Nachbarschaftshilfe:

Freundlichkeit und Probleme am Gartenzaun

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Zwischen gutnachbarschaftlicher gegenseitiger Hilfe und einem regelrechten Gartenzaunkrieg liegt oft nur ein schmaler Grat

Wenn die Gartensaison wieder beginnt, erwacht auch die Nachbarschaftshilfe aus dem Winterschlaf. Doch Achtung, selbst in diesen zwischenmenschlich-guten Taten lauern Stolperfallen.

Nachbarschaft – für viele bedeutet das vor allem Ärger á la „der Ast wächst über die Grundstücksgrenze“. Und schaut man sich die Zahlen an gerichtlich ausgefochtenen Nachbarschaftsstreits an, so bekommt dieser Glaube kräftig Nahrung. Was die, in Bayern sowieso niedrigen, Zahlen aber nicht sagen: Der Gartenzaun ist auch ein Ort, an dem wirklich noch Nachbarschaft in ihrer schönsten Form erblüht. Da werden Kochzutaten und Werkzeuge verliehen, man hilft sich gegenseitig in Haus und Garten und feiert auch gemeinsam. Doch selbst in diesen zwischenmenschlichen Glanzstücken liegt noch eine Menge Potenzial für Ärger. Welches genau, das erklärt der folgende Artikel.

1. Fast ein Schwarzarbeiter

Besonders bei nur einseitig vorhandenen motorbetriebenen Werkzeugen und speziellen Fähigkeiten wird Nachbarschaftshilfe gern gewährt und genommen.

Los geht es damit, dass der deutsche Staat, hier vertreten durch den Zoll, alles äußerst kritisch beäugt, was auch nur im Entferntesten nach „Bezahlte Arbeit nach Feierabend am Fiskus vorbei“ aussieht. Und dazu kann es schon zählen, wenn man Samstagmittags mit der Motorhacke das Beet des Nachbarn auffrischt und dieser einem aus Dankbarkeit einen Kanister voll Benzin für die erdverfeinernde Technik gibt. 

Allerdings kennt des Zolls Furcht auch Grenzen, explizit in Form der Gesetze zur Nachbarschaftshilfe festgelegt. Darin ist ganz klar geregelt, dass Nachbarschaftshilfe immer dann vollkommen legal ist, wenn die Personen nah beieinander wohnen (und das kann auch die gleiche Straße oder der Ortsteil sein) und die Arbeiten entweder unentgeltlich oder gegen eine geringe Entlohnung durchgeführt werden. Um das an einigen Beispielen zu erklären:

  • Huber sägt mit seiner Kettensäge beim Nachbarn einen alten Baum ab (gültige Pflanzenschonzeiten beachten) und bekommt dafür zwanzig Euro
  • Meier hilft dem zugezogenen Ehepaar beim Anlegen eines Gartenwegs und bekommt dafür die überzähligen Gehwegsplatten
  • Müllers Sohn belüftet den Rasen des Vereinskameraden seines Vaters mit dem Vertikutierer und erhält von diesem dafür Gitarrenstunden

Im Klartext ist also alles erlaubt, das nicht auf nachhaltige Gewinnabsichten, sondern vor allem zwischenmenschliche Hilfe durch Nachbarschafts- oder Freundschaftsdienste abzielt – auch wenn diese bar oder in anderer Form entlohnt werden. 

2. Kaputt macht Ärger

Das große Ungemacht am Gartenzaun lauert vor allem dort, wo etwas nicht ganz so läuft, wie es eigentlich gedacht war. Um die im vorherigen Kapitel genannten Beispiele weiter zu verfeinern:

  • Weil der Baum unerwartet morsch ist, kann Huber den Fall nicht genau kontrollieren, er landet etwas unglücklich und zerdeppert ein Fenster des Gartenhäuschens
  • Als Meier die letzte Gehwegplatte verlegen will, zieht er sich einen veritablen Hexenschuss zu, der ihn eine Woche außer Gefecht setzt
  • Der Vertikutierer von Müllers Sohn bleibt an einem unter dem Moos versteckten Stein hängen und muss hernach zur Reparatur

In all diesen Fällen spricht der Fachmann von Gefälligkeitsschäden. Und was diese Schadensform so besonders macht, ist die Tatsache, dass sie versicherungsrechtlich ein ganz eigenes Kapitel ist. 

Denn obgleich bei Nachbarschaftshilfe meist kein Vertrag geschlossen wurde, entsteht doch durch das stillschweigende Einverständnis zur Hilfe eine vertragsähnliche Situation. Und genau dann tritt automatisch auch eine Haftungsbeschränkung in Kraft, die sowohl für Sach- als auch Personenschäden gilt. Im Klartext bedeutet das, dass wenn der Schaden nicht aus grober Fahrlässigkeit entstanden ist, keine Haftpflichtversicherung einspringen muss – Hubers Nachbar muss also rein rechtlich sein Fenster ebenso selbst bezahlen wie Müller seinen Vertikutierer. 

Der einzige Ausweg ist die Erweiterung der eigenen Haftpflicht um Gefälligkeitsschäden, wenn man zu denen gehört, die gerne Nachbarschaftshilfe geben oder in Anspruch nehmen.

3. Pleiten, Pfusch und Pannen

Doppelt böses Blut kann dann hervorgerufen werden, wenn aus der Nachbarschaftshilfe heraus echter Ärger entsteht. Genau in den folgenden Beispielen liegen die Wurzeln, mit denen sich die Gerichte alltäglich befassen müssen.

  • Eigentlich sollte Huber den Baum in Ein-Meter-Stücke zerkleinern, weil der Nachbar sie als Feuerholz stapeln will. Er macht aber versehentlich „Tabula Rasa“ und zerkleinert alles mit seinem nagelneuen „Gartenmonster“-Häcksler
  • Meier verlegt zwar die Gehwegplatten, aber in einem ohne schweres Gerät unzerstörbaren Betonbett der Klasse „Luftschutzbunker“ und darüber hinaus noch krumm und schief
  • Müllers Sohn radiert mit dem Vertikutierer nicht nur Moos aus dem Rasen, sondern pflügt aus übertriebenem Diensteifer auch die frisch gepflanzten Blumen der Nachbarsgattin um und überzieht eine frisch gestrichene Wand mit unter dem Vertikutierer hervorschießenden Moos- und Erdbröckchen
Pfusch ist eine Erweiterung des zweiten Kapitels und auch hier gilt vorrangig zunächst die Tatsache, dass es ohne grobe Fahrlässigkeit keinen Versicherungsschutz gibt. Und das große Problem an der Sache ist, dass Fahrlässigkeit ein rechtlich ziemlich schwammig definierter Begriff ist. Die einzige Definitionshilfe ist ein Rechtsspruch des Bundesgerichtshofes. Demnach ist grobe Fahrlässigkeit immer dann gegeben, wenn jemand objektiv schwer und subjektiv unentschuldbar gegen die für den konkreten Fall gebotene Sorgfaltspflicht verstößt. Und ob das der Fall ist, können im Zweifelsfall nur die Gerichte entscheiden – denn schon die drei genannten Beispiele könnten durchaus unterschiedlich ausgelegt werden. 

4. Beste Lösung kleiner Dienstweg

Kein Nachbar gewinnt etwas dabei, wenn man miteinander im Clinch liegt, der auch noch aus guten Absichten resultierte. Denn Nachbarschaft und Psyche sind tief miteinander verbunden und können bei Störungen das Leben unerträglich machen. Deshalb sollte man in solchen Fällen eine Strategie des kleinen Dienstwegs verfolgen – ohne Einbeziehung von Versicherungen oder gar Gerichten:

  • Der Helfer sollte dem Hilfesuchenden vorher klar machen, was er und sein Werkzeug leisten können und wo die Grenzen liegen („Ich kann den Baum fällen, aber nicht garantieren, dass er genau in der Lücke zwischen Gartenhaus und Teich landet“)
  • Der Hilfesuchende sollte genau erklären, was er haben möchte („Die Gehwegplatten sollen einfach im Rasen ohne Bettung aber gerade an einer zuvor gespannten Schnur entlang verlegt werden“)
  • Beide Parteien sollten sich vorher einig sein, was passieren kann und wie man im Schadensfall vorgeht („Es kann sein, dass unter dem Moos Steine liegen, an denen der Vertikutierer hängenbleibt, wenn was kaputtgeht, besorge ich die Ersatzteile“ / „Sollten Moosbrocken gegen die Wand spritzen, machen wir sie gemeinsam sauber und streichen schnell nochmal drüber“)

Natürlich handelt es sich dabei um eine Straße, die in beide Richtungen verläuft: Der Hilfesuchende kann von seinem Nachbar nicht erwarten, dass dieser eine Arbeit mit der gleichen Professionalität wie ein ausgebildeter Profi ausführt. Umgekehrt wäre es jedoch für gute Nachbarschaft pures Gift, wenn man erst hilft, dann etwas verbockt und dann den Nachbarn auf seinem Ärger sitzen lässt. 

Die Lösung ist zwischenmenschliches Entgegenkommen. Denn obgleich Nachbarschaften nicht so willentlich entstehen wie etwa Freundschaften, so haben sie doch auf die Harmonie unseres Zusammenlebens einen ähnlich großen Effekt – Freunde können auch mal wegbleiben, der Nachbar wohnt jedoch immer neben einem. Da helfen nur Ehrlichkeit, Verständnis und Einvernehmlichkeit.

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