Taucher, Kräne, Dammbalken

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Die beiden Portalkräne bringen den Dammbalken in Position (großes Bild). Vorsichtig wird das 22 Meter lange Stahlelement ins Wasser abgesenkt (kleines Bild oben). Die Unterwassermontage übernimmt ein Taucher.

Rosenheim/Thansau - Am Rosenheimer Innkraftwerk läuft die regelmäßige technische Überprüfung der Anlage. Das verlangt vollen Körpereinsatz:

Robert Haller wirkt zufrieden: "Wie aus dem Lehrbuch", sagt der Betriebsmeister des Rosenheimer Innkraftwerks, als die Kräne den ersten Dammbalken ins Wasser hinabgelassen haben. Ein Taucher verschwindet in den trüben Fluten des Inns. Doch schon wenig später erscheint sein Kopf wieder an der Wasseroberfläche. Die Verschraubung klemmt. Haller flucht leise: "Dann wieder raus mit dem Ding", ordnet er an.

Arbeiter, Taucher, Kräne, Schwimmfloß: Es rührt sich einiges am Rosenheimer Innkraftwerk. Revision ist angesagt, so nennen die Kraftwerker die turnusmäßige Überprüfung und Instandhaltung der Turbinen. Drei der gewaltigen Schrauben sind vertikal liegend in das Kraftwerk eingebaut. Tag und Nacht strömt das Wasser durch eine sich verengende Schnecke hinab und setzt die Turbinen mit einem Durchmesser von 5,45 Metern in Schwung, um Strom zu erzeugen. Auf der anderen Seite der Staustufe, neun Meter tiefer, wird anschließend das Flusswasser durch den sogenannten Saugschlauch, eine mächtige Betonröhre, wieder freigegeben.

1960 wurde das Kraftwerk bei Rosenheim in Betrieb genommen und genauso alt sind die Maschinen und Anlagen. Umso wichtiger ist eine intensive Wartung. "Auf die Schaufelräder wirken immense Kräfte, wenn das Wasser auf sie hinabstürzt", so Haller. In den nächsten Monaten nehmen er und seine Mitarbeiter eine der drei Turbinen genau unter die Lupe. Sie wird auf mögliche Risse untersucht, verschmutzte Bauteile werden gereinigt, kleinere Schäden im Bauwerk ausgebessert. Alle vier Jahre steht eine solche Untersuchung an. Die beiden anderen Turbinen arbeiten unterdessen wie gewohnt weiter. Für die Untersuchung muss der Turbinenraum trockengelegt werden. Den Zufluss vom Oberlauf des Inns zu sperren, ist relativ einfach. Problematisch ist es, die flussabwärts gelegene Seite der Staustufe dicht zu machen. Dazu werden sogenannte Dammbalken verwendet: Die tonnenschweren Stahlelemente sind 22 Meter lang und drei Meter hoch. Sie werden unter Wasser aufeinander gesetzt, um den Saugschlauch dicht zu machen.

Jetzt ist es so weit: Die beiden mächtigen Kräne des Kraftwerks heben gemeinsam den ersten Dammbalken an und bringen ihn in Position. Kraftwerker setzen das Stahlelement rechts und links auf Schienen, die entlang der schräg verlaufenden Stützmauern bis zum Grund des Fluss hinab führen. Dann wird der Dammbalken zentimeterweise hinuntergelassen, verschwindet im Wasser und wird am Grund abgesetzt.

Nun hat Herbert Gradinger seinen Einsatz. An der Staustufe zwängt sich der Österreicher in seinen Trockentauchanzug. Acht bis zehn Meter tief muss der Berufstaucher bis zum Grund hinunter. Dort wird er überprüfen, ob die Aufliegefläche sauber ist und der Balken dicht gesetzt werden kann. Anschließend muss er das Element mit zwei Spindeln verschrauben.

Ein Bündel von Leitungen versorgt Gradinger während des Tauchgangs mit Luft und Strom. An seinem massiven Helm sind zwar Scheinwerfer befestigt, doch die nützen nichts: "Man hat dort unten null Sicht", sagt er. Im Wasser befinden sich zu viele Schwebeteilchen. Am Grund des Inns kann sich Gradinger deshalb nur auf seinen Tastsinn verlassen. Ein Floß bringt ihn so nah wie möglich an den Einsatzort, ehe er in das acht Grad kalte Wasser springt. Für den erfahrenen Berufstaucher ist der Einsatz am Inn Routine. Er arbeitet auch an den großen Donau-Kraftwerken oder an Staudämmen, wo bedeutend tiefer getaucht werden muss.

Ein Kollege hält die Verbindung am Funkgerät, ein dritter Mann achtet darauf, dass sich das Kabelbündel nirgendwo verkeilt. Nach wenigen Minuten erscheint Gradingers Kopf wieder an der Wasseroberfläche. Der Mann am Funk verständigt Haller. Eine der beiden Spindeln, mit denen der Dammbalken an der Stützmauer verschraubt wird, klemmt. Jetzt ist der Moment gekommen, wo der Betriebsmeister flucht. Eine Stunde Arbeit war umsonst. Der Dammbalken muss wieder hoch, damit seine Kraftwerker die verklemmte Schraube lockern können.

60 Minuten später sitzt der erste Balken an Ort und Stelle. "Der erste ist immer der schwierigste", sagt Haller, "der Rest ist Routine". Noch zwei weitere Stahlelemente müssen gesetzt werden. Die Kräne bringen schon den nächsten herbei.

Am Ende des Tages ist der Saugschlauch dicht. Taucher Gradinger und seine beiden Kollegen packen ihre Ausrüstung zusammen. Für sie geht es noch am gleichen Tag zurück nach Wien. Für die Rosenheimer Kraftwerker hat die Arbeit dagegen erst begonnen.

Klaus Kuhn (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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