OVB-WEIHNACHTSAKTION 2017

Bis tief in die letzte Nacht

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Hospizbegleiter mit Leib und Seele: Franz Gineiger (rechts) erzählt die Geschichte von den letzten Tagen eines Landwirts im Chiemgau. Wer sie liest, der versteht, warum die OVB-Weihnachtsaktion der Hospizbewegung gewidmet ist. fkn
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Rosenheim/Mühldorf - Was macht Hospizbegleiter so wertvoll und unverzichtbar? Wer diese ergreifende Geschichte liest, der weiß es. Sie dreht sich um einen todkranken Landwirt auf einem Hof zwischen Obing und Chieming, „irgendwo in der Prärie“, sagt Hospizbegleiter Franz Gineiger (80). Den genauen Ort will er nicht verraten.

Gineiger ist wohl weit und breit der Hospizbegleiter mit der außergewöhnlichsten Biografie: Bei Regensburg als zehntes von 15 Kindern zur Welt gekommen, erst katholischer Pfarrer in Bayern, dann Missionar in Südamerika.

Bis er in Brasilien die Liebe seines Lebens trifft – eine Krankenschwester aus Erding. Er heiratet sie, das Paar bekommt vier Kinder. Mit dem Priesterdasein ist es damit vorbei. Gineiger muss „umschulen“, er zieht mit der Familie nach Stein an der Traun, wird Religionslehrer in Trostberg, später Erzieher in einem Heim in Traunreut.

Als Rentner lässt er sich in Berlin zum Hospizbegleiter ausbilden. In Kreuzberg arbeitet er mit den Schwestern der Mutter Teresa, lebt zeitweise mit Obdachlosen. Seit 15 Jahren wirkt Gineiger nun schon als Hospizbegleiter im Chiemgau. Meistens kommt er mit dem Radl, wenn er gebraucht wird. Auch den weiten Weg zu dem Einödhof „irgendwo in der Prärie“ legt er an einem Dienstag im Jahr 2013 strampelnd zurück. Dort trifft sich Gineiger mit einer Einsatzleiterin vom Ambulanten Hospizdienst der Caritas Traunstein. Für die OVB-Leser erzählt er die Geschichte noch einmal, nur die Namen sind geändert:

„Der noch relativ junge Bauer, Manfred B., 57 Jahre, sitzt mit schlimmer Krebserkrankung im Rollstuhl. Er braucht auch in der Nacht Betreuung. Lena, seine Ffrau, die allein die Milchkühe versorgen muss, braucht ab und zu ein wenig die Nachtruhe. Wir vereinbaren, dass ich jede dritte Nacht übernehme. Das Paar hat keine Kinder.

Der Patient sitzt im Rollstuhl in einer Art Büro, vor sich ein Heimrad. Gelegentlich macht er einige Umdrehungen. Nach Erledigung der schriftlichen Formalitäten kommen wir überein, dass ich die nächste Nachtwache übernehme.

Um 22 Uhr übernehme ich am nächsten Tag die Betreuung, bekomme ein eigenes Bett. Am Fußende steht quer das Krankenbett. Die Frau hat ein anderes Zimmer, dort schläft auch der Hund. Um 6 Uhr früh kommt der Milchwagen, um 6.30 Uhr fängt sie mit dem Melken an, die Arbeit im Stall geht bis 8.30 Uhr. Um 10 Uhr kommt der Pflegedienst.

Die Nacht ist ruhig, Manfred B. ist mit Medikamenten gut eingestellt. Um 4.30 rührt er sich. WC-Gang, danach Raucherpause in der Küche, wir unterhalten uns bis 6.30 Uhr. Dann will er sich hinlegen, ich verabschiede mich im Stall von der Bäuerin.

Zwei Tage später fange ich schon um 21 Uhr an, um mit Lena zu sprechen. Dann geht sie früh schlafen. Manfred und ich, wir unterhalten uns bis 1 Uhr in der Küche über Gott und die Welt. Um 7.30 verabschiede ich mich. Es ist Samstag, am Sonntagabend soll ich wieder kommen.

Aber der Zustand von Manfred verschlechtert sich. Vormittags sagt der Arzt, es könne schnell gehen mit dem Sterben. Mittags ruft Manfreds Schwester an. Sie fragt, ob ich nicht schon die kommende Nacht übernehmen kann. Lena, ihre Schwägerin, ist nahe am Zusammenbruch, sie selbst muss ihren kranken Vater versorgen.

Das richtige Sterbebild und der richtige Wirt

So radle ich am Samstag gegen 15 Uhr zum dritten Nachtdienst, komme gerade rechtzeitig, um mit Manfred im Beisein von Lena und ihrer Schwester über seine Einstellung zum Sterben und die Beerdigung zu reden. Die Schwester betet und schreibt auf, welches Foto und welcher Text aufs Sterbebild kommen, welche Lieder gespielt werden. Und der Leichenschmaus? „Der Wirt hat mir kürzlich ein Kalb abgekauft, bei dem bestellt ihr das Essen“, sagt Manfred. Der zuständige evangelische Pfarrer wird kommen, er soll es „kurz“ machen. Zur Urnenbestattung wird die Blaskapelle spielen, Manfred zählt „seine“ Vereine auf, die dabei sein sollen.

Dann fährt die Schwester nach Hause zu ihrem „Pflegedienst“. Nach der Stallarbeit hat Lena noch ein besonderes Anliegen: Mit dem Nachbarn gibt es eine mündliche Absprache. Sie wäre erleichtert, wenn ihr Mann etwas Schriftliches hinterlassen würde, um Unklarheiten zu vermeiden. Manfred ist einverstanden. Ich schreibe den Text ins „Reine“, mit Mühe bringt Manfred eine leserliche Unterschrift zustande. Die Eheleute sind zufrieden. Lena bedankt sich bei mir, zieht sich zurück, „sonst kippe ich um“, sagt sie.

Dank der guten Medikation von Brückenschwestern und Hausarzt ist Manfred geistig voll wach, wir sitzen noch lange in der Küche zum Rauchen und Ratschen. Es wird eine ruhige Nacht. Statt Blumen und Kränzen am Grab wünscht er sich eine Spende für unseren Ambulanten Hospizdienst.

Am nächsten Morgen können wir drei zusammen frühstücken, der Pflegedienst kommt erst gegen 11 Uhr. Manfred ist schwach, raucht aber unbeirrt. Ich habe Lust auf eine „Sympathiezigarette“, die erste seit neun Jahren, begleite ihn dann ins Bett. Lena übernimmt die kommende Nacht selbst.

Es wird eine ruhige Nacht, auch wenn Wolfgangs Atemzüge kürzer und mühsamer werden. „Ich schaff es schon allein“, flüstert ihm Lena am Nachmittag zu. Danach atmet Manfred ruhiger. Er stirbt friedlich. Die Angehörigen können sich verabschieden, den Leichnam holt das Beerdigungsinstitut erst am nächsten Tag zur Einäscherung.

Für mich als Sterbebegleiter waren die drei Nächte ein Geschenk: Ich habe ein gutes Gefühl. Ich spüre, wie wichtig unsere Hilfe für die Betroffenen ist. Das Vertrauen der betreuten Menschen ist ein unschätzbares Geschenk – und es prägt mein eigenes Verhältnis zum Leben und zum Sterben.“

Zahlscheine für Weihnachtsaktion liegen heute bei

Zahlscheine für die OVB-Aktion liegen der heutigen Ausgabe bei. Die Spendensumme ist nun auf rund 175000 Euro geklettert, siehe neue Liste mit den Namen der Spender im hinteren Teil auf den Seiten V18 und V19.

Ludwig Simeth (OVB)

Quelle: rosenheim24.de

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