"An Weihnachten tut es einfach nur weh"

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Bad Reichenhall - Er ist einer von rund 700 Soldaten aus der Region, die in Afghanistan im Einsatz sind bzw. seien werden. Oberfeldarzt Dietrich Podehl erzählt von den Vorbereitungen und seinen Erfahrungen.

"Der Einsatz in Afghanistan bedeutet für einen Soldaten, für andere Verantwortung zu übernehmen, aber auch von Frau und Kindern getrennt zu sein", erzählt der 55-Jährige im BGLand24-Interview. Er geht zum zweiten Mal nach Afghanistan. Im März 2009 ist Podehl nach viereinhalb Monaten zurückgekommen. Diesmal wird er bis zu sechs Monaten weg sein. Und das über Weihnachten...

"Es entsteht eine Art 'Ersatzfamilie'"

Deshalb macht sich der viermalige Familienvater bereits Gedanken über Geschenke - natürlich auch für Geburtstage und Jahrestage. "Die muss eines der Kinder dann rechtzeitig einpacken und meiner Frau oder einem anderen Kind übergeben." An Weihnachten selbst habe er dann gemischte Gefühle, kann der Oberfeldarzt aus Erfahrungen berichten. "Jeder Soldat fühlt sich an diesem Tag gleich, so entsteht eine Art 'Ersatzfamilie'. Aber nicht dabei zu sein, wenn die anderen die Geschenke auspacken, tut einfach nur weh." Vor allem weil es am 24. Dezember schwer ist, zu skypen oder zu telefonieren. Das gehe nur früh am Tag, bedauert der Allgemeinmediziner. "Nachmittags wollen alle mit zuhause telefonieren."

Aber die Soldaten können mit den Daheimgebliebenen telefonieren, skypen, e-mailen und natürlich Briefe schreiben und Päckchen verschicken. "So können wir Anteil nehmen, an allem, was zuhause passiert", ist Dietrich Podehl zufrieden, denn: "Diese Verluste muss man für die Gesellschaft, für unser Land zu tragen bereit sein, wenn man Berufssoldat ist." Und der 55-Jährige ist Berufssoldat mit Leib und Seele. Er hat auch bereits gewisse Routine im "Von-daheim-weg-sein" durch Lehrgänge, aber auch andere Auslandseinsätze. Sobald aber Gefahr im Spiel ist, bereitet auch er sich anders auf den Einsatz vor.

Was muss ich noch regeln?

"Ich arbeite in meinem Kopf eine Checkliste ab, was ich noch regeln muss", berichtet er von den Vorbereitungen. Also Winterreifen kaufen und wechseln, Freunde informieren, die seiner Frau helfen können, wenn nötig, Heizöl bestellen, mit den Versicherungen telefonieren, all das läuft routiniert ab. Wenn es dann ans Testament geht oder Vorsorgevollmachten, die ausgestellt werden müssen, wird es schon schwerer. Das schwerste sei aber der Abschied von Frau und Kindern: "Etliche Wochen und wenige Monate vor dem Einsatz beginnt man schon, sich von seinem Partner zu entfernen. Nicht, weil man ihn nicht mehr liebt, aber das Abkapseln, macht die Trennung leichter."

Nicht nur gedanklich bereiten sich die Soldaten Monate vorher auf den Einsatz vor. Auch bei der Bundeswehr werden sie theoretisch und praktisch auf das vorbereitet, was auf sie zukommt. Vom Umgang mit der Ausrüstung bis zum Umgang mit der Gruppe wird alles bis ins kleinste Detail durchgespielt. Und doch weiß keiner, was auf ihn zukommt.

700 Einzelschicksale

"Dort sind Menschen, vom Kriege gezeichnet, die es einfach besser haben wollen", hat Podehl bei seinem ersten Afghanistan-Einsatz erkannt. Dafür sind derzeit 7500 deutsche Soldaten im Einsatz. Aus der Gebirgsjägerbrigade 23 sind es 700. 400 allein aus Bischofswiesen bzw. Bad Reichenhall. "Das sind 700 Einzelschicksale, die mit der Trennung von zuhause fertig werden müssen."

Ablenkung davon bieten sicher die zwölf bis 14 Stunden Arbeit täglich, die die Soldaten in Afghanistan ableisten. "Ohne Freizeit, immer unter latenter Bedrohung." Da müsse man sich abends zwingen, an die Daheimgebliebenen zu denken, weiß Dietrich Podehl. Er habe trotzdem keine Angst: "Ich habe meinen inneren Frieden, weil ich ein gläubiger Christ bin. Ich weiß, warum ich in Afghanistan bin, um dort meine soldatische Arbeit zu tun." Und nur weil der 55-Jährige weiß, "dass meine Frau und meine Kinder diesen inneren Frieden auch haben, kann ich so lang weg sein."

Ich packe meinen Koffer

Um so lang weg zu sein, muss er aber auch Koffer packen bzw. einen Seesack. Dazu kommt eine große Kiste. "Wir dürfen bis zu 90 Kilo Gepäck mitnehmen. Die Masse der Kilos brauchen wir aber für die militärische Ausrüstung wie Rucksäcke, Schlafsack, Spaten und Gasmaske." Für die wenige Freizeit kommen dann noch CDs, DVDs, Bücher und Sportsachen dazu. Denn diese Zeit nutze jeder Soldat, um Abstand zu kriegen.

Ende Oktober ist es soweit. Dietrich Podehl hebt in Richtung Afghanistan ab, "um seinen Teil dazu beizutragen, dass das Leben dort besser wird." Wenn er nach vier bis sechs Monaten zurückkommt, dann weiß er, wer seine Freunde sind. Denn: "Es ist interessant, wie das persönliche Umfeld - also Freunde und Bekanntschaften - sich zu denen sortiert, die einen nicht vergessen, weil man sich nicht mehr täglich sieht. Da gibt es eine deutliche Reduktion."

Christine Zigon

Rubriklistenbild: © cz

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