgemacht hat. Brigadegeneral Jared Sembritzki sagt von sich selbst, dass ihn „Afghanistan militärisch geprägt hat“, unter anderem als Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 von Juni 2017 bis April 2020. Doch auch er kann sich nicht so richtige erklären, warum sich dieses Land nicht wehrt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass man innerhalb von Wochen diese Freiheit und alles, was vorher 20 Jahre lang auch von den Afghanen selbst aufgebaut wurde, ohne Gegenwehr zurückgibt“, zeigt sich der Brigadegeneral gegenüber BGLand24.de entsetzt. „Das ist für mich persönlich ganz ehrlich ganz schrecklich.“

Brigadegeneral Jared Sembritzki: Afghanistan-Einsatz nach 11. September zurecht begonnen

Für ihn persönlich begann der Afghanistan-Einsatz 2006. Für Deutschland durchlief er mehrere Phasen. „Nach dem 11. September ging es völlig zurecht darum, ein Terrorregime das anderen Terroristen geholfen hat, die westliche Zivilisation und westliche Bürger anzugreifen und zu töten - mit 3000 Toten damals, zu vertreiben, zu vernichten“, blickt Sembritzki mit BGLand24.de zurück. Das habe man geschafft. „In der zweiten Phase waren alle froh, dass das Terrorregime weg war und wir halfen, das Land militärisch abzusichern.“

Doch dann sollten die Taliban zurückkehren und fingen an gegen ihre eigene Bevölkerung und die eingesetzten Truppen zu kämpfen. 2009 bis 2013 resultierte daraus der ISAF-Kampfeinsatz, an dem auch immer wieder Truppen der Gebirgsjägerbrigade 23 beteiligt waren. Eine grundsätzliche Sicherheit konnte hergestellt, die Taliban zurückgedrängt werden. Daraufhin wurde aus dem Kampfeinsatz ISAF, die sogenannte „Resolut Support“-Mission. Den Afghanen sollte geholfen werden, eigene Truppen aufzubauen.

Afghanistan: Waren Geld und Hilfen das Entscheidende?

Für 2015 war der Abzug schon einmal beschlossen. Jared Sembritzki war damals selbst vor Ort. „Der damalige Gesamtplan sah vor, dass die Truppen reduziert werden.“ Dann wurde Kundus angegriffen. „Ich war am nächsten Tag in Kundus vor Ort und irritiert, dass nach dem großen Kampf um Kundus eigentlich keine Kämpfe zu sehen waren. Es kam mir so vor, man habe auf beiden Seiten Angst gehabt, dass der Westen aus Afghanistan abzieht und damit viel Geld und viel Hilfe verloren geht.“

Rückholaktion aus Kabul.

Daraufhin habe der Westen entschieden, die Mission noch nicht abzubrechen und sie auf einem niedrigen Niveau fortzusetzen. Sechs Jahre später, nach Milliarden-Investitionen, einer aufgebauten Armee und einer aufgebauten Polizei müsse man feststellen, die Sicherheitskräfte haben nicht voll funktioniert, viele sind desertiert. „Politiker sind verschwunden, Offiziere geflüchtet. Wo ich auch so baff davorstehe, was da für ein fehlendes Ehrverständnis vorherrscht. Wie man einfach sein Land, sein Volk, seine Familie an die Taliban wieder übergeben kann“, kann es der Chief of Staff der US Army Europe nicht begreifen.

Jared Sembritzki zu Afghanistan: „Eine Verlängerung hätte jetzt keinen Sinn mehr gemacht“

Für Jared Sembritzki, der durch seine neue Verwendung in Wiesbaden kaum mehr mit Afghanistan in Berührung gekommen ist, stellt sich einzig die Frage, ob der Stufenplan von 2015, der vorgesehen hätte dass westliche Truppen nur noch in Kabul stationiert wären und zur Beratung in Landesteile geflogen wären um zu unterstützen, vielleicht auch jetzt umgesetzt hätte werden sollen. Aber was hätte man darüber hinaus noch erreichen wollen?

„Wir haben auf dem Papier 300.000 Leute ausgebildet und waren fest davon überzeugt. Aber scheinbar ist es nicht das, was sie brauchen oder wollen. Eine Verlängerung hätte jetzt keinen Sinn mehr gemacht“, bekräftigt der 52-Jährige. Für ihn waren die letzten Tage wirklich tragisch. Die Bilder vom Flughafen in Kabul hätten ihn wirklich entsetzt. „Jetzt drücke ich unseren Fallschirmjägern und unserer Truppe die Daumen, dass sie vor Ort möglichst viel noch hinbekommen und dass da nichts weiter passiert.“

Evakuierungsoperationen seien immer gefährlich. Deshalb ist Sembritzki froh, dass die heikle Phase am Montag (16. August) die erste Anlandung geklappt hat. Er weiß auch, dass ohne die USA dort am Flughafen gar nichts mehr gehen würde. Dennoch hat der Brigadegeneral größtes Vertrauen, dass das Bestmöglichste erreicht wird. „Man weiß nicht, wie die Taliban sich verhalten.“ Deutsche, Ausländer und Ortskräfte zu evakuieren sei die Hauptaufgabe. Letzteres sei leichter gesagt als getan.

Ein Flugzeug der US-Luftwaffe hat einem Medienbericht zufolge mit einem einzigen Flug rund 640 afghanische Zivilisten in Sicherheit gebracht.

Bilanz nach 20 Jahren Afghanistan: Militärischer Auftrag erfüllt, doch was wollen die Afghanen

Für sich persönlich zieht er klares Resümee: „Das was unser militärscher Auftrag war, haben wir so gut es ging gemacht. Aber natürlich hätte man sich gewünscht, dass man damit erfolgreich ist. Wir haben die Afghanen ausgebildet, wir haben mit ihnen gekämpft, wir waren der Meinung sie müssen es doch verstanden haben, aber scheinbar ist es einfach nicht das, was sie wollen oder sie wollen nicht so leben. Dann tut es mir irgendwie leid, weil ich es für falsch halte, aber es ist nicht meine Entscheidung.“

Abschließend muss Brigadegeneral Jared Sembitzki noch zugeben, dass er sich manchmal gewünscht hätte, dass das öffentliche Interesse an Afghanistan, das in den vergangenen Tagen dagewesen sei, in den letzten 20 Jahre dagewesen wäre.

cz

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