Kinder im Stich gelassen? Pflegeberater im Gespräch

Verzweifelte Eltern, starre Bürokratie und Kinder als Verlierer

Die Jugendämter haben sich aus der Bezahlung der Schulbegleitung im häuslichen Umfeld zurückgezogen. Die Lage vieler Eltern ist verzweifelt. Wir haben mit Thomas Stingl vom Pflegeberatungszentrum TnT über die aktuelle Situation gesprochen. 

Mit voller Härte trifft diese neue Realität Kinder mit Beeinträchtigungen. Kinder, die man aufgrund der wertvollen Unterstützung durch Begleitlehrer gut in Regelklassen integriert hatte, stehen jetzt in vielen Fällen alleine da. Die Eltern sind verzweifelt. Die Bürokratie schlägt zu und trifft die Schwächsten. 


Thomas Stingl kennt die Situation der betroffenen Familien ganz genau. Zusammen mit Tabitha Licht gründete er 2007 ein Pflegeberatungszentrum in Rosenheim, 2013 erfolgte die Gründung der „TnT“ („Thomas 'n' Tabitha“)-Pflegeberatung. Die GmbH hilft etwa bei der Beantragung und Durchsetzung des Pflegegrades sowie bei der Beratung von Pflegebedürftigen und unterstützt seelisch, geistig und körperlich beeinträchtigte Schüler und Auszubildende mit Schulbegleitern. 

Thomas Stingl im Interview mit rosenheim24. Zusammen mit Tabitha Licht gründete er die TnT-Pflegeberatung in Rosenheim. 

96 Schulbegleiter sind derzeit bei „TnT“ angestellt. Nur jene, deren Finanzierung über den Bezirk läuft, können derzeit ihrer Tätigkeit nachgehen. 33 sind de Facto zum Nichtstun verdammt. Da sich die Jugendämter an ein Schreiben des Landkreis- und Städtetags gebunden fühlen (lesen Sie hier die genauen Hintergründe), finanzieren sie auch die Schulbegleitung im häuslichen Umfeld nicht. Sie unterbreiteten aber einen Lösungsvorschlag: Die Unterstützung könne ja digital, beispielsweise via Skype oder WhatsApp, erfolgen. 

Stingl versucht zu intervenieren, und den zuständigen Stellen zu erklären, dass man etwa Kinder mit Asperger-Syndrom oder Autismus nicht einfach via Skype anleiten kann. Denn diese haben zwar keine grundsätzlichen Probleme, Aufgaben zu lösen. Gerade in Mathematik oder logik-basierten Fächern erbringen sie gute Leistungen. Oftmals sind es aber Aufgabenstellungen, die ihnen Probleme bereiten. Beispielsweise, wenn die Rechenaufgaben in Texte verpackt sind. Auch Umwelteinflüsse wirkten ungehemmt auf die Kinder ein. Es könne passieren, dass die Kinder dann unter Stress gerieten, wie Stingl ausführt. All dies zu registrieren, und dem Kind zu helfen, sei die verantwortungsvolle Aufgabe der Schulbegleiter. Dies digital zu bewerkstelligen, wäre in den meisten Fällen nicht zielführend. 

Stingls Versuche, Änderung zu erwirken, verlaufen im Sand. „Schulbegleitung findet doch in der Schule statt“, erhält er einmal als knappe Antwort. Vorerst jedenfalls sparen sich die Landratsämter viel Geld. Geld, das eigentlich schon budgetiert war. Auch für die Eltern sei die Situation sehr schwierig - nicht zuletzt, da oft weitere schulpflichtige Kinder im Haushalt lebten, die ihrerseits Unterstützung bei den Aufgaben bräuchten. „Die Situation vieler Familien ist verzweifelt“, so der dramatische Appell von Stingl. 

Dazu komme, dass die Eltern oft erst lange für die Schulbegleitung kämpfen mussten, und diese nun wieder plötzlich entfalle. Dies sei sehr frustrierend. Viele Eltern hätten sich auch schon an die Behörden gewandt. Bislang vergebens. Man merkt Stingl im Gespräch an, wie sehr ihn die derzeitige Lage belastet. Er kann der Maßnahme nur wenig abgewinnen. Das mögliche Argument des Infektionsschutzes lässt er nur bedingt gelten: „Wir haben es hier ja mit einer 1:1-Betreuungssituation zu tun“. Ähnliche Bedingungen seien auch im Gesundheits- oder Pflegebereich gegeben, wobei die Anzahl der Kontaktpersonen dort sogar höher sei. 

Wie steht es um das Menschenrecht auf Bildung? 

Grundsätzlich jedenfalls wäre die Sache klar: Es gibt ein Menschenrecht auf angemessene Bildung und Ausbildung. Das ist auch von Deutschland – und Bayern – ratifiziert. „Durch die Schulschließung ist die Schulpflicht nicht aufgehoben“, wie Stingl im Verlauf unseres Gesprächs anmerkte. Es bleibt zu hoffen, dass Bayerns Behörden dies auch im Falle von Kindern mit Beeinträchtigung so sehen.

Quelle: rosenheim24.de

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