Wasserburger Chefarzt im Exklusiv-Interview 

Wie verändern Corona-Krise und Isolation uns Menschen?

Leere Straßen wie hier die Innstraße in Rosenheim sind in Zeiten der Ausgangsbeschränkung Gang und Gebe. Wie sich die Corona-Isolation auf uns Menschen auswirkt und welche Folgen sie aus psychologischer Sicht haben kann, weiß Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Innsalzach-Klinikums Wasserburg am Inn und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik. 
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Leere Straßen wie hier die Innstraße in Rosenheim sind in Zeiten der Ausgangsbeschränkung Gang und Gebe. Wie sich die Corona-Isolation auf uns Menschen auswirkt und welche Folgen sie aus psychologischer Sicht haben kann, weiß Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Innsalzach-Klinikums Wasserburg am Inn und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik. 

Wasserburg - Um das Coronavirus einzudämmen, gelten seit rund einer Woche Ausgangsbeschränkungen - eine immense Einschränkung im Alltag eines jeden Einzelnen. Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Innsalzach-Klinikums Wasserburg am Inn und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik, weiß was diese plötzliche Isolation für uns Menschen bedeutet.

Herr Professor Zwanzger, die von der Regierung erlassene Ausgangsbeschränkung zwingt die Bürger zur Isolation in den eigenen vier Wänden, der soziale Kontakt ist auf ein Minimum reduziert. Was macht diese radikale Umstellung mit dem Otto-Normal-Verbraucher? 


Das ist für uns alle eine große Veränderung und es ist schlimm - aber wir sind auch sehr verwöhnt. Diese neue Situation heißt noch lange nicht, dass uns das alle krank macht und wir uns in einer totalen Isolation befinden. Keiner muss Angst haben, dass er psychisch krank wird, weil er jetzt mal drei Wochen nicht mehr so viel unternehmen kann. Der Mensch hält es durchaus einmal aus, wenn er sich einmal ein paar Tage nicht auf Partys bewegt. Wenn das jetzt viele Wochen lang so ginge würde ich das schon als einen gewissen Stressfaktor werten, aber diese Anordnung gilt erst seit einigen Tagen. Man muss das ganze Spektrum sehen: Einerseits die totale Isolation und andererseits das Extrem, dass dauernd was los ist um uns herum. Vergleichsweise zu Menschen, die zum Beispiel in Kriegsgebieten jeden Tag in Angst leben haben wir ja noch Glück.

Welche praktischen Ratschläge gibt es gegen Langweile und Einsamkeit? 


Nützliche Links zu Corona 

Bedeutend ist, dass wir versuchen ein Stück weit mit der neuen Situation zurechtzukommen. Gerade Menschen, die denken, sie können jetzt gar nichts mehr machen müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Möglichkeiten gar nicht mal so sehr begrenzt sind. Heutzutage ist das viel einfacher als früher. Über die sozialen Medien kann man Kontakt halten, mit der Familie kann ich insgesamt rausgehen, nur eben nicht in Gruppen. Zuhause ist es wichtig, sich ein gewisses Beschäftigungsprogramm und Aufgaben zu suchen, sich den Tag vernünftig einzuteilen. Es ist enorm wichtig, sich eine Tagesstruktur zu schaffen - gerade für diejenigen, die alleine wohnen. Routinen zu bestimmten Zeiten beruhigen und nehmen Angst und Stress. Auch daheim können sportliche Aktivitäten angegangen werden und abends können sich die Leute via Gruppenvideochats verabreden und austauschen oder zum guten alten Telefon greifen.

Wie können psychisch kranke Menschen, die sich möglicherweise in psychologischer Behandlung befinden und nun zuhause isoliert sind mit dieser Situation umgehen? 

Wenn ich krank bin und auf Unterstützung sowie soziale Kontakte angewiesen bin ist das schwieriger. Gerade Menschen mit seelischen Erkrankungen macht jede gesellschaftliche Veränderung viel mehr Angst als dem gesunden Mensch. Da ist es ganz wichtig zu sehen, dass die Hilfsmöglichkeiten überhaupt nicht eingeschränkt und regelmäßige Behandlungen weiterhin möglich sind. Man kann raus, seinen Arzt oder Psychotherapeuten besuchen, ambulante Möglichkeiten nutzen oder sich an den Krisendienst des Bezirks Oberbayern wenden.

Die Besuchsregelungen in Kliniken sind aufgrund der Corona-Krise erheblich eingeschränkt. Gerade Bewohner von Alten- und Pflegeheime stellt das vor eine Herausforderung. Wie kann man hier gegenwirken? 

Das ist eine ganz große Belastung und echte Einschränkung, bei der auch das Personal wahnsinnig gefordert ist. Die Pflegekräfte leisten Großartiges. Angehörige können mit regelmäßigen Telefon-Gesprächen unterstützen.

Zurück zu den Ausgangsbeschränkungen: Wie lange hält ein gesunder Menschenverstand solche Einschränkungen aus – Stichwort Lagerkoller? 

Lagerkoller ist umgangssprachlich für stressbezogene Störungen, die sich nicht genau kategorisieren lassen. Jeder Mensch reagiert in Stresssituationen individuell anders: Es gibt weniger ängstliche, die mit Stress gut zurecht kommen, andere geraten sehr schnell in Angst und Panik. Ich glaube, der gesunde Durchschnittsmensch wird die nächste Zeit, auch wenn sie nicht der ganze große Spaß sein wird, gut überstehen. Wichtig ist, dass wir Zuversicht verbreiten und auf die Maßnahmen vertrauen. Sobald man merkt, dass das zum Erfolg führt, ist man automatisch gleich mehr motiviert.

Werden die durch die Pandemie erlassenen Ausgangsbeschränkungen mittel- oder langfristige Auswirkungen für die Menschen haben? 

Jedes große und schwerwiegende Ereignis – ob positiv oder negativ – prägt sich ins Gedächtnis. Ich glaube nicht, dass wir großen Schaden davontragen, gerade wenn wir sehen, was andere Gesellschaften aushalten mussten. Ich denke da an 9/11, dieser Tag hat bei einzelnen Amerikanern Spuren hinterlassen und doch ist man überrascht, wie das Volk gelernt hat mit dieser Dauerbedrohung zu leben. Ihnen geht es aber auch nicht schlechter als denjenigen, die diese Terror-Erfahrung nicht machen mussten. Das hängt auch alles mit der Resilienz zusammen.

…, die sich wie definiert? 

Resilienz ist die seelische Widerstandskraft, die bei den Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt ist. Durch Erfahrungen kann man sie trainieren und Stabilität gewinnen.

Denken Sie, dass uns die Corona-Krise nachhaltig verändern kann? 

Dass wir ein bisserl vorsichtiger werden, das kann schon sein. Die Leute halten mehr Abstand beim Einkaufen, sind behutsamer im Umgang miteinander. Das ist ja eigentlich auch etwas Gutes. Ich glaube, das löst sich aber auch wieder sobald sich die Situation entspannt.

Zu guter Letzt: Können wir der Corona-Krise auch Positives abgewinnen? 

Ich bin der festen Überzeugen, dass aus jeder Krise positive Aspekte gezogen werden können. Wir werden das was wir haben ganz anders wertschätzen, gerade wenn es uns eine Zeit lang genommen wird. Man merkt plötzlich, wie wertvoll es ist, das Haus verlassen zu können, Freunde zu treffen, essen zu gehen und Ausflüge zu machen. Und wir werden ein Stück weit feststellen müssen, dass der Freizeitstress, den wir uns durch hohe Aktivität sowie Termindruck häufig selbst auferlegen, gar nicht notwendig ist. Diese Entschleunigung aktuell tut uns allen gut.

Herr Professor Dr. Zwanzger, herzlichen Dank für das Gespräch.

mb

Quelle: wasserburg24.de

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