"Ich habe mich sofort in den Berg verliebt"

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Wendelstein – Vor einer Woche haben die letzten verbliebenen Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz in der Wetterwarte räumen müssen. rosenheim24.de hat Claudia H., eine von ihnen, getroffen:

rosenheim24.de: Wie lange haben Sie in der Wendelstein-Wetterwarte gearbeitet?

Claudia H.: Im Februar 1999 habe ich das erste Mal in der Wetterwarte ausgeholfen. Es war ein kalter klarer Wintertag mit -20°C und einer atemberaubenden Fernsicht auf den Alpenhauptkamm. Ich habe mich sofort in den Berg verliebt und war in den Folgejahren öfter oben, bis ich 2003 eine feste Stelle in der Wetterwarte Wendelstein ergattern konnte.

rosenheim24.de: Wie schwer ist es für Sie, den Wendelstein hinter sich zu lassen?

Claudia H.: Der Abschied fällt mir sehr schwer, denn ich habe auf dem Berg sehr viel erlebt und erfahren. Die Mitarbeiter am Berg sind wie eine Familie, aus der man nun herausgerissen wird. Die Arbeit am Berg war extrem abwechslungsreich und - auch wenn sie nicht immer leicht war - eine Art Berufung für mich. Denn man sieht das Wetter nicht nur irgendwo am Himmel, sondern ist mittendrin, sozusagen ein Teil davon.

Wir hatten bis zuletzt gehofft, dass eine Lösung gefunden wird, um die 129-jährige Datenreihe weiterzuführen. Leider ist es so, dass heute Geld mehr zählt als ideelle Werte und da überall gespart werden muss, wird der Rotstift mitunter angesetzt, ohne genau hinzuschauen, was man da eigentlich streicht.

rosenheim24.de: Was haben Sie alles Schönes auf dem Wendelstein erlebt?

Claudia H.:Zu einem der unvergesslichsten Erlebnisse gehört der Föhnsturm im November 2002. Da die Bahnen nicht mehr fuhren, verbrachte ich mehrere Tage auf dem Berg und erlebte, wie die Föhnmauer immer näher kam und die Berge zunehmend von Wolkenfetzen eingehüllt wurden.

Da Föhn am Boden um einiges stärker war als in der Höhe, zog es einem dabei regelrecht die Beine weg. Ab 150 km/h konnte ich nicht mehr rausgehen, da sich aufgrund des enormen Winddrucks die Außentüre nicht mehr öffnen ließ. Als schließlich das Maximum des Windes, meine mit 199,4 km/s höchste auf dem Wendelstein erlebte Windspitze, erreicht wurde, kam nicht nur eine Schüssel der Antennenanlage des Bayrischen Rundfunks vorbei geflogen, sondern auch unsere Außenfühler standen vor dem Kollaps.

rosenheim24.de: Verstehen Sie, dass die Wetterwarte geschlossen wurde?

Claudia H.: Nein. Ich kann nachvollziehen, dass gespart werden muss und Stationen, wo es möglich ist, automatisiert werden. Aber ich verstehe nicht, dass man auf eine Bergwetterwarte, mit fast 130-jähriger Messreihe, in einzigartiger Höhe und Lage komplett verzichtet, denn hier ist eine Automatisierung völlig indiskutabel.

Die Schließung hinterlässt in ganz Südostbayern ein Loch, wo es weder Messungen noch Augenbeobachtungen gibt. Gerade in einem Hagel- und Föhnsturm gefährdeten Gebiet wie dem Inntal ist die Entscheidung der Schließung absolut nicht nachvollziehbar. Auch die immer extremer werdenden Auswirkungen der Klimaänderung in den Alpen können für unser Gebiet nicht mehr nachvollzogen werden.

rosenheim24.de: Sie müssen jetzt umziehen. Wohin geht die Reise?

Claudia H.: Für mich geht es zurück in die Heimat, ins Erzgebirge. Eigentlich ein Grund, sich zu freuen, aber sowohl Brannenburg, als auch das Inntal, sind in den letzten Jahren mein Zuhause geworden. Dennoch habe ich das Glück, wieder auf einem Berg arbeiten zu können. Da wir deutschlandweit einsetzbar sind, hätte es mich auch in unsere Zentrale nach Offenbach oder in ein anderes dunkles Büro verschlagen können. Insofern versuche ich, positiv in die Zukunft zu blicken und mich der neuen Herausforderung zu stellen.

kmr

Impressionen Wendelstein-Wetterwarte

Quelle: rosenheim24.de

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