Sternenkinder: Recht auf Existenz

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Die Friedhofstüren für eine Bestattung der Sternenkinder bleiben nicht länger verschlossen. Das Bruckmühler Ehepaar Diana und Sven Eibl stößt mit seinen Kindern Niclas und Melanie symbolisch die Pforte auf.

Bruckmühl - "Sternenkinder" existieren nicht vor dem Gesetz: Sie waren zu früh gestorben, wogen zu wenig und werden deshalb anonym beerdigt. Dagegen kämpfte nun eine Bruckmühler Familie.

Sie heißen Sternenkinder, weil sie nie das Licht der Welt erblickt haben. Ihre Existenz vor dem deutschen Gesetz war bis dato von einer Grammzahl abhängig. Eine untragbare Regelung für Diana und Sven Eibl aus Bruckmühl und weitere tausende Sternenkind-Eltern.

Jahrelang kämpften sie deshalb mit dem hessischen Ehepaar Mario und Barbara Martin um eine Änderung des so genannten Personenstandsgesetzes. Jetzt war die Petition erfolgreich. Einstimmig bewilligte der Bundestag jüngst das Gesetz. Um endgültig rechtskräftig zu werden fehlt nur noch die Unterschrift von Bundespräsident Joachim Gauck.

Kevin schaffte die umstrittene 500-Gramm-Grenze nicht. Er wog gerade einmal 165 Gramm bei seiner Totgeburt. Bis heute haben Diana und Sven Eibl keine Sterbeurkunde für ihren Sohn. "Im August würde er sechs Jahre alt werden. Stattdessen liegt er in einem Miesbacher Friedhof in einem anonymen Grab", so die Mutter gegenüber unserer Zeitung.

Grund: Kevin fiel in die gesetzliche Definition einer Fehlgeburt. Sterbeurkunden gab es bisher aber erst ab der "magischen 500-Gramm-Grenze." Erst dann galt das Baby gemäß dem Personenstandsgesetzes als tot geborenes oder in der Geburt verstorbenes Kind. Ein Unding für das Bruckmühler Ehepaar und 40.000 weitere Menschen, die sich für die Petition zur Gesetzesänderung eingesetzt hatten.

"Denn wir reden hier von Kindern, denen man bereits einen Platz in seinem Leben einräumt. Kevin sah zudem bereits wie ein richtiger Mensch aus", so die Bruckmühlerin. Sie hat insgesamt zwei Sternenkinder zu betrauern. Sohn Maxi verlor sie 2006 in der elften Schwangerschaftswoche. Ein Jahr später sollte dann die Familie mit Sohn Kevin vergrößert werden. Drei Monate lang kämpften die Eltern mit ihren Ärzten um das Kind. In der 21. Schwangerschaftswoche verlor sie das Baby allerdings erneut. "Bei ihm war es für mich besonders schwer, weil ich ihn in meinen Armen halten konnte", erinnert sich Diana Eibl.

Diesen Schicksalschlag musste nicht nur das Ehepaar verarbeiten. Auch Sohn Niclas (heute elf Jahre alt) musste die Vorfreude auf den Familienzuwachs und die dann einkehrende Trauer um die Sternenkinder verkraften.

Helfen sollte dabei eine Beerdigung. Doch da Sternenkinder rein rechtlich nicht existiert haben und auch nirgends statistisch registriert sind gab es für Kevin keine Sterbeurkunde. Somit erhielt er kein eigenes Grab. Aus Kostengründen konnte sich die Familie damals auch kein eigenes leisten und so wurde Kevin anonym beigesetzt. "Nur durch eine Sonderregelung durften wir bei der Bestattung dabei sein", erläutern die Eibls.

Kerzen oder Blumen an dieser Stelle aufzustellen, ist aber verboten. "Wir haben nach wie vor keinen konkreten Platz zum Trauern, obwohl auch Sternenkinder Teile einer Familie sind", betonen Sven und Diana Eibl unisono. In ihrem Haus in Bruckmühl erinnern unter anderem zwei Sterne an der Wand mit Namensschriftzug an die beiden Söhne Maxi und Kevin. Dadurch sind sie Teil des Familienlebens. Vor fünf Jahren wurde Diana Eibl dann noch einmal schwanger. Tochter Melanie ist heute vier Jahre alt. "Während der gesamten Schwangerschaft bangte und hoffte ich, dass dieses Mal alles gut geht."

Jetzt wendet sich aber das Blatt für die Sternenkinder: Mit dem einstimmigen Beschluss des Bundestags zur Gesetzesänderung "ist politisch ein Meilenstein gesetzt worden", so Diana Eibl. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie am Computer die Lesung und die Entscheidung der Abgeordneten verfolgt. "Wir konnten zunächst das Ergebnis nicht fassen. Das Glücksgefühl war unbeschreiblich." Treibende Kraft hinter der Petition war das Ehepaar Martin aus Hessen. Es hat selbst drei Babys verloren. Zwei davon existierten rechtlich nicht. Schätzungen besagen, dass es aber rund 1500 Sternenkinder bundesweit pro Jahr gibt.

Sobald Bundespräsident Gauck seine Unterschrift unter die Gesetzesänderung setzt, sollen auch tot geborene Babys, die unter 500 Gramm wiegen, künftig beim Standesamt registriert und anschließend richtig bestattet werden können. Zudem erhalten die Kinder künftig offiziell einen Namen. Auch rückwirkend soll die Eintragung erfolgen können - ohne zeitliche Einschränkung. Nur entsprechende Unterlagen sollten noch vorhanden sein.

Das Ehepaar Martin als Hauptinitiatoren wird dazu zusammen mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in den nächsten Wochen ein Hinweisblatt erarbeiten. Darin sollen alle Infos und Schritte für betroffene Eltern erklärt werden. "Wichtig war uns vor allem, dass es weder eine zeitliche Begrenzung auf die rückwirkenden Eintragungen oder auf die Anzahl der Schwangerschaftswochen gibt", freute sich Barbara Martin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Somit ist der Weg frei - sobald alle Modalitäten aufgearbeitet sind -, dass Kevin und Maxi eingetragene Kinder werden und endlich ein richtiges Grab erhalten.

Silvia Mischi/Mangfall-Bote

Quelle: rosenheim24.de

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