Schlaflos in Manhattan

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Kein Durchkommen in Manhattan: links die Polizeisperre, rechts der Madison Square Garden, in der Mitte die Touristen Bettina Ehm, Benjamin Bonke, Maximilian Knödler und Maria Wimmer (von links) aus Ostermünchen und Glonn.

Tuntenhausen/New York - Tote, Dammbrüche, Explosionen, Großbrände - Wirbelsturm "Sandy" hat New York den Ausnahmezustand beschert. Mittendrin im Chaos einige Leser aus der Region.

Auch wenn sie in ihrem Hotelzimmer im 15. Stock nicht gerade fürchten mussten, von der Welle erwischt zu werden - geschlafen haben die zwei junge Pärchen aus Ostermünchen und Glonn so gut wie nicht in der Nacht zum Dienstag, als der Hurrikan auf die Ostküste der USA traf. Jetzt sitzen die vier Oberbayern in Manhattan fest.

Gespenstische Leere: Das Bild machte Benjamin Bonke mit seiner Handy-Kamera am Montagabend.

Dienstagmorgen in New York. Eigentlich will das Quartett - Benjamin Bonke und Bettina Ehm aus Ostermünchen, Maximilian Knödler und Maria Wimmer aus Glonn im Kreis Ebersberg - zum Flughafen. Um 18 Uhr Ortszeit soll die Maschine in Richtung München abheben.

Aber daraus wird nichts. Nur ein paar Meter vom Hoteleingang entfernt, am Madison Square Garden, heißt es: Endstation. "Unser Block ist komplett abgesperrt worden von der Polizei", so Bonke.

Es ist 8 Uhr früh im Big Apple. Wo sich sonst die Autokolonnen im Berufsverkehr hupend durch die Rushhour quälen, ist es gespenstisch still. Es ist nichts zu sehen außer leere Straßenschluchten mit Sperren aus quer stehenden weißen Polizeiwagen, gelben Plastikbändern und roten Eisenpfosten.

Es ist die Ruhe nach dem Sturm in Manhattan. "Um kurz nach Mitternacht muss Sandy am schlimmsten gewesen sein", vermutet Bonke, der übers Handy mit den OVB-Heimatzeitungen verbunden ist. Da fällt im Hotel mit einem Schlag der Strom aus. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die vier jungen Urlauber im Alter zwischen 25 und 30 Jahren - wie viele Millionen US-Amerikaner - angespannt vor dem Fernseher und verfolgen die Katastrophenmeldungen. Egal welcher Sender - es gibt nur ein Thema: "Sandy". Bis um kurz nach 24 Uhr der Bildschirm plötzlich schwarz wird und die Lichter ausgehen.

Zwei Stunden lang bleibt das Hotel ohne Strom - lange 120 Minuten mit einem mulmigen Gefühl zwischen Hoffen und Bangen. Aber Panik kommt trotzdem nicht auf. Weder bei den beiden Paaren noch bei anderen Hotelgästen - vielleicht deshalb, weil die New Yorker der Katastrophe laut Bonke "beeindruckend gefasst und gelassen" begegnen. Das überträgt sich.

Abgesehen davon herrscht nie völlige Dunkelheit im Hotelzimmer. Kerzen haben die New-York-Touristen aus der Region zwar nicht dabei, aber das muss im Handy-Zeitalter auch nicht mehr sein: "Wir haben uns mit dem Licht unserer Handy-Displays geholfen", so Bonke, dessen 30. Geburtstag der Anlass für die einwöchige Reise gewesen war.

Jetzt wird wegen "Sandy" mehr als eine Woche daraus. Dass sie heute zum Flughafen Newark vorstoßen werden, um umbuchen zu können, sei extrem unwahrscheinlich, hat man ihnen gestern gesagt: "Aus Manhattan kommt ihr wohl nicht raus." Wann es wieder zurück nach Deutschland geht, ist offen. Immerhin stehen die vier nicht auf der Straße. Sie konnten im Hotel eine Nacht verlängern - allerdings zum doppelten Preis.

Berufliche Verpflichtungen hat das Quartett erst wieder am Montag. Bonke ist IT-Administrator bei Eder in Tuntenhausen, Knödler Autoverkäufer in Rosenheim, Ehm und Wimmer sind Friseurinnen.

Immerhin werden die Straßensperren am Madison Square Garden im Laufe des Vormittags teilweise aufgehoben. So marschieren die Ostermünchener und Glonner mit knurrenden Mägen in Richtung Times Square hinunter, um einen Happen zu essen. Dabei staunen sie nicht schlecht über die Wassermassen. In den U-Bahnen steht die braune Brühe meterhoch, in Tunneln und tiefer liegenden Straßenabschnitten ebenfalls. Alle paar Sekunden fährt ein Polizei- oder Feuerwehrauto vorbei. Das permanente Sirenengeheul in der Stadt, das seit Beginn der Straßensperren am Montagabend gegen 20 Uhr zu keinem Zeitpunkt abgerissen ist, nehmen sie kaum noch wahr.

Aus dem Snack wird übrigens nichts. Fast alle Lokale, Geschäfte und Straßencafés sind geschlossen. Vor den wenigen Ausnahmen bilden sich lange Menschenschlangen. Hintergrund: So wie man nicht aus Manhattan raus kommt, führt auch kein Weg hinein. Zehntausende Verkäufer, Köche, Bedienungen und Putzfrauen haben deshalb frei und bleiben daheim. Die Folgen sind auch im Hotel der Urlauber spürbar. Die Küche bleibt kalt, die Betten ungemacht.

Entwarnung geben die Behörden indessen noch nicht. "Es heißt, der Hurrikan zirkuliert und könnte zurückkommen", sagt Bonke. Es ist 11 Uhr in New York. Wie seine Freundin und das Paar aus Glonn will der 30-Jährige nur noch eins: "So schnell wie möglich heim!"

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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