Internationaler Hebammentag

Werden Geburten auf dem Land verschwinden?

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Der Kreißsaal in Wasserburg, fehlen hier bald die Hebammen?
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Wasserburg - Ein Beruf, der nicht durch Maschinen ersetzt werden kann, ist der Job einer Hebamme. Sie ist wichtiger Faktor bei der Entbindung. Doch ein Problem macht den Hebammen zu schaffen.

Die Hebammen im RoMed-Klinikum Wasserburg sind sehr beliebt. Viele Familien erinnern sich gerne an die herzliche Betreuung während der Entbindung. Doch nur wenige wissen, dass die Hebammen um ihren Stand kämpfen.

Erika Diller ist seit 33 Jahren Hebamme, 18 Jahre davon in Wasserburg. Vielen Müttern hat sie schon geholfen, ihr Baby zur Welt zu bringen. Im RoMed-Klinikum Wasserburg sind insgesamt 6 Hebammen tätig, zusätzlich unterstützen 3 weitere die Kolleginnen bei Kursen und Hausbesuchen.

Nur äußerst selten kommt es während der Betreuung im Kreißsaal zu einem Hebammenwechsel. In der Regel betreut eine Hebamme die werdende Mutter die gesamte Zeit. Da kommen schon mal mehr als acht Stunden zusammen.

Erika Diller und ihre Kolleginnen sind leidenschaftlich gerne als Hebamme aktiv, sie mögen ihren Beruf.

Die Hebammen in Wasserburg bieten das gesamte Spektrum der Hebammenbetreuung an: Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft an, außerdem Geburtsvorbereitungskurse, Rückbildungskurse, Hausbesuche nach der Geburt, Stillberatung. Und das Wichtigste: Eine herzliche Begleitung während der Geburt. Dies kommt bei vielen Eltern sehr gut an.

Weil die Hebammen in Wasserburg nicht festangestellt, sondern freiberuflich tätig sind, gibt es allerdings auch Pflichten, die weniger schön sind in dem Berufszweig. Die Kosten für die Haftpflichtversicherung sind nicht unerheblich, der Beruf der Hebammen somit wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder leichte Gebührensteigerungen, die die Hebammen im Rechnungsbetrag hatten. Doch die Steigerung der Haftpflichtversicherung für die Sparte Hebammen steigt ins Unermessliche. In den vergangenen zehn Jahren sind die jährlichen Kosten auf nunmehr 5000 Euro allein für die Haftpflichtversicherung gestiegen. Eine Summe, die umsatzunabhängig berechnet wird.

Somit haben Hebammen auf dem Land, die nicht so viele Geburten betreuen, wie die in der Stadt, schon fast den Status, ihren Beruf zum Hobby um zu deklarieren. Stirbt dadurch das Hebammenangebot in ländlichen Kliniken bald aus?

Erika Diller und Sylvia Pellikan erzählen ein bisschen über den Alltag und die aktuelle Situation. Beide lieben ihren Beruf, doch jetzt wollen sie mit vielen ihrer Kolleginnen auf das Problem rund um die Haftpflichtversicherung aufmerksam machen. Denn die Kosten für die Versicherungsgebühr kann nur sehr schwer über die Hebammengebühr ausgeglichen werden.

Im Schnitt hat jede Hebamme in der RoMed-Klinik in Wasserburg zwischen 70 und 80 Geburten pro Jahr, die sie betreut. Um den Versicherungsbetrag in Höhe von 5000 Euro pro Jahr leisten zu können, müssen mehr als 66 Euro pro Geburt allein für die Haftpflicht abgezweigt werden. Dabei bekommen die Hebammen pro Geburt, die ja mehrere Stunden dauern kann, nicht einmal 300 Euro bezahlt.

Als freiberuflich Tätige sind zudem noch viele weitere Ausgaben zu entrichten, so dass sich ein äußerst geringer Stundenlohn für die Geburtsbegleitung errechnet. Während man früher den Versicherungsbeitrag durch 5 Geburten erwirtschaften konnte, brauche man mittlerweile 18 Geburten, die in Zahlen rein in die Haftpflichtversicherungsgebühr einfließen. So manche Hebamme auf dem Land, die nicht besonders viele Geburten betreut, gibt deshalb auf. In Wasserburg bleibt der Hebammeneinsatz aber bestehen. Familien können sich weiter mit einer Geburtsbegleitung durch eine Hebamme hier in der Innstadt rechnen.  

Warum kommt es zu der Erhöhung der Versicherung?

Die Schadensfälle hätten sich nicht erhöht in den letzten Jahren, doch die Umverteilung wäre anders. Nicht mehr Eltern klagen, wenn ein Kind geschädigt ist, sondern die Krankenkassen, heißt es.

In der Hofstatt haben die Hebammen aus Wasserburg jetzt Unterschriften gesammelt. Mehr als 200 Unterschriften kamen in kürzester Zeit zusammen. Der Rückhalt der Gesellschaft sei gegeben, freut sich Erika Diller. Die Forderung will sie auf jeden Fall weiterverfolgen, damit die Öffentlichkeit und vielleicht ja auch die Politik mehr darüber erfährt.

Worum geht es genau?

Der Wortlaut der Forderung ist eindeutig: Die Hebammen rufen den Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe dazu auf, sich der Haftpflichtproblematik anzunehmen und eine langfristige Lösung zu finden. Die Gesellschaft sei auf eine flächendeckende Geburtsbegleitung durch Hebammen angewiesen, sind sich auch Erika Diller und Sylvia Pellikan einig.

Einige Kliniken unterstützen ihre Hebammen und übernehmen einen Teil der Versicherungsgebühr. In den RoMed-Kliniken ist dies nicht der Fall.

Somit stemmen die Hebammen aus Wasserburg auch weiterhin die immense Zahl des Versicherungsbeitrags zur Haftpflicht selbst. Doch die Gesellschaft läuft Gefahr, dass ein flächendeckendes Hebammenangebot auf dem Land bald der Vergangenheit angehört.

Will man zentralisieren?

"Wenn es so weitergeht, könnte es sein, dass sich kleinere Einheiten der Geburtshilflichen Abteilungen in Kliniken auf dem Land nicht mehr halten können. Die Hebammen machen ihren Job bald hobbymäßig, es rentiert sich die Mühe nicht mehr" heißt es im Gespräch mit den Hebammen aus Wasserburg. Womöglich gibt es in einiger Zeit nur noch große Zentren in Großstädten, die Geburtshilfe anbieten. Nicht auszudenken, was dann vielleicht einmal Fakt werden könnte: Im Personalausweis und der Geburtsurkunde stünde dann nie mehr Geburtsort Wasserburg. Die gebürtigen Wasserburger würden also aussterben. Doch soweit ist es glücklicherweise noch nicht.

Quelle: rosenheim24.de

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