Thema der Woche: Suchthilfe Teil 2

Abhängigkeit & Sucht: gestern, heute, morgen

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Wehner: "Veränderungen im Suchtverhalten fordern ein Umdenken in der Suchttherapie" 
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Rosenheim - Online-Sucht , "legal highs" und die Volksdroge Cannabis: Welche Herausforderungen bringen diese und andere Suchtmittel für die Suchthilfe der Gegenwart und der Zukunft?

"Genauso wie das tägliche Zusammenleben hat sich auch die Zielgruppe, der Drogenkonsum und damit auch die Hilfe in den vergangenen Jahren  teilweise stark verändert", erklärt Bertram Wehner. Seit über 30 Jahren begleitet der Geschäftsführer von "mudra" Jugendliche und Erwachsene auf dem Weg aus der Abhängigkeit. Zusammen mit seinen Pädagogen und Streetworkern bietet Wehner die komplette Palette, angefangen bei Prävention, über Betreuung und Substitutionsbegleitung bis hin zur Nachsorge in der zweitgrößten Stadt Bayerns an. Bei seinen Betrachtungen der Szene habe er beobachten können, dass Veränderungen in der Drogenhilfe nicht mit dem Wandel im Konsum und der Zielgruppe Schritt halten konnten. Im Rahmen seines Vortrags beim 3. Rosenheimer Suchthilfetag ging Wehner auf die zentrale Problematik hinter der Drogenhilfe ein.

Der Grund für den Konsum

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Der Griff zum Joint oder sogar zur Spritze habe die unterschiedlichsten Ursachen, so Wehner, die man aber in jedem Fall zur Bekämpfung der Sucht berücksichtigen müsse. So gestalte sich die Zielgruppenanalyse heutzutage sehr viel differenzierter, Drogen hätten ihren Einzug in alle Gesellschaftsschichten und jede Altersschicht bereits weit hinter sich. Abhängigkeit und Drogenkonsum dienten heutzutage eher als Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag. In der Gesellschaft könne Wehner eine Verschiebung in der Belastungsfähigkeit feststellen, Misserfolge im Beruf oder Privatleben würden heute schlechter verarbeitet. Die Abenteuerlust und der Drang Grenzbereiche zu erleben, könnte heute nicht nur durch verschiede Substanzen, sondern auch "online" leichter und schneller befriedigt werden. "Alles in allem, eine großes Angebot, leichte Verfügbarkeit," so Wehner über die Rolle von Drogen und Suchtmitteln in der Gesellschaft.

90 Prozent aller Drogentoten sterben an Heroin

Was sich laut Bertram Wehner in den vergangenen Jahren nicht verändert habe, sei die Hauptursache des Großteils der Drogentoten in Deutschland. 90 Prozent gingen hier auf das Konto der Droge Heroin. Eine große Veränderung habe jedoch bei den sogenannten "erstauffälligen Konsumenten" stattgefunden. Lagen hier im Jahr 1992 noch die Opiate an erster Stelle, waren es 2010 bereits die Amphetamine, die den größten Anteil in der Statistik ausmachten. Besonders in jüngster Zeit sei zusätzlich noch ein gestiegenes Angebot und höhere Nachfrage bei den "neuen Drogen" zu beobachten. "Legal highs" als Alternative zu Cannabis und sogenannte "Brainbooster" wie Ritalin zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, errangen besonders in den letzten Jahren zweifelhafte Berühmtheit.

Neue Wege in der Suchthilfe

Die geänderte Ausgangslage im Bereich der Suchtmittel müsse schließlich in auch zu einem Umdenken in der Suchthilfe führen. Neben den drei Grundsäulen "Prävention", "Beratung & Behandlung" und "Repression" müsse zukünftig auch der Bereich "Schadensminderung" in den Katalog der Maßnahmen mit aufgenommen werden, so Wehner. "Wir wollen eine Hilflosigkeit in der Drogenhilfe verhindern", am Drogenhilfe-Modell der Schweiz orientiert, gelte es in Zukunft je nach Intensität des Konsums und in Abhängigkeit des verwendeten Suchtmittels selbst, bedarfsorientiert und zielgerichtet auf die jeweilige Person einzuwirken. Ein Modell, dass die bisher opiat-lastige und wenig "kundenorientierte" Drogenhilfe schnellstmöglich ablösen muss, so Wehner. Als Grundvoraussetzung forderte Wehner dazu mehr Offenheit in der Fachwelt, der Gesellschaft und der Politik.

"Weg von der Abstinenz, hin zum Leben mit der Droge"

"Das erste, was wir akzeptieren müssen ist, dass die Zahlen stetig steigen", erklärt Wehner. Um dem Konsum adäquat entgegentreten zu können, müsse in der Gesellschaft ein Umdenken hin zu Toleranz anstatt von Ablehnung erfolgen. Spätestens bei den volkswirtschaftlichen Schäden, die der Konsum von Drogen für den Gesundheitsbereich und die Justiz verursacht, könne man dann auch auf ein offenes Ohr der Politik hoffen. Ein pragmatischer und flexibler Behandlungsansatz würde dann auch den Konsumenten den Gang zur Drogenhilfe wieder erleichtern. "Der Konsument muss von sich aus zur Drogenhilfe kommen und auch bleiben." Ein Umdenken, dass Marlene Mortler als amtierende Drogenbeauftrage der Bundesregierung bereits verinnerlicht habe. Nun gelte es "lediglich" die Ansätze noch in die Tat umzusetzen, so Wehner.

Am Freitag lesen Sie im letzten Teil unserer Serie zum Thema "Sucht" alles wissenswerte über die medizinische Seite des Entzugs.

Quelle: rosenheim24.de

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