Nach Fehlgeburt: Wohin mit toten Babys?

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Abschied nehmen ist ein wichtiger Schritt in einen normalen Alltag. Die Stadt Wasserburg stellt am Friedhof am Herder einen Platz zur Verfügung, der für totgeborene Babys und zum stillen Gedenken gedacht ist.
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Wasserburg – Bis vor neun Jahren wurden Fehlgeburten oft einfach „entsorgt“. Das ist mittlerweile anders. Nico starb wenige Stunden nach seiner Geburt. Seine Mutter erzählt.

Anita Breuer (Name von der Redaktion geändert) besucht das Grab ihres Sohnes Nico. Der Junge wäre heute zehn Jahre alt geworden. Doch Nico kam in der 23. Woche eindeutig zu früh auf die Welt, er hat nur seinen eigentlichen Geburtstag erlebt, am gleichen Tag starb er, wenige Stunden nach seiner Geburt.

Anita Breuer konnte sich von ihrem Baby verabschieden und blickt dankbar zurück. „In diesen schweren Stunden und auch die Tage danach waren das Klinikpersonal aus Wasserburg und der Klinikseelsorger Andreas Demmel sehr nett und hilfreich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und sich mit der Situation auseinanderzusetzen“, erklärt Anita Breuer im Gespräch mit wasserburg24.de.

Viele Eltern trauern um ihre Babys

Immer wieder kommt es vor, dass eine Schwangerschaft nicht so glücklich endet, wie es angedacht ist. Aus teils unerklärlichen Gründen kommt es zur Fehlgeburt oder Frühgeburt. Während bis vor einigen Jahren Fehlgeburten meist von den Kliniken „entsorgt wurden“, können Eltern mittlerweile ihre Babys bestatten lassen, in einem dafür vorgesehen Gemeinschaftsgrab, auf Wunsch und mit der Zustimmung der jeweiligen Friedhofsverwaltung auch im Familiengrab oder einem Einzelgrab.

  • Eine Fehlgeburt ist die vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft vor der 24. SSW. Das Geburtsgewicht des Kindes liegt unter 500 Gramm. Das Kind ist tot, wird nicht "beurkundet".
  • Bei einer Totgeburt wiegt das Kind mindestens 500 Gramm und ist im Mutterleib oder während des Geburtsvorgangs verstorben. Das Standesamt stellt eine Geburtsurkunde mit dem Vermerk: Kind wurde tot geboren, aus.
  • Eine Frühgeburt stellt eine Lebendgeburt dar. Das Baby atmet auch nach dem Durchtrennen der Nabelschnur.

Viele Krankenhäuser bieten den Eltern von fehlgeborenen oder totgeborenen Babys oder kurz nach der Geburt verstorbener Kinder oft eine Stelle zum Verweilen an oder für Gemeinschaftsbestattungen. Die Stadt Wasserburg stellt seit 2006 am Friedhof am Herder eine solche Stelle kostenfrei zur Verfügung. Es ist ein Ort zum Abschiednehmen, drei bis viermal jährlich finden hier Bestattungen von Tot- oder Fehlgeburten statt. Auf Initiative der RoMed-Klinik Wasserburg entstand das Angebot für verwaiste Eltern. Die Standesämter haben in den vergangenen fünfzehn Jahren immer wieder Änderungen diesbezüglich verarbeitet. Waren Totgeborene oft lediglich im Sterberegister verankert, gibt es jetzt wieder eine ausgestellte Geburtsurkunde mit dem Vermerk, dass das Kind tot zur Welt kam.

Auf einem Stein an der Grabstätte am Freidhof am Herder im Burgerfeld steht: „Für immer in unseren Herzen“. Rund die Hälfte aller betroffenen Eltern nutze das Angebot, bei der Bestattung der Babys im Gemeinschaftsgrab dabei zu sein, erklärt Anja Britta Stopik. Klinikseelsorger Andreas Demmel bietet sich auch für Gespräche an. Denn er weiß: „Das Ausmaß der Trauer um ein Kind, das nur kurz oder gar nicht gelebt hat, wird meist unterschätzt - von den Betroffenen selbst, aber auch von Freunden und Verwandten“, so Demmel.

Nico beim Standesamt registriert

Eine Fehlgeburt (vorzeitiges Ende der Schwangerschaft vor der 24. Woche und bei einem Geburtsgewicht des Kindes unter 500 Gramm) wird beim zuständigen Standesamt nicht registriert, wohl aber eine Lebendgeburt wie Nico. Der Junge erhielt eine Geburtsurkunde und auch eine Sterbeurkunde, er durfte in das Familiengrab. Anita Breuer hatte Anspruch auf Mutterschutz. „Das Schlimmste war plötzlich nicht mehr die Trauer um mein Kind, sondern die schrecklichen Beschwichtigungen der Außenwelt“, erinnert sich die 35-Jährige immer noch entsetzt.

„Man weiß nie, wozu es gut war!“, „Du kannst noch viele Kinder bekommen“, „Ich hatte auch schon einen Abgang“, hilflose Aussagen der Gesellschaft, die nicht helfen, wohl aber weiter verletzen.

„Ein Abgang ist in den ersten Wochen zu betiteln, aber ein Kind zur Welt zu bringen nach etlichen Schwangerschaftsmonaten, an dem alles dran ist und das lebt und es dann zu verlieren, ist etwas anderes“ betont Anita Breuer. Wichtig für die damals 25-Jährige war die Beerdigung ihres Babys. Ein Bestattungsteam aus Haag habe sich sehr rührend um einen kleinen, mit einem Teddybär versehenen Sarg gekümmert, erzählt Anita Breuer dankbar.

Auch bei der Beerdigung selbst sei man ihr als trauernde Mama sehr entgegengekommen. „Es war schön zu merken, dass mir so viel Menschlichkeit entgegengebracht wurde“, so Anita Breuer. Freilich gab es Schaulustige aus dem Dorf, in dem Anita Breuer mit ihrer Familie lebt.

Wenn neben Trauer auch Wut aufkommen könnte

Nach zehn Jahren ist es für die mittlerweile 35-Jährige immer noch wichtig, oft das Grab zu besuchen, in dem Nico liegt. „Er durfte ins Familiengrab, sein Name steht auch auf dem Grabstein, dieses Abschiednehmen und der Ort, an dem Nico liegt, sind sehr wichtig für mich“, so die verwaiste Mutter gegenüber wasserburg24.de.

Im Fall von Anita Breuer kommen noch einige unschöne Situationen dazu. „Leider hat mir mein damaliger Gynäkologe in der Praxis nicht geglaubt, dass ich immer wieder Bauchschmerzen habe, die sich später als vorzeitige Wehen entpuppt hatten“, so Breuer. Der Arzt habe ihr erklärt, dass es sich bestimmt um Blähungen handeln würde. „Doch im Nachhinein noch Schulzuweisungen zu machen, bringt nichts. Nico kam gesund, aber in der 23. Woche einfach zu früh zur Welt und hat es leider nicht geschafft“, erklärt die 35-Jährige. Auch das Private mochte nicht mehr so recht werden, berichtet Anita Breuer weiter. Ihr damaliger Freund und Vater des Kindes, hatte eine andere Auffassung von der Trauer. „Ich war auf der Beerdigung unseres Sohnes und er hat währenddessen mit seinen Kumpels die nächsten Partytermine ausgemacht“, so Breuer abschließend. Die unterschiedliche Trauer habe letztendlich auch die Beziehung zerstört, Nicos Papa hatte andere Auffassungen vom Familienleben.

Ihren Sohn wird sie in liebevoller Erinnerung behalten, ist sich die 35-Jährige sicher, die vielen Situationen drum herum, würde sie am liebsten irgendwann vergessen. „Aber es ist einfach ein Teil meines Lebens, und irgendwie hat dieser Teil mich auch stark gemacht“.

Quelle: rosenheim24.de

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