"Pfaffenmilch" - die ungenießbare Variante

Bad Reichenhall - "Meine Erzählung beinhaltet Vorfälle wie meinen eigenen Kindesmissbrauch im Alter von zehn Jahren und viele Erlebnisse mit verkorksten Priestern", beginnt Markus Enders sein Buch 'Pfaffenmilch'.

Es geht weiter mit "ein wenig Familiensaga mit Episoden meiner Oma Klara und meine Lebensreise von Rheinhessen über Mallorca bis ins Berchtesgadener Land zum Finale mit der Diskriminierung meiner Person Ende September 2009."

Pfaffenmilch - Die ungenießbare und die genießbare Variante

Ein Jahr danach treffen wir Markus Enders in seiner Wohnung in einem alten Bauernhaus in Bad Reichenhall. Die tiefen Decken im Wohnzimmer lenken den Blick sofort auf das Plakat seines Buches. Rundherum tümmeln sich Bilder von früher, von Zuhause. Das hat Markus Enders mittlerweile in Bad Reichenhall gefunden nahe der Salzburger Grenze.

Genau dort hat es vor über einem Jahr einen Vorfall gegeben, der den 40-jährigen selbstständigen Weinhändler aus der Bahn geworfen hat. Fünf Jahre lang hat er in St. Sebastian in Salzburg Orgel gespielt. "Es sind Freundschaften mit den drei Patres entstanden, die dort leben", erzählt Enders im BGLand24-Interview. "Sie haben mich in Bad Reichenhall besucht und ich sie im Rektorat. Es war immer sehr schön."

Doch nach fünf Jahren der Bruch: "Sie haben scheinbar nach fünf Jahren erst gemerkt, dass ich homosexuell veranlagt bin." Dabei macht Markus Enders kein Geheimnis aus seiner Liebe zu Männern und kann sich auch nicht erklären, wie es Menschen in seinem Umfeld nicht merken können. Trotzdem wurde ihm überraschend mitgeteilt, dass er im Rektorat in St. Sebastian nicht mehr erwünscht sei. "Das war ein Schlag ins Gesicht für mich", erinnert sich der 40-Jährige an das Erlebte.

"Seine Aufmerksamkeit richtete er sodann auf einen Massagehandschuh..."

Als dann im Frühjahr immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auftauchten, platzte auch aus Markus ein lang verdrängtes Ereignis heraus: "Seine Aufmerksamkeit richtete er sodann auf einen Massagehandschuh, der irgendwo neben dem Bett auf einem Regal oder einer Ablage gelegen war. 'Was man(n) damit Tolles machen kann! Weißt du, für was das ist? Damit kann ich Dir die Beine massieren und das willst du doch, dass ich dir die Beine massiere, ja?' Mir war klar, dass da etwas passierte, das nicht normal war und das ich eigentlich nicht wollte, aber ich konnte einfach nicht den Mut aufbringen und sagen 'Halt, Stopp ich will das nicht!'" schildert der Organist sein Missbrauchserlebnis in seinem Buch.

Der Kaplan massierte ihm die Oberschenkel, vorne und hinten. Der 10-Jährige Markus musste dann das Gleiche bei ihm tun. "(...) Wobei ich nicht sagen kann, dass er erregt gewesen wäre, denn die Unattraktivität des Mannes war keinesfalls Anlass, weiter nach oben zu sehen."

Zu Besuch bei Markus Enders

Diesen Vorfall hat der gläubige Christ mittlerweile beim Erzbistum Mainz angezeigt. Seitdem wartet er auf irgendeine Reaktion. "Durch ein Telefonat mit dem Justiziar weiß ich, dass der Fall bei der Staatsanwaltschaft gelandet ist", mehr kann Markus Enders nicht berichten.

"Salzburg blockt nach wie vor ab"

Auch an der Salzburg-"Front" gibt es nichts neues. "Salzburg blockt nach wie vor ab", erklärt Enders. Mittlerweile werde sogar versucht den Spieß umzudrehen und behauptet, er mobbe die Salzburger. "Aber ich trage in mir die Gene meiner Oma Klara, die hatte Nerven aus Eisen und scheinbar hab ich die auch", lacht der 40-Jährige. Er hat noch lange nicht aufgegeben, um seine Rechte zu kämpfen.

Das empfiehlt er auch allen anderen Missbrauchsopfern: "Raus damit, nicht schweigen!" Wenn man es mit sich vereinbaren kann, sollte jedes Opfer es auch öffentlich machen. "Bei mir war es erst die breite Masse und dann die Familie." Vor allem deshalb, weil Markus Enders damit gerechnet hat, dass "die Kirche das tut, was sie immer tut: es aussitzen!"

All den Ärger, all die Wut über die katholische Kirche, die Erinnerungen hat der homosexuelle Organist in seinem Buch "Pfaffenmilch" zusammengefasst. Über seine Offenheit war seine Familie im ersten Moment etwas geschockt und seine Mutter reagierte zurückhaltend. "Ansonsten gibt es aber nur positive Reaktionen, ganz wenig negative", freut sich Markus Enders. "Die Offensive war nötig, weil ich auch als Schwuler kirchlich interessiert und religiös sein kann."

Das Buch "Pfaffenmilch" ist in einem eigen Verlag entstanden und kann hauptsächlich über das Internet bestellt werden.

Christine Zigon

Rubriklistenbild: © cz

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