Stöttners historischer Coup

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Der bayerische Landtag ist oft umgezogen: Zunächst tagten die Parlamentarier in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität, dann kurz in der Münchener Residenz; im Jahr 1948 war sogar die Oberfinanzdirektion München Heimstatt der Abgeordneten. 1949 folgte dann endlich der Umzug in das Maximilianeum. Seit 2005 lagern die Sitzungsmöbel weitab von der Landeshauptstadt im idyllischen Prutting.

München/Prutting - Klaus Stöttner hütet seit gut acht Jahren einen Schatz. Im Jahr 2004 hatte er dem Landtag das über 50 Jahre alte Mobiliar des Sitzungssaals abgekauft und in einem Stadl bei Prutting untergebracht.

Historiker hielten die Möbel lange für verschollen. Nun sollen sie im Museum der Bayerischen Geschichte, das derzeit in Regensburg gebaut wird, eine neue Heimat finden.

In seltener Einigkeit hatten die Fraktionen des Bayerischen Landtags im Jahr 2003 beschlossen, den alten Plenarsaal zu sanieren und ihn, so der Wortlaut der Entscheidung, "entsprechend den zeitgemäßen Mindestanforderungen für einen funktionalen Sitzungssaal umbauen zu lassen".

Der junge CSU-Abgeordnete Klaus Stöttner, seinerzeit frisch ins Maximilianeum gewählt, beschäftigte sich daraufhin schnell mit der Frage nach dem Umgang mit dem alten Mobiliar. "Alois, was machst denn jetzt mit dem ganzen Saal", habe er den damaligen Landtagspräsidenten Alois Glück gefragt. Als der ihm beschieden habe, dass man die 1948 gezimmerte Einrichtung verschenken beziehungsweise entsorgen wolle, sei er empört gewesen: "Alois, des geht so ned! Das sind 50 Jahre bayerische Geschichte, auf den Bänken ist noch der Schweiß von Franz-Josef Strauß drauf!" Seinen Entschluss habe er Glück daraufhin sofort mitgeteilt: "Alois, i bau des aus!"

Knapp zwei Jahre später fuhr Stöttner tatsächlich am Maximilianeum vor. Dank der Unterstützung seiner Freunde vom Pruttinger Theaterverein, mehrerer Onkel und eines befreundeten Zimmerers wurden rund 200 Stühle und Bänke ausgebaut und mit zwei Sattelschleppern gen Chiemgau transportiert. Gegen eine Spende von 2000 Euro durfte sich Stöttner fortan als Eigentümer der historischen Holzmöbel bezeichnen.

"Stöttner hat sich alles gesichert."

"Er hat sich ja nicht irgendwas gesichert, sondern wirklich alles", sagt Andreas Scherrer vom Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Augsburg über Stöttners Coup. Normal sei in solchen Fällen, dass die wertvollsten Stücke aufgehoben, Einzelteile verschenkt oder verkauft und der Rest vernichtet werde. Im Fall des Landtags etwa war es laut Scherrer so, dass das HdBG dem Landtag das alte Rednerpult und das Präsidium abgenommen hatte. Dass die Bänke und Stühle überhaupt noch existierten, davon - so Scherrer - hatten er und seine Kollegen bis vor kurzem keine Ahnung.

Stöttner nämlich hatte seinen Schatz nach dem Abtransport in den Landkreis Rosenheim sorgsam gehütet. Verstaut im Stadl seines Onkels, wollte er die Reste des ersten bayerischen Nachkriegs-Landtags schließlich nicht irgendwem an die Hand geben. "Verschiedene Landräte aus Schwaben haben bei mir angefragt, ob sie die Möbel auf irgendwelchen Burgen wieder aufbauen dürfen. Aber das wollte ich nicht." Sein ursprünglicher Plan, den alten Landtag in Schloss Herrenchiemsee unterzubringen, sei am Widerstand von Ex-Finanzminister Georg Fahrenschon gescheitert. "Der meinte: 'Das passt da nicht rein.'" Als Stöttner dann aber hörte, dass das HdBG in Regensburg ein Museum für bayerische Geschichte bauen will, habe sein Entschluss festgestanden: "Ein Museum. In Regensburg. Das ist Altbayern. Da passt es rein."

Politische Schwergewichte wie Franz-Josef Strauß (erste Reihe, Mitte) und Gerold Tandler (rechts neben Strauß) fanden auf den Möbeln des Plenarsaals ebenso Platz wie unauffällige Hinterbänkler und ehrgeizige Grünen-Politikerinnen. Bild: Abgeordnete Margarete Bause bei einer ihrer ersten Reden im Landtag 1986.

Im vergangenen September dann beglückte der Rosenheimer Landtagsabgeordnete den Direktor des HdBG, Dr. Richard Loibl, mit seinem Angebot. Loibl hatte den Sitzungssaal, wie er selbst zugibt, längst verschollen geglaubt. Aber weit gefehlt. Der "Mittelbayerischen Zeitung" gegenüber erinnerte sich Loibl so an seine erste Begegnung mit Stöttner: "Er nahm mich nach einer hitzigen Landtagsdebatte um das neue Museum beiseite und erklärte mir, dass meine Behauptung, der Sitzungssaal sei vernichtet worden, nicht stimmt." Als er ihn gefragt habe "Ja, wo soll er denn sein", habe Stöttner ihn über den wahren Verbleib des Landtags aufgeklärt und gefragt: "Und, wuist'n ham?" Wenige Minuten später war die Sache dann entschieden: Der Sitzungssaal, in dem ab 1949 für mehr als 50 Jahre bayerische Geschichte geschrieben wurde, soll in einem Museum in Regensburg einen würdigen Platz finden.

Ein kleiner Rest der großen Münchener Politik-Bühne aber wird dennoch im Landkreis Rosenheim bleiben. Stöttner hatte damals auch die alten Landtagsdielen ausbauen lassen. Und seit einigen Jahren zieren die nun den Boden des Pruttinger Dorfstadels.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser