Schläge und sexuelle Belästigung in Pflegeheim

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Augsburg - In einem Augsburger Pflegeheim sind Bewohner nach Angaben des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) misshandelt worden. Die Vorwürfe:

Es ist kaum zu fassen, aber im Seniorenheim des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Augsburg-Haunstetten wurden alte Menschen über Jahre hinweg drangsaliert, geschlagen, willkürlich fixiert und mit Psychopharmaka ruhig gestellt – und in mindestens einem Fall auch sexuell belästigt.

Das BRK hat deshalb die Heimleiterin gefeuert und Strafanzeige gegen einen Pfleger gestellt. BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk sagte der tz, er habe am 29. Dezember von dem Skandal erfahren. Alarmierte Pflegekräfte hatten sich in ihrer Not an den Münchner Pflegeexperten Claus Fussek gewandt. Nach Prüfung der Lage habe man schließlich am 14. Januar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Im Fokus der Ermittlungen steht vor allem ein Pfleger, der auf den Stationen 1 und 2 des Heimes eingesetzt war. Hier werden Menschen behandelt, die völlig oder teilweise verwirrt sind und die deshalb ganz besonders auf Verständnis und Zuneigung angewiesen sind. Doch Pfleger Ali L. pflegte alles andere als einen liebevollen Umgang mit seinen Schützlingen. Ganz im Gegenteil. Der kräftige Mann schikanierte und schlug die alten Menschen. Wer seinen Anweisungen nicht umgehend folgte, der musste mit Prügel rechnen. Wen der 53-Jährige, der eine Ausbildung zur gerontologischen Fachkraft absolviert hat, verprügelt hat und wie oft, ist noch unklar.

„Fakt ist aber“, so Stärk, „dass Menschen, die von ihm im Bad gewaschen wurden, anschließend Hämatome hatten, und dass die Zahl der Stürze auf der Station stark gestiegen ist.“ Außerdem soll es zu einem sexuellen Übergriff bei einer Bewohnerin gekommen sein. Dazu passt auch, dass in einem Wäscheschrank des Heimes ein Pornoheft („Sex mit Oma“) gefunden wurde.

Unglaublich: Die Bewohnerin informierte ihre Schwestern über den Missbrauch. Die wandten sich an die Heimleiterin. Doch die Sache versandete, weil die Seniorin aus Angst vor ihrem Peiniger ihre Aussage zurückzog. Der aus Nordafrika stammende Ali L. soll auch nicht davor zurückgeschreckt haben, die Bewohner von Station 1 und 2 mit Psychopharmaka ruhig zu stellen – offensichtlich, weil er seine Ruhe haben wollte. Diese Praktiken wurden nach tz-Informationen (siehe unten) von Kollegen zwar immer wieder bei der Heimleiterin angeprangert. Doch diese dachte anscheinend gar nicht daran, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen.

Der 53-Jährige wurde stattdessen immer wieder befördert oder erhielt Sonderaufgaben – so war er etwa zuständig für die Medikamentenausgabe, die Pflegeschüler oder die Hygiene im Heim. Kein Wunder, dass sich immer mehr Kollegen deshalb zweimal überlegten, etwas gegen ihn vorzubringen, oder gänzlich schwiegen – weil der 53-Jährige auch sie bedrohte.

Übrigens: Bei der letzten Begutachtung durch den Medizinischen Dienst erhielt das Heim die Note 1,3! Und das, obwohl es 2009 nur mit „ausreichend“ bewertet worden war. Dass diese deutliche Verbesserung ausgerechnet in dem Zeitraum zustande kam, in dem eine Atmosphäre der Angst und Gewalt im Haus herrschte, kann sich auch BRK-Geschäftsführer Stärk kaum erklären. Er vermutet deshalb, „dass da wohl mehr die schriftlichen Protokolle als die tatsächliche Pflege geprüft wurden“. Das haben die Senioren in dem BRK-Heim nicht verdient.

Wolfgang de Ponte

Kollegen fürchten Rache des Tyrannen

„Wenn Sie wüssten, was hier los ist, wenn Sie nicht mehr da sind“, klagte ein Heimbewohner einer Pflegekraft sein Leid über die Gewaltexzesse von Ali L. im BRK-Heim in Augsburg-Haunstetten. Mehr wollte der alte Herr nicht sagen. Aus Angst.

Vor den Schlägen, vor den Brüllattacken und den brutalen Fixierungen von Ali A. Aber nicht nur die Senioren hatten Angst vor dem Mann, der wohl schon seit Jahren das ganze Heim tyrannisiert hat. Auch seine Kolleginnen und Kollegen zittern vor ihm. Auch jetzt noch fürchten sie seine Rache. „Der ist im Stande und zündet mein Auto an“, schilderte ein Ex-Kollege seine Ängste, weil er erfahren hat, dass Ali L. bereits nach den „Verrätern“ sucht.

Unglaublich: Unter Alis perversem Regiment litten die Kollegen derart, dass nach tz-Informationen mindestens acht inzwischen psychologische Hilfe brauchen, weil sie die Atmosphäre im Heim krank gemacht hat. Wie entsteht so ein System, in dem es ein Einziger schafft, alle zu tyrannisieren und die Heimleitung so einzuwickeln, dass sie ihn auch noch befördert?

Pflegeexperte Claus Fussek kennt die Antwort: „Weil alle – von den Angehörigen bis zu den politische Verantwortlichen – wegsehen, nichts wissen wollen. Wenn so etwas in einem Tierheim passierte, der Aufschrei wäre groß.“ BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk kündigte eine umfassende Aufarbeitung des Skandals an und wünscht sich künftig in den Heimen des BRK ein Arbeitsklima, das es Mitarbeitern leicht macht, Missstände offen und umgehend anzusprechen. Hoffentlich bleibt dies nicht nur ein frommer Wunsch …

Rubriklistenbild: © dpa

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