Diskussion in Nürnberg

Sollen Nazi-Bauten abgerissen werden?

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Blick auf die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Nürnberg - In den letzten Jahren war es ruhig geworden um das Nürnberger Reichsparteitagsgelände - jetzt ist eine neue Diskussion über die Zukunft des historisch belasteten Geländes entbrannt.

Einen offenen und tabufreien Umgang mit den Nürnberger Propaganda-Bauwerken aus der Nazi-Zeit haben am Samstag Intellektuelle und Kulturschaffende gefordert. Dabei sollte auch ein Abriss einzelner Bauwerke knapp 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Zeit nicht mehr kategorisch ausgeschlossen werden, forderten sie bei einem Symposium des Architektenvereins „Baulust“ in Nürnberg. Die Stadt Nürnberg prüft derzeit eine Instandsetzung der maroden Zeppelintribüne. Sie schätzt die Kosten auf rund 70 Millionen Euro - und hofft deshalb auf finanzielle Unterstützung von Land und Bund.

Mehrere Referenten betonten, die Nazi-Bauten, wie auch die baufällige Zeppelin-Tribüne, müssten allein daran gemessen werden, ob sie einen wirksamen Beitrag zur Erinnerungskultur leisteten. Falls das zweifelhaft sei oder Nazibauten sogar für eine Mystifizierung der Nazi-Zeit sorgten, sollte ein Abriss oder zumindest ein „kontrollierter Verfall“ ins Auge gefasst werden. Bauruinen seien nur eine von vielen Formen historischen Gedenkens, betonten mehrere Referenten. „Braucht man für das alles wirklich die Steine?“, fragte etwa die katholische Bildungsreferentin Doris Katheder.

Gegen eine Instandsetzung sprach sich auch der Berliner Schriftsteller und Philosoph Reinhardt Knodt aus: „Die Zeppelin-Tribüne ist ein Ort, der verfallen sollte. Kann sein, das man am Ende auch den Goldenen Saal mit Zement zufüllen muss“, sagte er. Der Goldene Saal hatte einst als eine Art VIP-Raum für die Nazi-Größen während der großen Aufärsche bei den NSDAP-Reichsparteitagen gedient.

Vehement wandte sich dagegen der Erlanger Psychologe Friedrich Lösel gegen einen Abriss oder einen kontrollierten Verfall: „Wenn alles verfällt, wird es künftig für viele Menschen nicht mehr attraktiv sein, einen Ort aufzusuchen, an dem heute wichtige Fragen zur Nazi-Zeit gestellt werden“. Das wäre, „als würde man Gras über die Geschichte wachsen lassen“, sagte er. Geschichte brauche Anschaulichkeit - und die lasse sich, wie psychologische Untersuchungen zeigten, am besten mit konkreten Personen oder anschaulichen Objekten verdeutlichen.

Widerspruch ernteten die Referenten auch bei den Machern des Dokumentationszentrums Reichsparteitagegelände. Zentrums-Mitarbeiter Alexander Schmidt erinnert daran, dass das Reichsparteitags-Gelände samt der Nazi-Bauten ein Anziehungspunkt für Nürnberg-Besucher aus aller Welt sei. Deshalb halte er Überlegungen für einen Abriss der Gebäude für „absurd“, unterstrich er. Ein Mitarbeiter der Nürnberger Bauverwaltung berichtete, Experten überprüften derzeit die Bausubstanz der Zeppelintribüne. Danach sei auf einer kleinen Fläche eine „Musterinstandsetzung“ geplant. „Damit wollen wir erst einmal nur zeigen, wie das aussieht“.

dpa

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