Kommandanten aus Edling und Wasserburg über neue Herausforderungen

Die Ungewissheit rückt mit aus: So geht es den Feuerwehren in der Corona-Krise 

Zusammenstehen mit Abstand in Zeiten der Corona-Krise: Stefan Gartner, der stellvertretende Kommandant der Wasserburger Feuerwehr (links) und der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Edling, Martin Berndl, auf dem Gelände Im Hag in Wasserburg am Inn. 
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Zusammenstehen mit Abstand in Zeiten der Corona-Krise: Stefan Gartner, der stellvertretende Kommandant der Wasserburger Feuerwehr (links) und der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Edling, Martin Berndl, auf dem Gelände Im Hag in Wasserburg am Inn. 

Wasserburg/Edling - Nach Feierabend beisammensitzen und einen emotionalen Einsatz nachbesprechen - durch das Corona-Virus rücken die alltäglichen Aufgaben der Feuerwehr in den Hintergrund, erklären die Kommandanten der Feuerwehren Edling und Wasserburg im Interview mit wasserburg24.de. 

Ein frühsommerlicher Apriltag neigt sich dem Ende zu, die letzten Strahlen der Frühlingssonne spiegeln sich in den Schiebetüren des Feuerwehrhauses.  Im Innenhof der Wasserburger Feuerwehr zeigt sich am frühen Abend ein ungewöhnliches Bild: Wo es sonst vor Kameraden nur so wuselt, herrscht gähnende Leere.


"Die Ungewissheit begleitet uns" 

Nützliche Links zu Corona 

Jeden Morgen stehe die Frage im Mittelpunkt, ob es allen gut geht, erzählt Stefan Gartner, der stellvertretende Kommandant der Wasserburger Wehr und lässt den Blick zu seinem Edlinger Kollegen schweifen, der für das Gespräch mit wasserburg24.de aus der Nachbargemeinde gekommen ist und in weitreichendem Abstand auf dem Innenhof der Wasserburger Wehr Platz genommen hat. "Es ist eine Herausforderung die Mannschaft vollständig zu halten. Ich weiß ja nicht, wer plötzlich in Quarantäne muss, wer wieder einsatzbereit ist oder ob einer nicht über Nacht Krankheitssymptome entwickelt", schildert Gartner die Unsicherheit, die bei der Organisation und Planung mitschwingt.

Diese Unsicherheit, die Corona im Gepäck hat, sei auch bei den Kameraden spürbar: Früher seien unverzüglich alle parat gestanden, wenn es einen Einsatz gab, heute passiere das durchaus zögerlicher. "Mit der Situation muss man umgehen können, das fällt nicht allen leicht", stellt der Kommandant der Edlinger Wehr, Martin Berndl, fest und unterstreicht den Ernst der Lage: "Jeder muss bereit sein, diesen Schritt zu gehen und bisher tun das auch alle - wenngleich sie auch vorsichtiger geworden sind. Denn die Ungewissheit begleitet uns: Was tue ich beispielsweise, wenn ich einen Einsatz habe, bei dem ein Mensch einer Erstickungsgefahr ausgesetzt ist und es gibt keine Masken mehr? Begebe ich mich in Gefahr, um Leben zu retten, oder schütze ich lieber mich selbst und setze damit womöglich das Leben eines Menschen aufs Spiel?" Fragen, die im Notfall offen bleiben


Persönliches Telefonat statt WhatsApp-Nachrichten

Vor allem die Gespräche nach einem Einsatz, das Reden mit den Kameraden, gehe ab: "Das sind Herzschlag und Puls einer jeden Feuerwehr. Und so geht es allen Wehren in der Region. Da machen wir uns schon Gedanken, wie das weitergeht. Emotionen zeigen wenn einen die Erinnerung an einen schwierigen Einsatz plötzlich übermannt, die Chance, darüber zu reden - das alles bleibt gerade außen vor, weil es keine Nachbesprechungen gibt." 

Berndl hat sich umgestellt von der WhatsApp-Nachricht zum persönlichen Telefonat: "Ich bin für meine Mannschaft verantwortlich und muss wissen, wie es ihnen geht. In diesen Zeiten ist das Gespräch essentiell." Anfang April des vergangenen Jahres sei die Wasserburger Wehr noch "schwer beschäftigt" gewesen mit Pläneschmieden für den Diebstahl des Haager Maibaums: "Sowas schweißt zusammen - gerade die Kameraden der benachbarten Feuerwehren", ist sich Gartner sicher. Das alles fehlt nun. 

Reduzierte Besatzung im Einsatzfahrzeug 

Auch die Einsätze haben sich gewandelt: Die Wehren rücken kaum mehr zu Verkehrsunfällen aus - aufgrund der Ausgangsbeschränkung sind weniger Menschen auf den Straßen unterwegs. Dafür sind neue Aufgaben dazu gekommen, die vor allem in den Erste-Hilfe-Bereich fallen: Von der Lieferung von Schutzkleidung über Begleitung eines Krankentransports bis hin zu Unterstützung beim Einrichten von Quarantäne-Lagern an Kliniken. Man telefoniere mit den verschiedensten Stellen, an denen Hilfe benötigt wird - wie Nachschub an Schutzkleidung - die Leute könnten sich aber auch jederzeit bei der Feuerwehr melden

Nach dem Umziehen in einer extra eingerichteten Zone im Feuerwehrhaus wandert alles, was beim Einsatz in Gebrauch war in die Wäsche und zum Desinfizieren - auch ohne direkten Kontakt. Man wolle kein Risiko eingehen. Der Empfehlung die Besatzung entsprechend zu reduzieren, sei man ebenfalls bereits nachgekommen: Im großen Einsatzwagen dürfen statt neun Mann nur noch sechs mitfahren, im Truppenfahrzeug sind es zwei statt wie üblich drei

Eigenschutz für die Kameraden in Form von Gesichtsmaksen bekamen die Wasserburger von Franz Heinrichsberger, Geschäftsführer der Wasserburger Werkstätte.

"Die Gesellschaft ist aktuell tot"

"Die Feuerwehr kann nur überleben, wenn die Gesellschaft funktioniert. Und die ist aktuell tot", konstatiert der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Edling, Martin Berndl. Um den Hals trägt er ein schwarzes Tuch, mit dem er seine Mitmenschen schützt. "Sich mit einer Situation abzufinden, die so noch nie da war, ist für uns ein riesiges Problem. Wenn ich durch unser gesperrtes Feuerwehrhaus streife und die Blumen gieße, könnte ich weinen - es ist alles so still und abgeschirmt. Normalerweise blüht dort das Leben." 

Gartner kann bestätigen, was sein Kollege schildert: "Bei uns ist das Stüberl im Innenhof Dreh- und Angelpunkt. Hier tritt man sich auf eine Feierabend-Halbe, sitzt beisammen, sobald Ausrüstung und Geräte verstaut sind. Jetzt steht da einzig und allein ein Bild eines langjährigen altgedienten Kameraden, der vor Kurzem unerwartet verstarb. Zusammen mit einer Kerze und dem roten Ehrenhelm, damit wir an ihn denken können. Das traditionelle Geleit auf dem Friedhof samt Fähnrich war verboten - es fiel uns allen sehr schwer, unter diesen Umständen Abschied zu nehmen."

Pessimismus fasten 

Wie es in Zukunft weitergeht, steht in den Sternen. Momentan sei man gut aufgestellt, aber was passiert, wenn die Corona-Fälle zunehmen und die Feuerwehr trifft. "Ich habe 47 Aktive. Was mache ich, wenn mir die Hälfte ausfällt?", fragt sich Berndl und Gartner geht es ähnlich: "Wir großen Wehren können das mit 80 Aktiven noch stemmen, aber wenn ein paar kleinere Wehren nebeneinander angeschlagen sind, würde das eine riesige Lücke ins Einsatzgebiet reißen. Die Angst, dass bei den Feuerwehren gewisse Bereiche nicht mehr abgedeckt werden könnten, ist da."  

Doch Jammern ist fehl am Platz: Gartner und Berndl strahlen gleichermaßen eine positive Energie aus, dass es direkt ansteckend ist. Das käme auch von den Erfolgs-Erlebnissen. "Die Solidarität der Menschen ist groß, von überall her bekommen wir Anfragen für Hilfe - das wird gerade vor Ort spürbar, wo die Wehren präsent sind. Es ist toll zu sehen, wie sich die Menschen in der Krise arrangieren. Wir dürfen nicht mit gesenktem Kopf herumlaufen", mahnt Berndl. Raumausstatter Heinrichsberger beispielsweise habe für die Wasserburger Wehr statt Teppichen Masken genäht, "damit haben wir die gesamte Mannschaft für den Eigenschutz ausgestattet", freut sich Gartner.  

Es sind kleine Lichtblicke wie diese und die persönliche Einstellung, die die Feuerwehren zusammenhalten. "Jeder Mensch macht sich in der Fastenzeit Gedanken, auf was er verzichten könnte", erklärt Berndl. "Meine Tochter und ich haben beschlossen, heuer Pessimismus zu fasten und stattdessen vielmehr mit einem Lächeln auf den Lippen davon überzeugt zu sein, dass wir das schaffen und überstehen. Eine optimistische Einstellung gerade in Zeiten wie diesen würde vielen nicht schaden." 

mb

Quelle: wasserburg24.de

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