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Unfall-Experten besorgt über Entwicklungen

Traurige Rekord-Zahl: 34 Tote im Jahr 2021 in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen

Bergwacht-Regionalleiter und Unfall-Experten sind besorgt über Entwicklungen im Gebirge und appellieren an die Vernunft: Deutlich mehr Sommer-Einsätze – auffällig viele junge hilflose Urlauber am Berg

Die Pressemeldung im Wortlaut:

Landkreise Berchtesgadener Land/Traunstein/Altötting – Dr. Klaus (Nik) Burger, Regionalleiter der Bergwacht Chiemgau, sein Stellvertreter Michael Holzner und Regionalgeschäftsführer David Pichler haben in der Jahreshauptversammlung der Bergwacht Chiemgau über die neue traurige Rekordzahl von 34 Bergtoten im Jahr 2021 und deutlich steigende Unfallzahlen in den Sommer-Monaten berichtet.

Sorge bereitet den ehrenamtlichen Bergrettern in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen, dass vor allem viele junge Wanderer und Bergsteiger im Alter von 21 bis 30 Jahren – häufig Urlauber aus bergfernen Regionen – immer wieder gefährlich an ihre Grenzen gelangen und von den Einsatzkräften erschöpft, verstiegen, blockiert und mit Gelände und Wetter überfordert aufwendig gesucht und gerettet werden müssen.

Eine gute Planung kann einiges verhindern

„Wir appellieren daher auch und gerade an die Zielgruppe der jungen Bergsteiger, die Risiken und Gefahren am Berg generell ernst zu nehmen, die eigene Fitness und Erfahrung realistisch einzuschätzen und sich vor Touren immer gut vorzubereiten, Wetter-Prognose, Schnee-Verhältnisse und Gelände vorab zu checken und sich nicht blind auf irgendwelche GPS-Tracks und Beschreibungen aus dem Internet zu verlassen. Es ist gut und wichtig, wenn junge Menschen die Natur und die Berge für sich entdecken und wertschätzen lernen, aber umso tragischer, wenn dann schwere oder sogar tödliche Unfälle passieren, die mit einer guten Planung vielleicht vermeidbar gewesen wären“, sagt Dr. Burger, zugleich ehemaliger langjähriger Vorsitzender des deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle.

Ereignisreiches 2021

867 Mal mussten die ehrenamtlichen Bergeretter 2021 ausrücken, davon allein im Sommer mit 650 Einsätzen, rund 100 Sommereinsätze mehr als im Vorjahr. Die meisten Notfälle passierten beim Wandern und Bergsteigen, gefolgt von Mountainbike, einschließlich E-Bike und Klettern. In der Wintersaison waren bedingt durch die Pandemie und die geschlossenen Skigebiete weniger Einsätze zu vermelden.

Dennoch forderten Wettkämpfe, Rennen und Veranstaltungen auch die Skiwacht mit entsprechend vielen Vorsorgediensten in den heimischen Wintersport-Gebieten stetig. Michael Holzner schaffte es in seiner zusätzlichen Funktion, als hauptamtlicher Skiwacht-Koordinator trotz der vielen Termine immer genug Retter für die Dienste zu finden und war über die Winter-Monate hinweg selbst nahezu täglich auf der Piste im Einsatz.

Rund 1000 Einsätze pro Jahr

Die 15 Bergwachten der Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein und Altötting sind organisatorisch in der Bergwacht Region Chiemgau zusammengefasst. Zu den Bereitschaften in der Region Chiemgau gehören aktuell rund 550 aktive Einsatzkräfte, die durchschnittlich in den letzten Jahren zu rund 1000 Einsätzen pro Jahr ausrücken mussten.

2021 waren einzelne Bereitschaften auch außergewöhnlich emotional belastet, da sie bei regional überdurchschnittlich vielen Einsätzen mit tödlich Verunglückten oder aufgrund internistischer Erkrankungen am Berg Verstorbener gefordert waren, darunter Patienten, die trotz aller Bemühungen der Retter während der Versorgung oder später in der Klinik verstarben oder nach langer Suche aufwendig aus alpinem Gelände nur noch tot geborgen werden konnten.

Evi Partholl, Leiterin des Kriseninterventionsdienstes (KID) der Bergwacht Chiemgau, betreut mit ihrem Team in solchen Fällen betroffene Begleiter, Angehörige und in besonders belastenden Fällen auch die Einsatzkräfte. David Pichler präsentierte eindrucksvoll die von Marcel Häusler vorab ausgewerteten Einsatz- und Unfallzahlen, wobei die Konferenz pandemiebedingt aus Verantwortung gegenüber den nicht ersetzbaren Führungs- und Einsatzkräften vorsorglich online durchgeführt wurde.

Neben den Leitern der 15 Bereitschaften nahmen der hauptamtliche Bergwacht-Landesgeschäftsführer Klaus Schädler und die Chefs der Spezial-Einsatzkräfte teil, unter anderem der Lawinen- und Suchhundestaffel, der Höhlenrettung, der Canyon-Rettung, des KID und die Spezialisten für Vermisstensuche, Technik, Umwelt, Waldbrand-Bekämpfung, Tierrettung und Natur- und Umweltschutz.

„Absolut keine Nachwuchssorgen“

Nach der Entlastung der Regionalleitung für das Geschäftsjahr 2021 - vorgeschlagen von den beiden Revisoren Siegfried Fritsch (Freilassing) und Engelbert Mayer (Inzell) berichteten die Ressort-Leiter aus ihren Fachbereichen, wobei deutlich wurde, wie viel Freizeit, Nerven und Herzblut die Ehrenamtlichen in ihre verantwortungsvollen Aufgaben investieren:

Besser als in der schwierigen Pandemie-Zeit erwartet, lief es für Christian Auer, Verantwortlicher für die Anwärter-Prüfungen und die Ausbildung: „Alles lief nach Plan; Dank des großen Engagements meines Teams konnten wir die Ausbildungen, Prüfungen und Sichtungen unter Berücksichtigung aller Corona-Schutzvorgaben gut durchführen. Und wir haben absolut keine Nachwuchssorgen; der Zulauf ist sehr groß!“

Durch Einsatz neuen Ortungssystems: Bessere Erfolgsaussichten

Andreas Zenz, Leiter des Ressorts Einsatz, berichtete unter anderem von erfolgreichen Fortbildungen der Einsatzleiter und Einsätzen der ihm unterstellten Koordinierungsgruppe für größere Schadenslagen, unter anderem ein vorübergehender Ausfall einer mit Fahrgästen besetzten Seilbahn, die Unterstützung der niederösterreichischen und steierischen Bergrettung bei der Waldbrand-Bekämpfung in der Rax und die Einführung des neuen Halbleiter-Ortungssystems „Recco SAR“, das als Sender und Empfänger am Lasthaken des Polizeihubschraubers befestigt und vom Bergretter im Heli bedient wird. „Die Bergwacht Bayern verspricht sich durch den Einsatz des neuen Ortungssystems aus der Luft bessere Erfolgsaussichten bei besonders schwierigen Suchen nach Vermissten und Verunglückten“, erklärt Burger, der sich selbst auch in der Bedienung des Geräts geschult ist.

Die Bergwacht Chiemgau verfügt seit November 2021 über einen von aktuell bundesweit zwei Hubschrauber-Detektoren und hat ihn zentral bei der Bergwacht Bad Reichenhall stationiert. Zehn heimische Bergretter, darunter Zenz, sind zu Operatoren in den Helis der Polizeihubschrauberstaffel Bayern ausgebildet worden. „Für eine erfolgreiche Suche ist es aber wichtig, dass der Vermisste einen sogenannten Recco-Reflektor bei sich führt, der das Radar-Signal des Senders reflektiert und an den Empfänger am Gerät zurückwirft“, erklärt Zenz.

Diese Reflektoren sind leicht, klein, können in Kleidung vernäht oder als Schlüssel-Anhänger mitgeführt werden und benötigen keine eigene Strom-Versorgung. Sie sind mittlerweile nicht mehr nur in Wintersport-Bekleidung und -ausrüstung zu finden, sondern zunehmend auch in Produkten für sommerliche Outdoor-Unternehmungen eingebaut, darunter Bergschuhe, Helme, Klettergurte oder auch Rucksäcke.

Neuer Ressortleiter für Notfallmedizin

Neuer Ressortleiter für die Notfallmedizin ist der Anästhesist und Notarzt Dr. Enrico Stabs aus Inzell; er tritt in große Fußstapfen und hat die Aufgabe von seinem Vorgänger Dr. Christian Freund aus Grassau übernommen. Stabs erklärte seine konzeptionellen Vorstellungen und berichtete über die vom Lehrteam geplanten mehrtägigen anspruchsvollen Kurse, die angehende ehrenamtliche Bergretter so gut wie nur möglich auf Notfälle am Berg vorbereiten sollen, wo sie wetter- oder geländebedingt eventuell auch lange Zeit ohne Unterstützung klarkommen und den Patienten versorgen und am Leben halten müssen.

Franz März (Altötting), Ressortleiter Natur- und Umweltschutz, ist mit seiner Ausbildungstruppe zufrieden; er organisiert mit sehr großem Engagement und Fachwissen die zwingend vorgeschriebenen Ausbildungen und Prüfungen der Anwärter im Natur- und Umweltschutz, da die Bergwacht neben dem Rettungsdienst auch für den Schutz von wilden Tieren und Pflanzen im bayerischen Alpenraum verantwortlich zeichnet.

Fünf Lawinen-Einsätze

Michael Partholl (Ramsau) berichtete von den insgesamt fünf Lawinen-Einsätzen, 21 Vermisstensuchen und einer Tierrettung, bei denen die Lawinen- und Suchhundestaffel der Region mit ihren aktuell 14 aktiven Hundeführern 2021 gefordert war. Die Staffel stellt auch den neu eingeführten und von den verantwortlichen Bereitschaften vor Ort geschätzten Fachberater, der dem jeweiligen Einsatzleiter als Spezialist bei komplexen Suchen zur Seite steht und ihn bei wichtigen Entscheidungen unterstützt; die drei Fachberater Michael Partholl, Stefan Strecker und Achim Tegethoff waren 49-mal in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen gefordert. Bei zahlreichen Kursen und Trainings haben die Hundeführer ihre Teams weiter ausgebildet und qualifiziert, wobei aktuell sechs voll ausgebildete C-Hunde, drei bedingt einsatzbereite B-Hunde und fünf A-Hunde in Ausbildung der Staffel angehören.

Christian Schieder (Bad Reichenhall) stellte die Leistungsfähigkeit der Canyon-Rettungsgruppe dar, die derzeit aus 18 Spezialisten der Bergwacht und der Wasserwacht besteht. Neben einer Rettung eines Kinds aus der reißenden Almbachklamm am Untersberg waren die Canyon-Retter auch überregional bei der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz gefragte Spezial-Einsatzkräfte für die Menschen-Rettung per Heli von ansonsten durch die Wassermassen nicht mehr erreichbaren Gebäuden. Hubert Mayer, Chef der bei der Bergwacht Freilassing angesiedelten Höhlenrettungsgruppe, stellte sein derzeit aus 16 Höhlenrettern bestehendes Team vor und berichtete über zahlreiche Ausbildungen und die bewährte und vertraute grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Höhlenrettungsdienst.

Weitere Einsätze forderten die Rettungskräfte

Stefan Lieb und Josef Jaschek (Altötting) berichteten von der in Altötting stationierten und vor allem für die Waldbrand-Bekämpfung und Tierrettung spezialisierte Umweltgruppe, die unter anderem beim Waldbrand-Einsatz im Spätherbst in der Rax gefordert war. Alex Beaury (Traunstein) ist der Chef des Technik-Teams, das 2021 mit seinem speziell für Suchen ausgestatteten Kleinbus und einer Hochleistungsdrohne mit Wärmebild bei insgesamt 26 oft sehr zeitintensiven Vermisstensuchen gefordert war; mit dem Technikbus können die Ehrenamtlichen bei Bedarf auch einen Kerosin-Anhänger mitführen, mit dem die eingesetzten Helis bei Zeitdruck vor Ort ohne lange Umwege zu Flugplätzen nachgetankt werden können.

Michael Vierling (Grassau) informierte als Beauftragter für die Luftretter die Bereitschaften über das neu geschaffene Ausbildungsteam Luftrettung und über die heuer sieben Echtflug-Übungen und Flugfortbildungen. Aktuell verfügt die Region über 135 in allen Luftrettungsverfahren ausgebildete Luftretter (Air Rescue Specialists) und über 100 unterwiesene Einsatzkräfte (UEK), die über die allgemeine Mitflugberechtigt hinausgehende unterwiesene Einsatzkräfte, die eigenständig, auch mit weiteren Passagieren, an der Winde zur Einsatzstelle ab- und angeflogen werden dürfen.

Abschließend bedankten sich die Regionalleiter Burger und Holzner herzlich bei allen ehrenamtlichen Bergrettern der Region für ihr großes ehrenamtliches Engagement in außergewöhnlich fordernden Zeiten: „Wir waren noch nie so gut aufgestellt wie heute, aber auch noch nie so intensiv beansprucht!“ Beide lobten auch die hauptamtlichen Mitarbeiter der Regionalgeschäftsstelle „für die fachlich hervorragende und menschlich stets angenehme Zusammenarbeit“, die ihnen sehr viel Arbeit abnehmen und den Rücken freihalten: David Pichler, Sandra Abfalter, Franz Maier und Marcel Häusler.

Pressemeldung BRK KV Berchtesgadener Land

Rubriklistenbild: © Bildmontage: Marc Müller/dpa & Julian Stratenschulte/dpa

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