"Ich fahre nur zum Arzt"

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Am parkenden Auto vorbeigeschrammt und nichts gemerkt - wenn Senioren des öfteren in dieser Weise auffallen, werden sie nach Hinweis von der Polizei an die Führerscheinstelle zum Gespräch geladen.

Landkreis - Mehrere schwere Unfälle, die betagte Autofahrer verschuldet haben, sorgen derzeit für neue Diskussionen um die Fahrtüchtigkeit älterer Menschen.

Das Rosenheimer Amt für Verkehrswesen setzt bei Senioren, die nachweislich nicht mehr fahrtauglich sind, auf intensive Überzeugungsarbeit - in der Regel mit Erfolg.

Der alte Herr fährt so langsam über gut ausgebaute Bereiche der Bundesstraße 15, dass andere Autofahrer ungeduldig zum Überholen ansetzen, wirkt an der Panoramakreuzung orientierungslos, zeigt sich im Kreisel am Ludwigsplatz unsicher, fährt auf Parkplätzen an Supermärkten andere Wagen an, ohne die Kollision zu bemerken und wirkt bei der Unfallaufnahmen verwirrt: Das ist der typische Fall, der bei Verkehrspolizisten die Alarmglocken schrillen lässt, weil sie vermuten, dass der Autofahrer überfordert sein könnte. Doch auch Angehörige melden sich in der Führerscheinstelle des Amtes für das Verkehrswesen und bitten um behördlichen Beistand, wenn es darum geht, den greisen Vater zu überreden, das Auto in der Garage stehen zu lassen.

Egal, ob eine Meldung der Polizei oder von besorgten Angehörigen eintrifft, Amtsleiter Manfred Orgler und seine Mitarbeiter befinden sich bei der Klärung der Frage, ob ein Senior noch fahrtüchtig ist, auf einem schmalen Grat - zwischen der Notwendigkeit, die Sicherheit im Straßenverkehr aufrecht zu erhalten und der Pflicht, Bürger nicht aufgrund ihres Alters zu diskriminieren.

Anders als in einigen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keine Altersgrenze für das Autofahren. Auch auf eine Regelung, ab einem bestimmten Alter die Eignung nachweisen zu müssen, verzichtet der Gesetzgeber. Das ist aus Orglers Sicht auch grundsätzlich sinnvoll: "Wir werden immer älter und die Senioren sind heute weitaus fitter als Gleichaltrige früher". In einer Gesellschaft, in der 70-Jährige noch Marathon laufen und 80-Jährige mit dem Wohnmobil auf Weltreise gehen, ist das Alter nicht länger gleichbedeutend mit Gebrechlichkeit. Ältere Menschen, die seit vielen Jahrzehnten am Steuer sitzen, besitzen zudem eine große Erfahrung im Straßenverkehr, die junge Leute, die ebenfalls häufig Unfälle verursachen, nicht aufweisen.

In der Regel sind es ältere Männer

In Rosenheim kommt es pro Jahr fünf- bis zehnmal vor, dass die Polizei dem Amt für Verkehrswesen einen älteren Menschen meldet, der etwa durch häufige Parkplatzrempeler, eigenartiges Fahrverhalten oder Unfälle, die auf fehlende Fahrtüchtigkeit hinweisen könnten, aufgefallen ist. Die Führerscheinstelle ist dann verpflichtet, die Eignung zu überprüfen und lädt den Betroffenen - in der Regel sind es ältere Männer - zu einem Gespräch vor. Grundsätzlich führen erfahrene Mitarbeiter mit guter Menschenkenntnis dieses Gespräch. Häufig stellt sich schon in der ersten Besprechung die Bereitschaft ein, sich nicht mehr an das Steuer zu setzen. Wer trotz behördlicher Bedenken weiterfahren möchte, muss seine Fahrtauglichkeit mit einem ärztlichen Attest nachweisen, so Orgler zum weiteren Verfahren. Wird das Attest von der Führerscheinstelle als glaubhaft eingestuft, etwa, weil der Hausarzt auf Probleme bei der Medikamenteneinstellung, die nun behoben sind, hinweist, ist der Fall erledigt. Bleiben erhebliche Zweifel, wird der Autofahrer nach Angaben des Amtsleiters aufgefordert, eine Fahreignungsprüfung zu absolvieren. Sie findet in Begutachtungsstellen statt, beispielsweise beim TÜV. Dort fordere der Gutachter eine Fahrprobe, untersucht die Reaktionsfähigkeit des betagten Fahrers und führt eine psychologische Untersuchung durch. Kommt der Gutachter zum Ergebnis, dass sich der Betroffene aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr hinter das Steuer setzen dürfte, wird er erneut zum Gespräch ins Amt gebeten. Dort kann er nach Orglers Erfahrung in der Regel endgültig von der Notwendigkeit überzeugt werden, den Führerschein freiwillig abzugeben. "Die meisten akzeptieren das Gutachten, auch wenn es ihnen sehr schwer fällt", so Orgler. Wer es nicht wahrhaben will, kann gegen den Entzug der Fahrerlaubnis vor dem Verwaltungsgericht klagen. "Das", so Orgler, "haben wir in den vergangenen zehn bis 15 Jahren aber noch nicht erlebt."

Nur wenige Handlungsmöglichkeiten gibt es, wenn besorgte Angehörige sich bei der Führerscheinstelle melden und um ein Einschreiten bitten. Die Behörde kann erst aktiv werden, wenn ihr eine Meldung schriftlich vorliegt. Viele Söhne und Töchter, die vergeblich versucht haben, ihre mit konfusem Fahrverhalten aufgefallenen Eltern vom Steuern des Autos abzubringen, schrecken vor diesem Schritt jedoch zurück. Die Vorstellung, Vater oder Mutter könnten sie des "Anschwärzens" bezichtigen, ist für sie eine nicht zu überwindende Hürde. Die Mitarbeiter der Führerscheinstelle können in solchen Fällen nur beraten, wie ein betagter Autofahrer zum freiwilligen Verzicht motiviert werden kann.

Beispiel Blacky Fuchsberger

Die häufigste Argumentation der Betroffenen, die auch die Führerscheinstelle immer wieder hört: "Ich fahre doch nur noch zum Arzt oder zum Einkaufen um die Ecke und kenne den Weg." Viele Senioren hängen nach Erfahrung von Orgler sehr an ihrem Führerschein, weil er ihnen Mobilität garantiert, die ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit symbolisiert. Deshalb würden die meisten Senioren, die freiwillig auf das Autofahren verzichten, ihren Führerschein auch dann behalten, wenn sie nicht mehr selber fahren, so wie der 85-jährige Schauspieler Joachim "Blacky" Fuchsberger.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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